2018 war gestern. 2019 kommt die Liebe.

Ich weiß, 2018 war hart, wirklich – vor allem für Deutsch-Rap-Fans. Für ganz viel Furore haben Kollegah und Fahrid Bang gesorgt, auch der gute Gzuz hat die Kategorie „Tabubrüche“ abgearbeitet, SXTN haben sich getrennt, Ufo 361 sowie RAF Camora haben bekannt gegeben, zukünftig eher keine neuen Raps mehr zu machen (der eine mehr, der andere weniger).

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Bei allem aber irgendwie omnipräsent: der ständige Beef. Ob nun Rapperkollegen untereinander, mit Fans oder gegen Medien – irgendwer hat sich immer mit irgendwem gestritten. Um es mal kurz zu sagen: Ich finde das ganz schön anstrengend.

Ich weiß, die Rapkultur ist im Battle verwurzelt, Streit gehört zu dieser Subkultur. Aber es gibt eben doch einen Unterschied zwischen einem gepflegten Beef im Battle-Duell oder in einer medial inszenierten Schlammschlacht oder generell pöbelnden Auftreten.

Deswegen rufe ich hiermit ein Plädoyer für mehr Liebe im Deutschrap aus.

Ich bin eher in den Fankulturen von Indie- und Alternativekreisen groß geworden. Ständiges Pöbeln ist da eher nicht so verankert. Was mich in diesem Jahr aber besonders erschüttert hat in Rap-Fankreisen: die bedingungslose Loyalität gegenüber einem Kollegah, Buschido, Capital Bra oder sonstigen Rapper.

Loyalität ist an sich eine feine Sache. Ich meine, es hat schon einen Grund, wieso wir eben jene Musik mögen und andere eben nicht. Aber unreflektiert jegliche andersartige Meinung diffamieren zu müssen oder noch schlimmer, gleich zu mobben ist eine Unart. Die offenbar immer salonfähiger geworden zu sein scheint – der scheinbaren Anonymität des Internets sei Dank.

Ich finde es auch scheiße, wenn mir jemand sagt: „Ey du, die Arctic Monkeys sind richtige Hurensöhne.“ Aber pöbele ich genau im gleichen Ton zurück? Nein. Ich habe mir lange den Kopf zerbrochen, woher die aggressive Grundhaltung in der Fankultur von Deutschrappern kommt.

Nachdem ich jede Menge Artikel zu dem Thema gelesen habe, Dutzende Artikel auf „Raptastisch“, „Hiphop.de“ und „Juice“ gelesen habe, komme ich zu dem Ergebnis, dass es zum einen an der Selbstdarstellung vieler Rapper wie Kollegah, Bushido und Fler liegt, dass auch ihre Fans sich möglichst kompromisslos und stark geben wollen. Zum anderen liegt es aber auch an einer ziemlich unreflektierten Berichterstattung über Hip-Hop-Themen selbst. Meistens schreiben Fans über ein Genre, ohne in Kontexte und Referenzräume einzuordnen oder Vergleiche zu ziehen.

Ich bin auch Musikfan und Musikjournalistin. Und ehe ich mir diesen Vorwurf anhören mus: Ja, ich komme nicht direkt aus Hip-Hop-Kreisen. Aber ich kann auch guten Gewissens schreiben, dass das dritte Album von Mumford & Sons, die ich sonst sehr verehre, einfach grottig war, rein musikalisch gesehen. Das bedeutet nicht, dass ich alles scheiße finde, was Mumford & Sons machen oder alle scheiße finde, die ihre Musik hören oder sie trotzdem gut finden.

Über Musik schreiben ist ja immer noch etwas sehr Subjektives.

Ich kann, auch wenn ich kein Ultra-Hip-Hop-Nerd bin, mich mit der Musik und wo sie herkommt, beschäftigen und sie so mehr verstehen. Wenn ich also Frauen-verachtende Lyrics in einem Track kritisiere, heißt das nicht, dass ich den Fans, die diese Musik hören, die Pest an den Hals wünsche. Aber das für manche Leute diese Lines vielleicht problematisch sind, bleibt einfach. Oh Gott, wie viele Hass-Nachrichten die NOIZZ-Redaktion auf Facebook und Co. von Fans bekommt, die meinen, wir starten gleich eine Lynchkampagne, wenn wir mal nicht superpositiv über etwas berichten.

Es ist okay, dass es verschiedene Meinungen gibt. Und jetzt klinge ich viel zu sehr, wie unser verehrter Bundespräsident in der Weihnachtsansprache, aber hey: liebe Deutsch-Rap-Jünger, lernt mal wieder gepflegt zu streiten und andere Meinungen aushalten zu können!

Dafür braucht es nicht mehr als ein wenig mehr Liebe.

Eigentlich sind wir ja auf einem ganz guten Weg. Rapper wie RIN oder Bausa, die im Jahr 2018 zu den erfolgreichsten Künstlern in Deutschland gehörten, sind ja eher Anhänger der Romantik. Sie rappen über eigentlich ziemlich unspektakuläre Alltagsdinge. Bisweilen manchmal sogar ganz schön kitschig. Denen hören aber trotzdem Millionen zu. Und auch der deutsch-ukrainische Rapper Olexesh hatte seinen erfolgreichsten Track 2018 nicht mit einem seiner harten Stücke, sondern mit der eher zahmen Nummer „Magisch“, ein Feature mit dem Sänger Edin.

Trotzdem hat der Straßenrapper sein Gesicht bei so einem Track nicht verloren.

Also: Auf zu neuen Ufern im Deutschrap mit mehr Romantik und Liebe. Davor muss keiner Angst haben. So kann 2019 vielleicht in die Geschichte gehen als das Jahr, dass den Deutschrap veränderte – und ihn so auch anderen zugänglich macht, die ihn bisher nur als Prollgehabe abtun.

Oder um es mit den Worten von Rin zu sagen: „Shawty ist so high und sieht Liebe überall, ey yeah.“

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Quelle: Noizz.de