Sie kamen, ohne dass wir sie hörten – jetzt werden wir sie nie wieder los.

Die Straßen von Berlin sind gefährlich – und zwar längst nicht mehr, weil dort Jugendbanden mit schillernden Namen wie "36 Boys" Vorort-Kids die Monatskarte abziehen. Die Zeiten sind vorbei: Das Kottbusser Tor und der Hermannplatz fühlen sich mittlerweile an wie München-Schwabing, bloß, dass die Gebäuderiegel aus den 70er Jahren nicht ganz mit den Jugendstil-Palästen mithalten können.

Gefahr droht vielmehr von links, rechts, vorne und hinten: von den vielen Verkehrsteilnehmern auf dem Gehweg und der Straße. Schon Fußgänger, Fahrrad- und Autofahrer schaffen es kaum, zivilisiert miteinander umzugehen. Zu viel alles, zu chaotisch alles, zu wenig ist der Berliner auf sein Gegenüber bedacht. Kinderwagen-Phalangen nehmen die gesamte Breite von Bürgersteigen ein, Longboard-Fahrer cruisen somnambul von der Straße auf den Fahrradweg auf den Trottoir und wieder zurück. Rote Ampeln? Gelten lediglich für Zugezogene und Touristen.

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Verschärft wurde die Situation schon letztes Jahr durch die Flut von Leih-Bikes, die wie eine Naturkatastrophe über Berlin hereinbrach. Schnell wurde der gesamte innere S-Bahnring zum Schrottplatz, der an dystopische Filme à la "I Am Legend" erinnerte. Kaputte Obikes – die gelben aus China – wurden zu Kunstwerken aufgehäuft – ganze Instagram-Accounts beschäftigten sich damit. Ihr Anblick machte augenblicklich fortschrittspessimistisch. Spanische Erasmus-Studenten brachten auf jenen Einweg-Rädern nicht nur sich selbst und ihren Berghain-Besuch in Gefahr, sondern auch alle anderen um sie herum – von der Rollator-Oma aus Moabit bis hin zum Liegeradfahrer aus Kreuzberg 61.

Als nächstes kamen die Elektro-Roller: eMio (später Emmy) und Coup. Sie versprachen bei warmen Temperaturen dasselbe Freiheitsgefühl wie die Leih-Vespa auf Sizilien – bloß ohne Abgase und Lärm. Doof nur, dass es den Möchtegern-Motorinisti im Gegensatz zu ihren Italo-Vorbildern nicht gelang, sich locker-lässig durch den Feierabendverkehr zu schlängeln. Dazu muss man schon bei jenem lieblichen Knattern in den Schlaf gewogen worden sein. (Es hilft auch, wenn man von frühester Jugend an allabendlich das Moped auf der Piazza vorführte.) Die Anstellung in einem Start-up und der regelmäßige Verzehr von Craft-Espresso qualifizierten leider nicht für smoothe Elektro-Roller-Fahrten. Zum Leidwesen aller anderer Verkehrsteilnehmer hörte man die Gelegenheits-Kamikaze-Piloten nicht, sodass jederzeit überall mit einem unkontrollierten Behelmten zu rechnen war.

Man merkt: Das war alles schon schlimm genug, aber wir hatten uns damit arrangiert. Kinderwagen machten Platz, Longboardfahrer konzentrierten sich auf eine Fahrbahn, Erasmus-Studenten besorgten sich auf verschiedenen Wegen eigene Fahrräder, im Leih-Bike-Business wurde ausgesiebt und selbst Elektro-Roller-Fahrer ließen alle Ambitionen fallen, aus der Berliner Innenstadt Neapel zu machen.

Und dann kam, was niemand vorhersehen konnte: der E-Scooter – vulgo: Elektrotretroller. Und obwohl er in Berlin erst seit einer Woche zugelassen ist, nervt er schon jetzt wie ein Mücke, wenn das Licht ausgeht. Und zwar aus vier Gründen:

1. E-Scooter sind die neuen AirPods. Schon viel zu lange war es wieder her, dass die Quatsch-begeisterte Konsum-Avantgard Apples kabellose Kopfhörer hoffähig gemacht hatte – dazu aber mal ein anderes Mal. Mittlerweile war jenem informellen Freundeskreis der Marketingopfer langweilig geworden, und so wurde die Ankunft des neuen Fortbewegungsmittels begrüßt wie in Tibet der neue Dalai Lama. Ja ja, jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Aber Hype-Gläubigkeit tut beim Zuschauen halt weh ...

2. E-Scooter stehen noch doofer rum als Leih-Bikes – und das, obwohl die gegenwärtigen acht (!) Anbieter gerade erst angefangen haben, Berlin mit ihnen zuzuschütten. Vielleicht liegt es daran, dass alle halbwegs vertretbaren Stellplätze bereits mit Fahrrädern und Co. zugeparkt sind. Oder daran, dass man bei E-Scootern (noch) kein Gefühl hat, wo's okay wäre, sie abzustellen. Vielleicht liegt es an der Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität seiner gegenwartsbezogenen Nutzer – dasselbe Problem wie anfangs bei den Leih-Bikes. Was auch immer der Grund ist, schon jetzt fällt auf, dass E-Scooter vor allem eines tun: die letzten Freiräume in der Innenstadt verstopfen.

3. E-Scooter sehen einfach lächerlich aus. Wer schon mal in einem Skatepark war und dort jemanden mit seinem unmotorisierten Tretroller rumdilettieren hat sehen, vor allem, wer die Blicke der "richtigen" Skater beobachtet hat – irgendwas zwischen Mitleid und Hohn –, kann die motorisierte Version nicht guten Ästhetikgewissens gut finden. Auf (E-)Scootern sieht man einfach aus wie ein Kind – und kann dabei noch nicht mal Tricks machen. Und obwohl es ja tatsächlich Fortbewegungsmittel gibt, auf denen man im Stehen vorankommt, ohne dabei komplett albern auszusehen – zum Beispiel Rolltreppen oder Skateboards –, erinnert alles, was einen Griff hat, allzu sehr an den unumstrittenen Vehikel-GAU: den Segway.

4. E-Scooter sind noch gefährlicher als ihre großen Brüder. Wie diese sind sie kaum zu hören und triggern einen Kamikaze-Fahrstil. Die Gefahr potenziert sich bei E-Scootern dadurch, dass sie auftauchen, wo man sie nicht erwartet – nämlich überall. Schon jetzt ist abzusehen, dass E-Scootisten alles befahren, was halbwegs gangbar ist. In Zukunft wird man also nirgendwo mehr vor ihnen sicher sein: weder als Autofahrer auf der Straße, noch als Spaziergänger auf dem Parkweg. Gedankenverlorenes Flanieren gehört bald der Vergangenheit an.

>> Erste E-Scooter-Unfälle in Deutschland

Aber wie mit allem: Wir werden uns auch an E-Scooter gewöhnen. Und Ausgeburten der Hölle haben immer das Potenzial zum Himmelswesen. Mich werdet ihr trotzdem nie auf einem jener Un-Vehikel sehen.

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Quelle: Noizz.de