Nachdem Comedian Dieter Nuhr das Buch "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" als "rassistisch" bezeichnet hat, meldet er sich nun erneut zu Wort – um sein Statement zu unterstreichen. Hier findest du vier Argumente, die du deinen Eltern schicken kannst, falls sie Dieter an den Lippen hängen.

Dieter Nuhr hat in seiner "ARD"-Sendung am vergangenen Donnerstag das Buch "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" von Autorin Alice Hasters vorgestellt. Er habe es am Flughafen gesehen. Begeistert ist er von dem "Spiegel"-Bestseller nicht. Laut seiner Aussage sei der Titel selbst "rassistisch" – man könne Weißen aufgrund ihrer Hautfarbe keine bestimmte Einstellung unterstellen.

Es hagelte Kritik. Nicht nur bezeichnete der Comedian das Buch fälschlicherweise als "Riesenrenner" in den USA – das Buch wurde nie dort veröffentlicht –, er machte in seinem Monolog auch schnell klar, dass er wohl nie einen Blick in das Buch geworfen hatte. Schließlich begründet Hasters, alle Menschen seien rassistisch sozialisiert. Weiße seien jedoch aufgrund des gesellschaftlichen Rassismus privilegiert. Außerdem führt sie an, dass "Weiß sein" kein biologischer Fakt sei, sondern ein soziales Konstrukt.

Nun meldet sich Nuhr erneut zu Wort. Auf seinem YouTube-Account lädt er ein knapp siebenminütiges Statement hoch – mit dem Titel: "Nuhr Wöchentlich – Rassismus". Der 60-Jährige möchte seinen Auftritt erklären. Er räumt seinen Fehler ein, das Buch als US-Renner bezeichnet zu haben, bleibt im Rest des Clips aber bei seiner Haltung.

Wir erklären dir, was Nuhr in seiner Argumentation übersehen hat.

1. "Selbstverständlich bin ich kein Rassist"

Dieter Nuhr bezieht sich in seinem Video erneut auf den Buchtitel "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" – und findet, der sei natürlich extra bewusst provokant gewählt. Besonders stören tut ihn aber etwas anderes: "Er enthält einen pauschalen Vorwurf einer bestimmten Hautfarbe, und ich glaube nicht, dass [...] Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe eine bestimmte Haltung mitbringen müssten."

Für ihn steht fest: "Selbstverständlich bin ich kein Rassist." Die These, die Nuhr so irritiert, ist im Kern diese: Alle Weißen sind im wesentlichen Rassist*innen. Verständlich, das hört sich im ersten Moment sehr radikal an. Nimmt man sich die Zeit, den Ansatz zu verstehen, wird aber schnell klar: Ganz so einfach kann man die Idee nicht wegreden. Im Gegenteil.

Erst kürzlich befasste sich der "Spiegel" mit dieser Frage. Schließlich gibt es auch Expert*innen, die finden, ein*e Rassist*in zu sein, bedeutet nicht nur, Schwarze hassen und das N-Wort sagen – sondern, dass man es sich in einem rassistischen System gemütlich gemacht hast.

Erziehungswissenschaftlerin Robin DiAngelo erklärt im Interview: "Wir leben in einer Gesellschaft, zu deren Grundlage es gehört, dass Weiße privilegiert sind. Das gilt für die USA, aber auch für Deutschland." Die weiße Mehrheitsgesellschaft nehme diese Privilegien in Anspruch. "Wir tun aber gleichzeitig so, als ob sie nicht existierten", so DiAngelo weiter.

Und das ist ein Fakt, den man nicht mit unterschiedlichen Definitionen wegargumentieren kann. Alle weißen Menschen sind Nutznießer*innen des rassistischen Systems, in dem sie erwiesenermaßen leben. People of Color und Schwarze Menschen haben daraus resultierend schlechtere Jobchancen, haben es schwerer bei der Wohnungssuche, et cetera. Natürlich möchte sich deshalb niemand als Rassist*in bezeichnen lassen. Das gehört aber dazu, wenn man die Diskriminierungs-Geschichte anerkennt und sich seinem Privileg bewusst wird.

Dein Privileg existiert nämlich nur, weil andere im Nachteil sind. Dieter Nuhr hält, so wie alle anderen weißen Menschen auf irgendeine Weise auch, das rassistische System am Laufen. Eben weil Weiße ihre Vorteile unbewusst genießen und nicht aufgeben. Und genau deshalb kann man an dieser Stelle sehr wohl in eine Verallgemeinerung gehen: Alle weißen Menschen, die ihre oben aufgezählten Privilegien nicht aktiv aufgeben, nähren das rassistische System.

Das ist ganz sicher nichts, was man als Weißer hören möchte. Es ist schwer zu verdauen. Besonders deutlich hat Dieter Nuhr das als weißer Mann nun mit seinem Statement gemacht – und erfüllt damit genau das, was der Titel des Buches, über den er sich so echauffiert, skizziert.

2. "Ich sehe mich gar nicht als Weißer … Ich sehe mich als Mensch – ganz normal"

"Ich sehe mich gar nicht als Weißer … Ich sehe mich als Mensch – ganz normal", erklärt Dieter Nuhr im Video. Er möchte damit wohl klarmachen, dass er keinen Unterschied zwischen sich und anderen sieht. Ein Satz, der im ersten Moment harmlos und sehr richtig klingt. Sollten das nicht alle bescheidenen, demütigen Menschen über sich sagen?

Leider gibt es auch hier das Privilegienproblem, das Nuhr übersieht: Der Komiker kann sich sehr wohl "einfach nur als Mensch" sehen, der ganz normal ist. Als weißer Mann bekommt er das tagtäglich von der Gesellschaft bestätigt.

Als Schwarzer Mensch hingegen kannst du diesen Satz nicht aussprechen, ohne dabei festzustellen, dass du in vielen Teilen der Welt nicht "einfach nur als Mensch" und als "ganz normal" gesehen wirst, geschweige denn leben kannst. Es verhält sich hier ähnlich wie mit dem Slogan "All Lives Matter", der als Reaktion auf den "Black Lives Matter"-Slogan ins Leben gerufen wurde. Auch hier soll verdeutlicht werden: Wir sind alle gleich und alle gleich wichtig. Leider wird, wie auch in Dieter Nuhrs Statement, eine entscheidende Sache nicht mit gedacht.

Was da vergessen wird, erklärte David Theo Goldberg, der Leiter des Humanities Research Institute der University of California, bereits vor fünf Jahren gegenüber der "Huffington Post" so: "'All Lives Matter' ist eine Selbstverständlichkeit. Das Beharren auf 'Black Lives Matter' ist notwendig, weil in den USA im Gegensatz zu 'All Lives Matter' schwarze Leben zu oft als unwichtig angesehen werden. Daher sei es notwendig 'Black Lives Matter' zu schreien, weil die Gesellschaft immer wieder Beweise liefert, dass 'All Lives Matter' für viele Schwarze nicht gelte."

3. "Da wird ein Begriff wie Rassismus neu definiert, und dann wird von mir eingefordert, ich müsse mich an diese neue Definition halten"

Das Leben ist schon hart: Da stellt eine Generation fest, wie rassistisch die Welt ist und möchte das in ihrer Sprache erkennbar machen, um dagegen anzugehen, und dann wird auch noch von den Menschen erwartet, ebenfalls umzudenken. Da können wir ja gleich aufhören, das N-Wort und Mohrenkopf zu sagen.

Richtig, und genau deshalb sind diese Worte heute tabu. Weil wir verstanden haben, dass die strukturelle Diskriminierung der Schwarzen Bevölkerung in einer von weißen Menschen gemachten Welt sowie die Vorgeschichte der Kolonialisierung und Sklaverei auf einem komplett anderen Blatt geschrieben stehen, als wenn ein Deutscher nicht vernünftig Urlaub machen kann – wie in Nuhrs Beispiel. Deshalb benutzen wir das Wort "Rassismus" heute explizit für die rassistische Diskriminierung von Schwarzen.

Natürlich kann Nuhr von niemandem gezwungen werden, umzudenken. Es gibt auch heute noch Weiße, die Zigeunersoße und das N-Wort sagen. Aber diese Wörter zu nutzen, ist halt rassistisch.

4. "Wenn ich als Weißer durch Mali reise und auf dem Marktplatz aufgrund meiner Hautfarbe bedroht werde, dann ist das für mich ganz selbstverständlich Rassismus"

Nuhr glaubt anscheinend nicht an strukturellen Rassismus gegen Schwarze. Sein Rassismus-Begriff sei ein "umgangssprachlicher", heißt: Einer, der zwischen bloßer Diskriminierung im Mali-Urlaub und der Erfahrung der Schwarzen Bevölkerung keinen Unterschied macht, auch wenn er das selbst betont. Dabei sollten seine Urlaubsbeispiele das beste Beispiel sein, wieso eine sprachliche Differenzierung so sinnvoll ist und sich die Diskriminierung aufgrund seiner weißen Hautfarbe – die er natürlich erleben kann – nicht mit der strukturellen Lebensrealität von POC und Schwarzen vergleichen lässt.

Nuhr findet: "Ich darf das als Rassismus bezeichnen, wenn ich als Weißer aufgrund meiner Hautfarbe bedroht werde." Das darf er tatsächlich, und da es für "Rassismus" mehr als eine feste Definition gibt (unter anderem nachzulesen auf "humanrights.ch"), ist es auch nicht so, dass er das Wort per se falsch verwendet. Aber der gesellschaftliche Konsens ist eben ein anderer, und das aus gutem Grund.

Und natürlich überführt es Nuhr, ebenso, wie es Menschen überführt, die "Mohr", "Zigeunersoße" oder "China-Virus" sagen. Denn was er mit seinem Statement und Gebrauch von "Rassismus" signalisiert, ist, dass er nicht bereit ist, sein weißes Privileg in einer strukturell rassistischen Gesellschaft gegen die Schwarze Bevölkerung anzuerkennen und sich infolgedessen mit dem Thema auseinander zu setzen und seine Sprache zu überdenken.

Hier kannst du dir Dieter Nuhrs Rassismus-Statement anschauen:

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  • Quelle:
  • NOIZZ.de