„Zu geil für diese Welt“ oder „Viva Forever“?

Eine Ära geht zu Ende. Am 31. Dezember um 13.59 Uhr verklingt nach 25 Jahren und 18 Tagen der Puls deutscher Jugend-Popkultur im TV: Dann heißt es nämlich Bye-Bye, Viva. Ein trauriger Tag, wenn man bedenkt, dass der Sender 1993 in Köln zu einer Mission antrat, die einem Selbstmordkommando glich: Man wollte ein deutsches MTV auf die Beine stellen.

Natürlich hatte das Ganze nicht nur mythische-ideologische Ansätze, dahinter steckten Interessen der deutschen Musikindustrie: Alle großen Labels bis auf BMG und Universal taten sich zusammen, um einen Sender zu gründen, der die Plattenverkäufe auf dem deutschen Markt ankurbeln sollten. Der Plan ging auf: Viva gehört für all jene, die ihre Teenager-Jahre in den Neunzigern und Nullerjahren verbracht haben genauso dazu wie Techno, Furbys und Fila-Sneaker.

Umso trauriger das endgültige Todesurteil für den Musiksender im August – und wenn wir ehrlich sind: Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis das passierte. Nun wird Viva an Silvester, wo eigentlich die Sektkorken knallen und Partylaune herrschen sollten, durch Comedy Central als Vollprogramm ersetzt. Lachen statt weinen, so die Devise beim Konzern Viacom, zudem Viva seit 2005 gehört – übrigens: auch MTV Deutschland gehört dazu.

>> Mehr dazu: Bye Bye, VIVA (Gülcan war mein Vorbild)

Was noch viel trauriger ist: Eigentlich sollte Viva still und heimlich gehen.

Keine Pläne für irgendwelche Abschiedsrituale seitens des Konzerns. Viva sollte einfach von der Bildfläche verschwinden. Ganz im Gegensatz zu dem Knall mit dem Viva in der deutschen TV-Landschaft auftauchte: bunt, schrill, experimentierfreudig und laut. Genauso wie das erste Musikvideo das auf dem Musiksender lief: „Zu geil für diese Welt“ von den Fantastischen Vier.

Gott sei Dank, kam es dann nicht ganz so, denn es sollte doch eine große Abschiedsshow für den Kultsender meiner Jugendtage geben. „Viva Forever“ soll sie heißen, das große Special bevor für immer der Stecker gezogen wird. Premiere feierte die Sendung – ironischerweise – bei MTV und zwar bereits am 15. Dezember. Seitdem läuft die Sendung in Dauerschleife-Wiederholung auf Viva. Bis dann am 31. Dezember eben wirklich Schluss ist.

Und das, was ich da zu sehen bekam, war und ist das traurigste, jämmerliche Schauspiel, dass ich jemals gesehen habe. Fast teilnahmelos sitzen da Jan Köppen, Mola Adebisi, Oliver Pocher, Collien Ulmen-Fernandez und Sarah Kuttner sowie „Bailando“-Sängerin Loona auf dem Sofa in irgendeinem Berliner Studio. Im Hintergrund ein paar silberne Luftballons, die das Wort „Viva“ bilden. Für mehr reichte wohl die Kohle nicht.

Als ob die Eltern dir ‘nen Zehner in die Hand gedrückt hätten und gesagt haben: „Hier, damit kannst du deine Abschiedsparty planen. Lade ein paar Leute ein, du darfst den Partykeller benutzen. Mehr ist halt nicht, ne …

Das hat Viva nicht verdient. Wirklich nicht. So eine unwürdige Verabschiedung wünsche ich nichtmal meinen Erzfeinden.

Aber eines nach dem anderen

Was gut war: Es war richtig schön nostalgisch. Noch einmal daran denken, wie man sich irgendwie um die Hausaufgaben gedrückt und stattdessen lieber „Interaktiv“ geschaut hat. Oder noch einmal herzzerreißend „Du trägst keine Liebe in dir“ von Echt trällern. Oder noch einmal daran denken, wie cool eigentlich Viva und vor allem Viva Zwei (später Viva Plus) waren. Ich meine: hey, Britney war da! Stefan Raab hat da seine Karriere begonnen! Und Heike Makatsch und überhaupt!

Aber gleich die Moderation zu Beginn der Sendung zeigt, wieso der Spirit von damals passé ist: „Herzlich willkommen zur fröhlichen Beerdigungsshow unseres liebsten Jugendsenders, der jetzt keiner mehr ist, weil wir alle alt sind.“ Aber hey: Noch lange kein Grund Viva in zynischen Sarkasmus zu ertränken.

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Klar, alle wirkten damals wie auf Dauerdroge und irgendwie hatte wohl keiner einen richtigen Plan, wie und ob irgendeine Livesendung funktionierte, aber gerade das war auch so toll an Viva. Im Gegensatz dazu war „Viva Forever – die Show“ wie eine gequälte Schulstunde mit Anwesenheitspflicht, die dann irgendwie doch über die Bühne gebracht werden musste.

Mit wohl fast genauso wenig Budget wie die Studiodeko wurden wohl auch die Einspieler mit Künstlern von damals abgedreht, die sich noch einmal an ihre Viva-Highlights erinnern durften. Fanta Vier, DJ Bobo, Loona … sie alle wurden, wohlmöglich mit dem iPhone, abgedreht, schnell und unkompliziert, und genauso inhaltslos irgendwie.

Apropos, Loona: Die war der einzige musikalische Studiogast und trat dann noch einmal mit „Bailando“ auf. Wie kann es bitte sein, dass Loona der einzige musikalische Gast war, der bereit war aufzutreten?! Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Ist Viva so egal geworden? Ich meine Loona tritt auch im ZDF-Fernsehgarten auf. Oder wollte man den Abschied möglichst trashig halten?

Der letzte Song, der wahrscheinlich bei Viva laufen wird, kennen wir dank Dauerwiederholung übrigens bereits auch schon: „Viva Forever“ von den Spice Girls. Das ist zwar passend. Aber bei Weitem nicht so innovativ wie das erste Video, dass bei dem Sender jemals über die Bildschirme flimmerte. Und der magische Moment wird auch nicht bleiben. Armes Viva!

Quelle: Noizz.de