Was daran das eigentliche Problem ist

Kendall Jenner und die amerikanische „Vogue“ haben sich gerade reichlich unbeliebt gemacht. Grund dafür ist ein Fotoshooting der Kardashian-Schwester mit gelockten und toupierten Haaren.

Die Frisur des Models ist in dem Foto, dass „Vogue“ bei Instagram teilte, zu einer Art Afro gestylt. Dementsprechend entfachte sofort eine Debatte über Cultural Appropriation. Da Kendall eine weiße Frau ist, ist die Verwendung des traditionellen afro-amerikanischen Looks völlig unangebracht, findet das Netz.

Ja, die Frisur kann durchaus als eine Aneignung einer anderen Kultur zum kommerziellen Zweck gesehen werden und sorgt damit zu Recht für Kritik. Vor allem, weil die Modewelt rund um die legendäre Zeitung weiterhin ziemlich homogen weiß ist. Weiße Frauen verkaufen leider weiterhin mehr Magazine als schwarze Frauen. Das eigentliche Problem hinter der Debatte über Kendall Jenners Frisur ist jedoch ein anderes:

Ein Afro ist in der Fashion-Branche momentan nur edgy und cool, wenn sie von einer weißen Person getragen wird.

Immer wieder sieht man Afros, Braids oder andere Looks, die ohne Kontext zu deren Geschichte für die Industrie kommerzialisiert werden. Die Kardashians tun das gefühlt jede Woche. Wenn Kendall Jenner einen frechen Afro trägt, wird sie als Stilikone gefeiert. Wenn Lupita Nyong'o bei einem Covershooting ihre natürlichen Haare zeigt, werden sie vor Veröffentlichung wegretuschiert. Das ist so tatsächlich noch im vergangenen Jahr bei der englischen Modezeitschrift „Grazia“ passiert.

Fakt ist: Frauen, die von Natur aus Afrohaare haben, müssen im Alltag weiterhin oft mit Beleidigungen, blöden Blicken oder Einschränkungen bei der Arbeit rechnen. In den USA können weibliche Angestellte sogar dafür gefeuert werden, wenn ihre Haare nicht den vorgegebenen Standard erfüllen.

[Auch interessant: Warum Kim Kardashian nicht gern über Sex redet – trotz Nackt-Cover]

Auch Schulen haben häufig ähnliche Regeln, bei denen Mädchen nicht einmal im Kindesalter ihre natürlichen Afrolocken tragen dürfen. Denn eine krause Mähne wird gerade in den Vereinigten Staaten noch häufig als ungepflegt oder verlottert abgetan. Und trotzdem oder gerade deswegen fehlen in Mode- und Beautymagazinen weiterhin Haarpflege-Tipps oder Tutorials für Afrolocken. Frisuren und Tricks für glatte oder gewellte Haare sind dafür in Massen vorhanden.

Schließlich ist auch 2018 das Schönheitsideal noch immer auf hellhäutige Frauen gemünzt. Die Folge: Frauen mit Afrohaaren werden im Alltag diskriminiert.

Kendall Jenner, die europäisch-amerikanische Eltern hat, kann einen Afro für ein Fotoshooting tragen, ohne dafür gedemütigt zu werden.

Diesen Luxus haben Afro-Amerikanerinnen nicht. Außerdem kann sie ihre Haare jederzeit wieder glatt stylen. Andere Frauen müssen dafür viel Zeit und Geld investieren oder schmerzhafte Prozeduren über sich ergehen lassen, um dieses Schönheitsideal zu erreichen.

Das aktuellste „Vogue“-Shooting ist nicht die Ursache dieser Dynamik, allerdings ein Symptom der weiterhin vorhandenen Doppelmoral der Modeindustrie. Es geht halt einfach nicht, dass man Afros für einen coolen Look eines weißen Models ausnutzt, ohne Frauen mit natürlichen Afrolocken abzubilden oder genau diese Frauen inhaltlich völlig zu ignorieren.

Das Modemagazin hat sich mittlerweile in einem Statement für den Look entschuldigt, niemand sollte damit verletzt werden. Die Inspiration stamme aus den 60ern und 70ern und dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Viele User dürfte das allerdings trotzdem nicht umstimmen.

Zum Glück gibt es viele Powerfrauen und Aktivisten in der Medien- und Modebranche, die sich für die Normalisierung des Afros einsetzten. So zum Beispiel Sängerin Beyoncé – die zu Beginn ihrer Karriere selbst noch versuchte ihre Haare mit sogenannten Weaves an das weiße Schönheitsideal anzupassen – die sich in ihrem „Formation“-Musikvideo zum ersten Mal stolz mit ihrem natürlichen 'fro zeigt. Ihre Schwester und Kollegin Solange ist ebenfalls eine Verfechterin der Afrolocken.

[Auch interessant: Stars wie Gigi Hadid sollen jetzt für ihre eigenen Paparazzi-Bilder zahlen]

Auch in Deutschland setzen sich bereits einige Frauen für die Akzeptanz des Afros ein. So zum Beispiel Moderatorin Aminata Belli, die ihre tollen Locken auf roten Teppichen und in Werbungen rockt. Ebenso wie Bloggerin Joannas Essentials, die auf ihrem YouTube-Kanal ihre Pflege- und Stylingtipps weitergibt. Durch dieses Engagement können bald hoffentlich auch Frauen mit natürlichen Locken diese ohne Konsequenzen tragen – nicht nur Models wie Kendall Jenner.

Quelle: Noizz.de