Schlager und Rap, das sind zwei Musikrichtungen, die könnten nicht weiter voneinander entfernt sein – oder? Während Rap Zeitgeist, fresh und Jugendkultur ist, denken wir bei Schlager an schunkelnde Omis und jodelnde Alm-Öhis. Wenn man genau hinsieht, ist Rap aber auf bestem Weg, der neue Schlager zu werden: kommerziell, simpel, Stock im Arsch.

Rap ist so groß wie nie und die Musik unserer Zeit. Wohlgemerkt, obwohl seit Jahren die ewig ekelhafte Note des Sexismus', der Homophobie, und anderer Diskriminierungen mitschwingt. Das ist schon ein Kunststück. Neun von zehn Songs in den Top 10 der deutschen Charts sind Deutsch-Rap, und zwar immer die gleichen Verdächtigen: Capi, Ufo, Luciano, Bonez, KC Rebell, Loredana, Shirin David, Summer Cem und so weiter. Kommerzieller Gangster-Rap mit Autotune räumt ab.

Deutschrap: Auf dem Höhepunkt ist vor dem Abstieg

Jede Strömung, egal ob in der bildenden Kunst oder Musik, hat ihre Hochphase und irgendwann ihr Ende. Klar gibt es auch heute noch Rockbands, aber welche Rolle spielen E-Gitarren bitte in unserer Jugend? Gunna-Samples mal außen vor. Rap hingegen ist überall und mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Trotzdem: Wer genau hinsieht, der merkt – trotz Omnipräsenz – die ersten Risse im Fundament. Was mal jung, wild und rebellisch war, wird in Deutschland mehr und mehr berechneter Kommerz, immer abgeklatscher, simpler, steifer und gestellter.

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Wie viele Zukunft hat ein Musikgenre, das für eine junge Generation keine ernst zu nehmende Kunstform darstellt, sondern zur substanzlosen Geldmaschine nach Schema F geworden ist? Keine.

Rapper Eno, Sinnbild einer geldgeilen Szene, die sich ganze Karrieren auf dem Diebstahl internationaler Hits aufbaut.

Deutschraps Kommerzialisierung

Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist vielleicht der normale Lauf der Dinge. Coole Künstler*innen spinnen ein Genre neu und schaffen – auch in Abgrenzung zum 90er-Jahre-Boom-Bap – einen Musikstil, das mithilfe von Autotune und tanzbaren Beats, die für Rap typische Selbstinszenierung mit Massappeal unter einen Hut bekommt. Hits werden produziert, das Geld regnet und es wachsen mehr Stars aus dem Boden, als in die Charts passen.

Mit zunehmendem Erfolg ist nach und nach eine Industrie entstanden, die nur noch das Geld sieht, und sich dafür komplett schamlos verkauft und zum Hampelmann macht. Welcher Rapper sagt noch, er oder sie rappe wegen Kunst? Keiner, es geht immer um Kohle, bei jedem Einzelnen. Früher was es cool, nicht ans Geld zu denken. Heute wächst künstlerisches Prestige mit der Anzahl an Chains und Rolis am Körper.

Capital Bra, der erfolgreichste deutsche Rapper seit Jahren. Sein Werbespot für seine Tiefkühlpizza "Gangstarella" hat fast zwei Millionen Klicks auf seinem eigenen YouTube-Kanal (Stand: Juni 2020). Für seine gesungenen Singles verwendet er seit Monaten fast immer die gleiche Melodie – und chartet trotzdem auf #1.

Die Kredibilität vermeintlich realer Gangsta- und Straßenrapper hält genau so lange, bis sie in einer Position sind, aus Scheiße Gold zu machen. Ab dann rechtfertigt bare Münze jedes Mittel und der größte Schrott wird noch als geniales Produkt verpackt, nicht etwa als der künstlerische Abfall, der er ist.

Wie cool ist das noch? Capis Pizza "Gangstarella"? Das Kopieren und Übersetzen internationaler Hits, ohne es kenntlich zu machen, angeführt von Abziehbild Eno? Sero el Meros "Lass Cruisen"-Challenge. Deluxe-Boxen mit Plastik und CDs, die keiner mehr abspielen kann, vollgestopfter Abfall für 40 Euro. Wir sind an einem Punkt, an dem es nichts gibt, was Deutsch-Rapper für Geld nicht tun würden.

Es ist nicht so, als hätten deutsche Rap-Künstler*innen kein Talent. Es ist die Auslage der gesamten Szene, die mittlerweile so gnadenlos auf Kommerz zugeschnitten ist, dass kein Platz für gute Kunst bleibt.

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Shirin David. Talentiert, smart und zielstrebig führt sie ihre Rap-Karriere von der ersten Sekunde – als Business. Der Beat ihrer letzten Single "Hoes up G's down" ist von einem alten Song von Jay z kopiert, der Rapflow ihrer vorletzten Single "90-60-111" ist von Nicki Minaj. Die Songs sind cool, aber wie cool ist es, so zu arbeiten?

Schlager und Rap

Wie lange braucht es noch, bis sich die neue Generation nicht mehr damit identifizieren kann? Bis wieder Jugendliche kommen, die einfach Spaß an Musik haben – und haben wollen? Die sich in diesen Abziehbildern nicht mehr sehen? Die in ihrem Kinderzimmer künstlerische Ikonen hängen haben wollen und keine toxisch maskulinen Sellouts? Irgendwann kommt der erste Teeny und macht was cooles Neues. Klar, passiert das früher oder später eh. Aber ich glaube, dass das "Früher" näher ist, als wir aktuell vielleicht glauben.

Und vor allem: Die Rockstars den 20. Jahrhunderts haben auch heute noch immer echte Genies, die keinen Fick gegeben haben. Aber sind Deutsch-Raps besagte Chart-Rapper mit ihren gestellten Grinsen, ihren oberflächlichen Charakteren, den immer gleichen Lifestyles und Attitüden nicht eins zu eins das, was wir sonntags im Musikantenstadl zu sehen bekommen?

Heino (81), Schlagerstar – der Capi seiner Zeit?

Capi und Heino

Ist es nicht total wahrscheinlich, dass unsere Kinder beim Klang vom Deutsch-Rap der 10er und vielleicht 20er das gleiche empfinden, was wir Kinder der 90er und Millennials beim Klang von Schlager hören – simpelste, immer gleiche Rhythmen verpackt in stumpfe, identisch geschaltete Weltbilder und Wertesysteme?

Ich glaube schon. Was aus Deutsch-Rap geworden ist, ist das Pendant zum Schlager unserer Eltern und Großeltern: Kommerzielle Massenmusik, die nach ein und demselben Mustern den winzigen Tellerrand der Hörer*innen bedient, um auf Nummer sicher die ganz großen Scheine mit nach Hause zu nehmen. Das, was Deutsch-Rap im Großen und Ganzen heute noch cool und fresh erscheinen lässt, ist nichts als die Gunst der Stunde, gerade noch das angesagte Genre zu sein.

Quelle: Noizz.de