Der neue Lars-von-Trier-Film ist so brutal, dass 100 Leute das Kino verlassen

Alena Struzh

Pop, Food und Feminismus
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Lars von Trier (m.) mit den Schauspielern Bruno Gantz (l.) und Matt Dillon (r.), die beide in "The House That Jack Built" mitspielen Foto: Stefanie Rex / dpa picture alliance

Und wir fragen uns: Warum ist er schon wieder in Cannes?

Vor sieben Jahren wurde der Regisseur Lars von Trier von den Filmfestspielen in Cannes verbannt. Der Grund: Der Filmemacher hatte sich als Nazi bezeichnet und Sympathien zu Hitler geäußert. Dieses Jahr begnadigte das Festivalgremium den Dänen mit der Begründung, dass von Trier „Lange genug bestraft worden ist“ und lud seinen neuen Thriller „The House That Jack Built“ ein.

Wie der Trailer vielleicht schon spoilert: Der Film ist absolut verstörend und gewaltverherrlichend. Es geht um den Serienmörder Jack, gespielt von Matt Dillon, der einem Gegenüber erzählt, wie er die prägendsten seiner 60 Morde erlebt hat. Das passiert in vier Kapiteln und wer Lust hat, sich anzuschauen, wie eine tote Frau über die Straße geschliffen wird, bis ihr Gesicht verschwindet, ist bei „The House That Jack Built“ richtig.

Hatte das Publikum in Cannes den 62-Jährigen noch vor Filmstart im Kinosaal frenetisch umjubelt, wendete sich das Blatt während der Vorführung: Während der Premiere verließen etwa 100 Zuschauer den Saal – der Film sei zu brutal. Zum Teil werden sehr detailliert Kindermorde gezeigt, was für viele verständlicherweise die Grenze von Kunstfreiheit überschreitet. Der Kritiker der britischen Zeitung „Telegraph“ überstand die Tortur doch und bezeichnete den Film als „zweieinhalbstündigen, selbstreflexiven Qual-Porno“. Immerhin wird der Film außerhalb des Wettbewerbs gezeigt.

Mag der Film noch künstlerisch der Jury von Cannes gefallen haben, ist die Geste, Lars von Trier eingeladen zu haben, zurzeit einfach unpassend. Der Regisseur ist Teil der #MeToo-Debatte und wird gemeinsam mit seiner Produktionsfirma von mehreren Frauen, darunter der isländischen Pop-Sängerin Björk, der sexuellen Belästigung beschuldigt. Das spiegelt sich auch in den meisten seiner Filme wieder, wo Frauen meist eine erniedrigende Rolle haben. Gegen von Triers langjährigen Produzenten wird zurzeit ermittelt, in einem Interview äußerte Peter Aalbæk Jensen auch stolz, dass er seit 25 Jahren allen Frauen am Set auf den Hintern klatschen würde.

Filmemacher wie Lars von Trier beherrschen gutes Kinohandwerk und die Provokation muss in der Kunst Platz haben. Doch sollten Filmfestspiele wie die in Cannes Männern, die toxische Machtverhältnisse im Filmgeschäft aufbauen und unterstützen, grade keine große Bühne liefern. Stattdessen aber den 82 Frauen, die auf dem roten Teppich für mehr Gleichberechtigung protestierten.

Die Jurypräsidentin Cate Blanchett trug ein bewegendes Plädoyer gegen Sexismus vor und erinnerte daran, dass in der Filmgeschichte von Cannes bisher 71 Regisseure die goldene Palme gewannen, jedoch nur eine Frau, nämlich Jane Campion für ihr Werk „Das Piano“. Das sind die Stimmen, die wir in unserer Gesellschaft grade hören müssen.

Quelle: Noizz.de

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