Als hätte es #Metoo nie gegeben, veröffentlicht Rammstein-Sänger Till Lindemann einen Gedichtband mit einer lupenreinen Vergewaltigungsfantasie – und romantisiert sie auch noch. Der Lektor des Bandes rechtfertig das Gedicht mit einem Narrativ, das wir aus #Metoo-Debatten kennen.

2020 bleibt uns wirklich nichts erspart. Während viele von uns sich in der Corona-Quarantäne aber mit tollen neuen Büchern eindecken, schwemmen auch Werke auf den Markt, die man nur mit dem Prädikat "schrottig" auszeichnen möchte. Bestes Beispiel dafür: Der neu erschienene Gedichtband "100 Gedichte" des Rammstein-Sängers Till Lindemann – der soll “kurze, pointierte Gedichte" enthalten, die den Leser "überraschen und erschüttern", so der Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Doch es scheint, als ob der Verlag mit den Worten "überraschen und erschüttern" vor allem eines meint: Aufmerksamkeit um jeden Preis. Und wenn ich sage um jeden, dann meine ich wirklich JEDEN PREIS. Denn vor allem ein Gedicht zeigt: Unsere Hoffnung darauf, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen seit #Metoo zumindest von der Öffentlichkeit verurteilt und abgestraft wird, löst sich so langsam wieder in Luft auf. Wie sonst könnte man sich die Veröffentlichung des folgenden "Gedichts" – oder sagen wir lieber dieser "Gedicht gewordenen Vergewaltigungsfantasie" – erklären?

Lindemann romantisiert K.O.-Tropfen und Vergewaltigung

"Wenn du schläfst

Ich schlafe gerne mit dir, wenn du schläfst. Wenn du dich überhaupt nicht regst. Mund ist offen, Augen zu. Der ganze Körper ist in Ruhe. Kann dich überall anfassen. Schlaf gerne mit dir, wenn du träumst. Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht es Spaß). Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas). Kannst dich gar nicht mehr bewegen. Und du schläfst, es ist ein Segen."

Statt dieser pseudopoetischen Verse hätte Lindemann auch einfach schreiben können: "Ich verabreiche dir gerne K.O.-Tropfen, um dich zu vergewaltigen." Ein Aufschrei seitens des Verlags und dort publizierenden Autor*innen? Fehlanzeige. Und genau das macht so fassungslos.

Denn was Lindemann hier in Gedichtform versucht zu romantisieren, ist eine Vergewaltigung – eine Straftat, die unzähligen Menschen das Leben zur Hölle macht und die er mit seinen Zeilen normalisiert, gar als etwas Schönes darstellt.

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Tabus brechen um jeden Preis

Was Lindemann mit diesem Gedicht erreichen möchte, kann man nur raten, denn kommentiert ist es nicht (problematisch genug): Versucht er, seiner persönlichen Erregung über Vergewaltigungsfantasien Ausdruck zu verleihen? Will er gar einen Einblick in die verquere Gedankenwelt eines Vergewaltigers geben, um Aufmerksamkeit auf dieses brandaktuelle Thema zu lenken? Oder – und das vermute ich – will er Tabus brechen, um seinem brachialen Image gerecht zu werden und NOCH mehr Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, als ihm sowieso schon zuteilwird?

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Das wäre nicht das erste Mal. Regelmäßig schafft er es zum Beispiel mit Musikvideo-Szenen wie dieser in die Schlagzeilen:

Szene aus Till Lindemanns Video zu "Till the End"

Doch welche Intention er auch immer beim Verfassen des Gedichts hatte – eines steht fest: Durch die unkommentierte Veröffentlichung des Gedichts hat er schlicht eine rohe Vergewaltigungsfantasie in die Welt gerotzt, die durch das Absegnen des Verlags und Lindemanns Promi-Status auch noch legitimiert wurde. Das Gedicht verhöhnt Überlebende sexualisierter Gewalt und beflügelt Gewaltfantasien gegen Frauen, die durch die romantisierte Darstellung auch noch salonfähig gemacht werden.

Lektor bedient altes Narrativ

Der Lektor des Lyrikbandes, Helge Malchow, äußerte sich nun öffentlich zu der starken Kritik und sagte, dass "die moralische Empörung über den Text […] auf einer Verwechslung des fiktionalen Sprechers, […] mit dem Autor Till Lindemann" basiere. Damit sagt er im Grunde, dass die Leser*innen Werk und Autor nicht trennen und die Kritik an Lindemann deshalb nicht rechtens sei. Ein altbekanntes Narrativ: Frauenfeindlichkeit ist gerechtfertigt, wenn sie als Kunst gekennzeichnet ist.

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Warum ausgerechnet ein progressiver Verlag wie Kiepenheuer & Witsch so etwas veröffentlicht, ist ein Rätsel. Es bleibt zu hoffen, dass der bisher ausgebliebene Aufschrei nachgeholt und der Verlag aufgerüttelt wird.

  • Quelle:
  • Noizz.de