Coburg ist eine Stadt im Norden von Bayern mit rund 40.000 Einwohner*innen. Kann man kennen oder auch nicht. Auch wer nicht gerade in der Gegend geboren oder aufgewachsen oder Fan von Victoria und Albert ist, sollte sich mal mit der Stadt auseinandersetzen, denn ganz Coburg ist voll von dem rassistischen "Coburger Mohr".

Coburg ist sehr stolz auf seinen "Mohr". In Berlin diskutiert man "nur" über die Umbenennung der Mohrenstraße in Mitte, in Oberfranken diskutiert man – gar nicht!? Dabei ist die ganze Stadt voll vom "Coburger Mohr", einer karikaturistischen, stereotypischen Darstellung einer Schwarzen Person. Es soll sich um den heiligen Mauritius handeln, den Schutzpatron Coburgs. Ob der wohl wirklich so aussah?

"Coburger Mohr": Ein rassistisches Bildnis als Wappen der Stadt

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Er kam wohl aus Oberägypten und war laut der Webseite der Stadt tatsächlich "kein Mohr", trotzdem wird er noch heute auf dem Stadtwappen, allen Gullideckeln, an Kirchen und anderen Gebäuden als Stereotype eines Menschen aus Afrika portraitiert. Weil "Künstler des Mittelalters" den Heiligen gerne mal so dargestellt hätten, als klischeehaften "Mohr" mit dicken Lippen, großen Ohren, Goldschmuck und Krause. So die Erklärung der Stadt im Netz.

>> Umbenennung jetzt! Die "Mohrenstraße" in Berlin ist ganz klar rassistisch

Afrika ist zwar ein Kontinent mit 55 verschiedenen Ländern und noch mehr Kulturen aber Afrikaner*innen sehen am Ende halt doch alle so aus

Das meine ich natürlich äußert ironisch. Was zur Hölle ist da bitte los? Es ist das Jahr 2020. Wieso tanzen kleine weiße Mädchen in Coburg unter dem Gruppennamen "Coburger Mohr", ein Wort, dass von vielen betroffenen Schwarzen Menschen als diskriminierend und traumatisierend wahrgenommen wird?

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Bei dem Begriff "Mohr" handelt es sich nämlich um eine klar rassistische, althochdeutsche Bezeichnung für Schwarze Menschen. Von vielen wird der Begriff heute als Pendant zum N-Wort erfahren. Das Wort geht nämlich sowohl auf das griechische "moros", was so viel wie "töricht" und "dumm" bedeutet, zurück, als auch auf das lateinische "maurus", das für "dunkel", "schwarz" und "afrikanisch" steht.

Sich nicht von rassistischen Bildnissen trennen zu wollen ist Alltagsrassismus

So einen Begriff noch in dieser Zeit überall zu benutzen (Mohrenstraße, Mohrenapotheke, ...) und regelrecht die ganze Stadt damit zu bepflastern? Das ist ist Diskrimierung und Alltagsrassismus. Denn damit haben Schwarze Menschen in dieser Stadt das Gefühl, nicht nur rhetorisch sondern auch visuell auf einen längst überholten Stereotype reduziert zu werden, den wir so aus Zeiten der Sklaverei und des dritten Reichs kennen. Und das wirkt ganz und gar nicht toll, wenn man weiß, dass Coburg in der NS-Zeit ganz vorne mit dabei war und Hitler 1932 als erste deutsche Stadt zum Ehrenbürger machte.

>> Wie sich Rassismus wirklich anfühlt

Einsicht darüber, dass eine Menge Menschen durch die Darstellung des Mauritius und durch das Wort "Mohr" an die Zeit des Sklavenhandels und der Rassentheorie erinnert werden, scheint es bisher nicht zu geben. Zumindest findet man im Netz keine kritischen Stimmen zum Rassismus des Coburger Wappens, das visuell an ganz falsche Bilder von Schwarzen Menschen anknüpft. Das liegt vielleicht daran, dass die oberfränkische Stadt dann doch gar nicht mal so divers ist und weiße Bürger*innen sich darüber keine Gedanken machen. Wäre ja auch anstrengend, jetzt erstmal die ganze Stadt umzugestalten. Ja, Rassismus ist eben nervig und im Zweifelsfall sogar tödlich für People of Color – auch in Deutschland. Da kann man die Kirche eben nicht länger im Dorf lassen.

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Rassismus im Stadtbild bekämpfen? Viel zu anstrengend

Stattdessen brüstet man sich in Coburg damit, besonders weltoffen zu sein, wie ein Text der Webseite suggerieren soll: "An Hauswänden, über Eingängen, auf Kanaldeckeln, an Brunnenecken [...] findet man in Coburg einen 'Mohren'. Das mutet exotisch an. Was hat ein Afrikaner zwischen Bratwurst und Bier, zwischen Veste und Victoria zu suchen? Vielleicht war Coburg ja schon immer fortschrittlicher und weltoffener als wir denken." Wie weltoffen finden wir es im aktuellen Rassismus-Diskurs und zu Zeiten von #BlackLivesMatter noch einmal klarzustellen, dass ein Afrikaner (hier noch mal für alle: Afrika ist kein Land, sondern ein Kontinent mit dutzenden Ländern, Kulturen und indigene Völker) ja echt nichts in Coburg verloren hat, zwischen Bier und Bratwurst? Eher nicht so.

Diese Beschreibung ist einfach derart unglücklich gewählt und aus so einer weißen, eurozentrischen Perspektive geschrieben, dass der Verfasserin wohl nicht klar war, dass das lupenreiner Alltagsrassismus ist, gerade das Wort "exotisch" sollte man sich in diesem Zuge auch sparen. Doch es geht noch weiter: "Fortgesetzt hat sich unser Globalismus ja bis in die heutige Zeit. Denken wir nur an das Sambafestival, das uns alljährlich exotisches Treiben nach Coburg bringt. Afrikanische Trommelrhythmen, finden ihren Weg über Brasilien, nach Coburg." Jedes Jahr macht Coburg viel Geld mit dem Sambafestival, einer Veranstaltung bei der vor allem Musik aus lateinamerikanischen Ländern gefeiert wird, das ist doch cool.

Coburg ist weltoffen, denn da gibt es "exotische afrikanische Trommelrhythmen"? Ne.

Doch wie gesagt das Wort "exotisch" ist mittlerweile durchaus negativ konnotiert und füttert die Narrative "wir zivilisierte Weiße auf der einen und 'exotische' Nicht-Weißen auf der anderen Seite". "Afrikanische Trommelrhythmen" bringen mich wieder zu dem Problem von vorhin – um welches Land handelt es sich bei der traditionellen Musik, die hier angesprochen werden soll? Oder welches indigene Volk steuert seine Kunst und Kultur bei? Afrika hat aktuell 55 Länder. Man würde doch auch nie sagen bei einem Festival gibt es "europäische Rhythmen" – weil sich dann jeder fragen würde, was das bedeuten soll. Ob es um Italien oder Spanien oder doch Norwegen geht. Doch viel zu häufig herrscht in der weißen Bevölkerung noch Unwissenheit darüber, wie divers der afrikanische Kontinent ist – und dass eben nicht alle Afrikaner*innen so aussahen oder sehen, wie der Stereotype, als der "Mohr" Mauritius (der keiner war) nun sein Erbe fristen muss.

>> Der Mannheimer "Sarotti-Mohr" zeigt deutschen Alltagsrassismus par excellence

Aufklärung darüber ist wichtig, aber es ist eben auch wichtig, dass das Wort "Mohr" und das rassistische Bildnis auf dem Stadtwappen, das vor allem alle zwei Meter auf den Kanaldeckeln der Stadt prangert, endlich ersetzt wird, damit auch Schwarze Menschen mit Respekt und Wertschätzung behandelt werden.

P.S.: Es kann ja gerne weiterhin Mauritius als Schutzpatron geehrt werden, doch vielleicht versucht man bei der Huldigung einfach auf rassistische Bildnisse und Rhetorik zu verzichten. Das kriegt ihr schon hin, ihr Coburger*innen.

Wenn ihr das auch so seht, dann könnt ihr hier die entsprechende Petition unterschreiben.

  • Quelle:
  • Noizz.de