Sie will mit dem Manager sprechen und ruft die Polizei – warum? Weil sie Karen ist. Aber was macht eine Karen wirklich aus? Woher kommt der Begriff? Und wieso hat das beliebte Meme gerade jetzt eine politische Bedeutung? Karen in der Analyse.

Christian Cooper, hatte sich seinen Ausflug in den New Yorker Cental Park am Montag sicher anders vorgestellt. Er beobachtete gerade Vögel im Waldgebiet des Parks, das als "The Ramble" bekannt ist, als er Karen und ihren frei laufenden Hund sah. Hunde ohne Leine sind dort nicht nur verboten, sondern vertreiben auch alle Vögel. Cooper, ein Schwarzer Mann und leidenschaftlicher Vogelbeobachter, bittet also Karen, eine weiße Frau, das Tier an die Leine zu nehmen. Im nächsten Moment hört man diese sagen: "Ich werde ihnen sagen, dass ein afroamerikanischer Mann mein Leben bedroht", dann ruft Karen die Polizei.

Das Video des Vorfalls wurde alleine auf Twitter mittlerweile über 43 Millionen Mal geklickt. Dass die Frau in Wahrheit Amy Cooper (die beiden sind nicht verwandt) heißt, tut der Karen-Diagnose keinen Abbruch. Denn der Name Karen steht symbolisch für genau diese Art Mensch, die Amy Cooper in dem Video so erschütternd wie perfekt verkörpert: Eine weiße Frau mittleren Alters, die, wenn etwas nicht so läuft, wie sie sich das vorstellt, die Öffentlichkeit mit ihrer unangemessen Aggressivität, Selbstgerechtigkeit, Arroganz und ihren Privilegien terrorisiert. Ihr Theaterstück beendet sie schließlich mit dem Ruf nach dem Manager – oder eben der Polizei. Cooper tickt obendrauf noch das Rassismus-Kästchen. Befund: 100% Karen.

Tatsächlich ist der typische Karen-Haarschnitt – ein asymmetrischer Bob mit kurzen Haaren am Hinterkopf – das Einzige, was der New Yorker Karen fehlt. Diese Karen erwürgt sogar lieber halb ihren Hund, als sich von jemandem etwas sagen zu lassen, erst recht nicht von einem Schwarzen! Dass der Vorfall am selben Tag passierte wie der Mord an George Floyd – der Schwarze US-Amerikaner, der am Montag brutal von einem Polizisten getötet wurde – beleuchtet schmerzlich die politische Komponente des Karen-Memes. Denn hinter den Karens steckt oft mehr als privilegierte Frauen, die wahnsinnig dreist sind und sich lustig aufregen.

Wo kommt Karen her?

Tatsächlich wandelt sich der Begriff gerade zum Symbol explizit für rassistische, weiße Frauen. Zuletzt wurde etwa Popstar Lana Del Rey als Karen bezeichnet, nachdem sie sich in einem langen Brief darüber beschwerte, wegen ihrer Songtexte als Anti-Feministin dargestellt zu werden, während Künstler*innen – als Beispiel nennt sie fast ausschließlich Schwarze Frauen – mit "Sexysein, Keine-Kleidung-tragen, Ficken und Betrügen auf Nummer eins gelandet sind". Manche behaupten sogar, dass der Begriff seit Langem in Schwarzen Communitys als Synonym für rassistische, weiße Frauen benutzt und sich jetzt von Weißen zueigen gemacht wird.

Tatsächlich ist nicht ganz auszumachen, wo der Ursprung des Karen-Memes wirklich liegt. Das Meme-Lexikon "Know Your Meme" hält unterschiedliche Ursprungsszenarien für möglich: Vom Spruch "Oh mein Gott, Karen, du kannst nicht einfach jemanden fragen, warum er weiß ist" aus dem Film "Mean Girls" (2004) über den Gangsterfilm "Goodfellas" (1989) bis hin zu einer Show von US-Comedian Dane Cook ("Jede Gruppe hat eine Karen, und sie ist immer ein Arschloch"; 2005). Einigen kann man sich wohl zumindest darauf, dass Karen schon seit langer Zeit ihr Unwesen treiben.

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Karens Motto ist "Live, Laugh, Love" bis ihr jemand widerspricht

Das Karen-Meme ist spannend, weil es so vielseitig ist. Es ist gleichzeitig harmloses Meme und ernst zunehmende Gesellschaftskritik. Seiten wie @karensgoingwild sorgen auf Social Media meist eher für unschuldige Belustigung, als politische Grundsatzdiskussionen. Wenn Karen in "Live, Laugh, Love"-Schuhen im Starbucks einen Wutausbruch hat, die Baristas terrorisiert und den ganzen Betrieb lahmlegt, bis der Manager mit ihr zu sprechen versucht und das alles, nur weil ihr Kaffee mit fettfreier Milch so schmeckt, als ob nicht-fettfreie Milch drin wäre – ja, dann stößt die Selbstgerechtigkeit und Weltfremdheit von Karen sauer auf.

Wenn Karen die Kamera eines friedlichen Manns blockiert, der einfach nur einen vorbeifahrenden Zug aufnehmen will, weil in ihrer Welt irgendein Gesetz dagegen spricht, ja, dann fragt man sich langsam etwas vehementer: Was ist ihr fucking Problem? Aber wenn Karen die Polizei ruft, nur weil eine Gruppe Schwarzer Menschen ein Barbecue veranstalten oder weil ein Schwarzes Mädchen einen Limonadenstand hat, dann ist Karen nicht einfach nur unglaublich nervig und selbstgerecht, sondern setzt ihre Privilegien gezielt gegen weniger Privilegierte ein. Karens liebste Zielscheibe sind dabei anscheinend People of Color und einfache Arbeiter.

Unschuldig, unbewaffnet und unwiderständig: Ein Polizeiruf kann für Schwarze Menschen immer tödlich enden

Unsere New Yorker Karen etwa, wusste genau, was sie tut, als sie Cooper damit drohte, dass sie der Polizei sagen werde, ein "afroamerikanischer Mann" bedrohe sie. Wie der demokratische Kongresskandidat Qasim Rashid twitterte, war New-York-Karens Drohung gleichzeitig nämlich auch ein Geständnis. "Ein Geständnis, dass sie sich der systemischen, rassistischen Ungerechtigkeiten Amerikas wohl bewusst ist – und dass sie bereit ist, sie als Waffe gegen ihn zu verwenden”, so Rashid. Für Schwarze Menschen in den USA potenziell tödlich.

Denn die Polizei ist für Schwarze Menschen in den USA (und nicht nur da) nicht Freund und Helfer. Falsche Anschuldigungen sind für Schwarze Menschen in den USA (und nicht nur da) nicht nur unschuldige Missverständnisse, die sich unproblematisch auflösen lassen. Sie sind eine tödliche Bedrohung. Der Fall George Floyd, hat das diese Woche wieder einmal tragisch vorgeführt. Davor waren es Breonna Taylor, Ahmaud Abery, Tamir Rice – die Liste unbewaffneter, von Polizisten getöteter Schwarzer Menschen ist lang und bitter.

Von der Polizei getötet zu werden, ist laut einer Studie sogar eine der häufigsten Todesursachen für junge Schwarze Männer in den USA (einer von 1.000). Im Jahr 2019 wurden laut "Mapping Police Violence" 1.099 US-Amerikaner*innen von der Polizei getötet. Davon waren 24 Prozent Schwarze, und das, obwohl nur 13 Prozent der US-Bevölkerung Schwarz sind.

Nach George Floyds Tod brachen in den USA Proteste aus.

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Ist das Karen-Meme sexistisch?

Umso absurder ist es, dass manche behaupten "Karen" sei "rassistisch gegen weiße Menschen". Auf Twitter gab es sogar eine (nicht ernst zunehmende) Diskussion darüber, ob Karen das Äquivalent zum N-Wort sei. Abgesehen davon, dass der Rassismus-Begriff in dem Kontext grundsätzlich fehl am Platz ist, gibt es wohl nichts, was mehr nach Boomer und Karen schreit, als die Beschwerde darüber, mit dem eigenen Rassismus und egoistischen Ausnutzen der Privilegien konfrontiert zu werden. Karen möchte bitte mit dem Meme/Rassismus-Manager sprechen.

Berechtigte Kritik gibt es jedoch: Die "Los Angeles Times" schreibt, Karen ist "unausweichlich mit Sexismus behaftet", denn es spielt in das misogyne Stereotyp der verrückten, hysterischen Frau. Tatsächlich ist es auffällig, dass männliche Pendants wie "Kevin" oder "Kyle" das Erfolgslevel von "Karen" nie erreichen konnten. An fehlenden männlichen Fallbeispielen liegt das sicher nicht (Beispiele gibt es auf @kevinsgoingwild). Auch die Kritik, dass die Betitelung als Karen rassistische Täter*innen vor Konsequenzen schützen könnte, weil ihre echten Namen nicht in die Öffentlichkeit geraten, ist nicht unberechtigt.

Für New-York-Karen gab es Konsequenzen

Für Amy Cooper hatte der Karen-Anfall jedenfalls ernste Konsequenzen. Sie wurde innerhalb weniger Stunden nach Veröffentlichung des Videos von ihrem Job als Abteilungsleiterin einer multinationalen Investmentfirma gefeuert, musste ihren Hund an die Rettungsstelle zurückgeben, von der sie ihn vor einigen Jahren adoptiert hatte, und entschuldigte sich in einem Interview mit "NBC New York" am Montag "demütig und vollständig bei allen, die dieses Video gesehen haben".

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Quelle: Noizz.de