FU! (Fuck you!), ihr Bankster!

Sheeeesh – läuft eher so unfly bei den Babos von Langenscheidt. Ja, der vorhergehende Satz besteht zu 95 Prozent aus den Jugendwörtern der letzten Jahre. Ist das unsererseits jetzt Lustigkeit auf Sparwitzniveau? Na sicher! Aber ist das die gesamte Aktion "Jugendwort des Jahres" nicht auch? Deshalb verdient sie es aber noch lange nicht, in die ewigen Jagdgründe einzugehen.

Klar, man könnte den Niveaulimbo (2010) der gesamten Abstimmung anerkennen und den Alpha-Kevins (2015) der Jugendwort-Jury sagen: War lange genug furchtbar, lasst es doch endlich gut sein! Man könnte zustimmend hinnehmen, dass die Truppe um das Jugendwort des Jahres sich dieses Jahr unfreiwillig selbst abgeschafft hat. Bevor hier Gerüchte laut werden: Kollegah und Farid Bang hatten damit nichts zu tun – die haben nur den Tod des Echo zu verantworten!

>> Kollegah in der Krise: Wie es nach dem Echo nur noch bergab ging

Der Wörterbuchverlag Langenscheidt kümmerte sich seit 2008 um das Jugendwort des Jahres. Grund: Die Vermarktung ihres Jugendwörterbuchs "100 Prozent Jugendsprache". Nun hat aber vor Kurzem der Wörterbuchverlag Pons das Unternehmen aufgekauft. Und genau das markiert den Anfang vom Ende: Die Übernahme des Langenscheidt-Verlags kam offenbar zu einem ungünstigen Augenblick für das Wörterbuch "100 Prozent Jugendsprache".

Wie Pons-Leiter Erhard Schmidt bestätigte, sei das Jugendwörterbuch noch nicht ganz fertig gewesen sein. Es wird dieses Jahr also weder verkauft noch vermarktet. Ist also einfache Rechnung: Ohne Jugendwort-Wörterbuch kein Jugendwort-Voting. Fanden scheinbar auch andere schade: Es soll zwischendurch einen anderen Anbieter gegeben haben, der das Voting nur Online und auch ohne Wörterbuch durchführen wollte. Die Seite ist nach einem Hacker-Angriff jedoch nicht mehr Online. Echt eine verbuggte (2018) Situation!

Ob die Suche nach dem Jugendwort nun endgültig eingestampft oder nächstes Jahr vielleicht doch weitergeführt wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

Wir können nur sagen: Es würde uns schmerzlich fehlen, das Jugendwort. Wir haben es uns immer so hübsch vorgestellt, wie eine Truppe alter, weißer Menschen (die vermutlich schon in ihrer eigenen Jugend ungefähr so viel Streetcredibility hatte, wie sämtliche Kollektionen von Fishbone) und ein paar Alibi-Jugendliche zusammenkommen, um als Jury über "die Jugend" zu sprechen und zu überlegen, wie die denn nun talken, die Jugendlichen.

Dabei haben sie so ein strenges Punktesystem vor sich, mit dem sie ganz eifrig und sorgfältig abstimmen über Begriffe wie "Snackosaurus", "Arschfax" oder "Flatratelabern". Am Ende steht es fest, das Jugendwort des Jahres. Und es hat gesamtgesellschaftlich eine wichtige Aufgabe: Es ist ein Seismograph, eine Momentaufnahme, eine unvergleichliche Gegenwartsanalyse dessen, wie weit entfernt Erwachsene in ihrem behäbigen Job im Wörterbuch-Verlag eigentlich von Subkulturen, Jugendlichen und allgemeiner Flippigkeit entfernt sind.

Mit einem Wort: Handelt sich um eine echte Gammelfleischparty (2008), das Ganze.

Dennoch war es stets ein inneres Blumenpflücken, wenn es ungefragt, zuverlässig und jedes Jahr aufs Neue auftauchte: das Jugendwort. Wie man jedes Jahr nach der Verkündung irritiert um sich schaute, um sich gegenseitig zu bestätigen, dass niemand Begriffe wie "napflixen" (2017) oder "Smombie" (2015) wirklich je benutzte. Oder dass andere Ausdrücke wie "Was ist das für 1 life" oder "I bims" (beide 2017) spätestens ab dem Moment, wo eine sogenannte Fachjury darüber debattierte, genau das Gegenteil von Jugendlichkeit bedeutete. Einen Effekt, den man auf so ziemlich alle Aktionen beziehen kann, in denen Erwachsene über "die Jugend" verhandeln: Ab dem Moment, wo diejenigen, die ganz offensichtlich nicht mehr jugendlich sind, begriffen haben, worum es geht, ist nichts daran mehr aktuell – geschweige denn jugendlich.

Oder einfacher: Es ist, wie wenn sich der weirde Mathelehrer, der seit 10 Jahren denselben Strukturpulli trägt und dieselben Übungszettel benutzt, plötzlich zu einem auf den Oberstufenpausenhof stellt, weil er auf einer Lehrerfortbildung gelernt hat, dass Nähe zu den Schülern jetzt der letzte pädagogische Schrei sei. Oder wenn Mutti entscheidet, heute mal mitzugehen in die "Diskothek", um auch mal wieder so richtig abzusteppen. Oder wenn Onkel Eckhard heute mal so richtig ausrasten möchte und sich deshalb seine bunte Krawatte umbindet. Situationen also, die cringy sind, aber irgendwie auch liebenswert.

Es wäre schade, wenn es sie nicht mehr gäbe. Es wäre schade, wenn mit der Wahl 2018 und dem Gewinner "Ehrenmann / Ehrenfrau" die Geschichte des Jugendwortes vorbei wäre. Hilft wohl nur eines: eine Runde rumoxidieren (2015) und hoffen, dass es uns im nächsten Jahr wieder beehrt, das Jugendwort des Jahres.

>> Das Jugendwort 2018 steht fest

Quelle: Noizz.de