... wenn sich nichts ändert.

Der Spagat, den das internationale Rapgame zwischen unermesslichem Erfolg und tragischen Einzelschicksalen machen muss, könnte nicht größer sein. Während Jugendkultur und Chartspitzen im Jahr 2019 ohne Hip-Hop nicht mehr zu denken sind, ist mit Rapper JUICE WRLD (21) am 8. Dezember 2019 der vierte Megastar unter 30 innerhalb von zwei Jahren von uns gegangen.

Erst im November 2017 starb Rapper Lil Peep (21) an einer Überdosis Xanax, einem verschreibungspflichtigen Medikament, das sich seit den letzten Jahren großer Beliebtheit im Rap erfreut. Knapp ein Jahr später folgte Mac Miller (26). Er erlag einer Überdosis Fentanyl, einem starken Opioid, nach dem er zu Lebzeiten süchtig war.

Mac Miller war am 7. September 2018 verstorben.
Foto: macmiller / Instagram

Nach aktuellem Stand versuchte Jarad Higgins, das ist Juice WRLDs bürgerlicher Name, einer Festnahme am Flughafen wegen Drogenbesitzes zu entgehen, indem er mehrere Pillen (unter anderem die pharmazeutische Modedroge Percocets) auf einmal schluckte. Dieser Theorie steht im Wege, dass außerdem auch noch 32 Kilogramm Marihuana an Bord seines Flugschiffes waren, die den Rapper so oder so überführt hätten. Aber warum er die Pillen auch geschluckt hat: Es waren am Ende zu viele für seinen Körper.

Und auch, wenn XXXTentacion (20) im Juni 2018 keinem Goldenen, sondern einem bleiernen Schuss zum Opfer fiel, war kein Geheimnis, wie schlecht es ihm psychisch ging. Sein Innenleben zwischen Rachegelüsten, Sterbenswünschen und ewigen Depressionen hatte er in seiner Musik stets zum Ausdruck gebracht, vor allem auf seinem überragenden Debüt-Album "17". Ja, Drogen haben im Leben des 20-jährigen Genies wenigstens in der Öffentlichkeit keine große Rolle gespielt, aber seine psychischen Krisen waren bezeichnend für seine Generation und helfen vielleicht auch bei der Frage danach, wieso Drogen heute omnipräsent sind. Warum so viele Rapper an Drogen sterben – und es wahrscheinlich auch weiterhin tun werden.

>> Juice WRLDs Musikvideo zu "Fast" ist die verlockende Giftspritze, wenn du nicht mehr kannst

Drogen im Überfluss

"I took too many pills, count up the bills, uh. Molly in my cup, I can't tell you how I feel, uh", rappt Juice WRLD in "Fast" – und bringt es in nur zwei Lines von zu vielen Pillen und MDMA in seinem Becher zu sprechen.

So naheliegend, dass es mir fast wehtut, es jetzt zu schreiben, aber es ist, wie es ist: Rapper sterben an Drogen, weil sie zu viele Drogen nehmen. Da spielt auch keine Rolle, ob aus purer Lebensfreude oder der Not der Sucht: Moderne MCs nehmen unfassbar viele berauschende Substanzen und gelangen damit immer wieder an Punkte, die die körperlichen Grenzen überschreiben. Das wissen wir zwar schon von der gerade alternden Generation, zum Beispiel von Lil Wayne, der wegen seiner Abhängigkeit des Codein-Getränks Lean bereits mehrfach als Notfall in Krankenhäuser eingeliefert wurde. Oder von Waka Flocka Flame, der nach 20 Blunts ebenfalls krankenhausreif war. Aber die aktuelle Generation übertreibt in ganz neuem Stil.

Der Vollständigkeit halber: Die Drogen sind nicht tödlich, weil sie so hart sind. Im Vergleich zum Rock 'n' Roll der 60er und 70er oder dem Jazz der 50er, als reihenweise Stars an Heroin verreckten, haben es unserer Stars echt mild erwischt. Nein, die zeitgenössischen Drogen sind tödlich, weil sie a) permanent und b) in viel zu großen Mengen genommen werden.

Denn, was schwimmt denn im Blutkreislauf von Juice WRLD, Lil Peep, Lil Pump, Future, Gunna, Lil Wayne und Co.? Weed, MDMA beziehungsweise Mollys, Ecstasy und Pharmazeutika. Letztere sind in der Regel schmerzstillende Betäubungsmittel. Nach Autopsiebericht war für Lil Peep eine Dosis von sechs Xanax auf einmal die Norm und theoretisch ungefährlich. Und warum sah Gucci Mane früher aus, als hätte er ein Baby in seinem Bauch? Weil er pausenlos Lean trank. Nicht ab und zu: non stop.

>> Trap-Lexikon #1: Adlibs

Depression is the new black

"Mama hit my phone, say she worried 'bout my health, yeah. I don't feel too well, I don't feel too well", heißt es auf Trippie Redds "Sickening".

Tja, und wieso ist das plötzlich so cool, sich voll mit jedem Scheiß zu hauen? Auch, wenn im Rap immer schon en masse gekifft wurde, ist das maßlose Tabletten poppen nämlich keine Säule der guten Alten Schule. Hier kommen zwei interessante Player ins Spiel: Trap als Genre und Depression als Lebensgefühl.

Trap als Genre: Drogen-Musik

Trap ist Musik, die unter Drogeneinfluss entsteht und die dafür gedacht ist, unter Drogeneinfluss gehört zu werden. Noisey hat das mit seiner Dokumentations-Reihe "Welcome to the Trap" von 2015 wundervoll eingefangen. "Es gibt keine Trap, wenn da nicht auch ein Studio ist, wenn da nicht auch Drogen sind. Das geht Hand in Hand", heißt es da.

Diese drogen-affine Kultur mag ihren Ursprung Ende der 90er haben, als Dj Screw (der 2000 an einer Überdosis Codein verstarb) die Remix-Technik "chopped and screwed" erfand, bei der Lieder langsamer als gewöhnlich abgespielt und einzelne Teile mehrfach wiederholt werden – die Geburtsstunde von Trap-Musik? So oder so einer der wichtigsten Ausgangsmomente des Genres, denn die Musik, die Screw ins Leben rief, war extra dafür gemacht, dass sie sich besonders gut anfühlt, wenn man gerade auf Lean ist. Und das ist (wenigstens teilweise) auch heute noch so.

>> Trap-Lexikon #3: Drogen

Eine kleine Zeitreise

"Only time I'm feelin' pain, when I'm feelin' love. That's why it's tattoed on my face, that I'm damn numb", rappt XXXTentacion auf "Everybody dies in their nightmares".

Hip-Hop war mal ganz anders: hart, männlich (im toxischen Sinne), politisch und angriffslustig. Klar gab es hier und da auch mal einen deepen Song. Aber den ersten großen Bruch mit "traditionellem" Rap finden wir 2009 mit Kid Cudi, der in seinen Songs total szene-untypisch von Gefühlen und Depressionen erzählte – und damit einer gesamten Generation den Weg ebnete, es ihm gleich zu tun. Wie befreiend das gewesen sein muss, als männlicher Rap-Künstler auf einmal weiche und verletzte Seiten zeigen zu dürfen.

So wundert es nicht, dass sich (über verschiedene Umwege) in den letzten zehn Jahren eine Szene und Kultur entwickelt hat, die man im Großen und Ganzen unter "Emo-Trap" zusammen fassen kann. Stars dieser Bewegung sind auf einmal nicht mehr die üblichen, große Töne spuckenden Verdächtigen, sondern weiche, melancholische Boys mit ernst zu nehmenden psychischen Problemen: XXXTentacion, Lil Peep, Juice WRLD, Lil Uzi Vert, Post Malone oder Trippie Redd zählen zu den bislang größten Namen.

Was im Emo-Trap also zusammen kommt, sind Menschen in oft psychisch labiler Verfassung und ein Genre, das seit seiner Wiege untrennbar mit Drogenkonsum verknüpft ist. Ich bin kein Psychologe, aber der muss man hier auch gar nicht sein: Drogen sind scheiße gefährlich und für Menschen, denen es nicht gut geht, oft noch viel verlockender und damit verheerender.

Starkult tötet

Traurige Menschen und Drogenmusik – zwei gute Indizien für die individuelle Selbstzerstörung der Trapszene, aber natürlich nicht alles.

Was ist mit dem generellen Starkult? Gab es je Superstars auf der Welt, die nicht darunter gelitten haben, als Prominenz und Person der Öffentlichkeit zu existieren? Ist Star-Sein nicht ein (psychisch) ungesunder Job per se? Und wie ist das heute, wo du als Musiker permanent auf Social Media aktiv sein musst, wenn du wirklich erfolgreich sein willst? Heute, wo du permanent Singles releasen musst, um deine Hörer bei Laune zu halten? Heute, wo du so viele Auftritte und Touren wie nie zuvor spielen musst, weil mit dem Ende der CDs die Haupteinnahmequelle Live-Shows geworden sind?

Sind das nicht alles Faktoren, die – genreübergreifend – Stars mehr abverlangen und stressen als je zuvor? Faktoren, die einen vielleicht eh schon nicht besonders stabilen Menschen noch ein bisschen weiter runter reißen?

Ich weiß es natürlich nicht. Aber ich kann es mir gut vorstellen.

>> "Ich bin das Größte auf der Welt!": Emo-Trap-Star Trippie Redd im Interview

Relation

"Pop another bean and I double up my cup and shit", so Lil Peep auf "Hellboy".

Bei all dem bis hier Gesagten, an dem bestimmt ein wenig Wahrheit liegt, sollte man ein paar relativierende Faktoren im Blick behalten. Zum Beispiel die Tatsache, dass wir heute viel, viel, viel mehr Stars in der Musikszene haben als früher. Das liegt daran, dass es heute unvergleichlich einfacher ist, selbstständig Musik auf hohem Niveau zu produzieren und zu veröffentlichen. Natürlich sind Menschen heute nicht talentierter als früher. Aber die vereinfachten Bedingungen haben dazu geführt, dass viel mehr talentierte Menschen als früher erfolgreich sind. Und wenn es so viel mehr Starts gibt, dann liegt natürlich auch auf der Hand, dass auch mehr Stars sterben – aus welchen Gründen auch immer.

Außerdem waren (Pop-)Musik und Drogen immer schon eng verknüpft. Und wenn man sich die 60er ansieht, zum Beispiel den "Club 27", dann weiß man auch, dass wir nicht die erste Generation sind, die mit Drogentoten zu kämpfen hat.

Trotzdem: Unabhängig vom Vergleich mit anderen Szenen und Zeiten befindet sich die zeitgenössische Rapszene in einer Phase, die ungewöhnlich stark von Drogen geprägt ist und sich innerhalb weniger Jahren zu einem Pulverfass entwickelt hat, von dem man nie weiß, wann es wieder hochgeht und den Nächsten mit sich reißt. Aktuell ist keine Änderung in Sicht. Zwar gab es Reaktionen aus der Szene. Zum Beispiel von Trippie Redd, der sich seit dem Tod von Juice WRLD von (den meisten) Drogen fernhalten will. Aber ähnliche Reaktionen gab es auch schon nach Lil Peeps Ableben, und auch, wenn sich Xanax' seitdem nicht mehr allzu gut in Insta-Stories machen, hat sich im Großen und Ganzen nichts geändert.

Solange das so bleibt und sich an der Gesamtsituation nichts ändert, wird sich auch an den Einzelschicksalen nichts ändern.

>> Ermordeter Rapper XXXTentacion: Diese 8 Meilensteine erklären den Hype

Quelle: Noizz.de