... statt Lieblingsrestaurant und -bar, bleibt mir nur, mein Lieblingsessen selber zu kochen, die Drinks selber zu mixen. Geburtstag in Zeiten von Corona ist eine Ausnahmesituation. Nicht existenzbedrohend, aber ein Downer.

Das Resteessen deines 30. Geburtstages in Coronaisolation ist irgendwie eine sehr traurige Angelegenheit: Mit meinem Freund auf dem Sofa schaufeln wir uns die letzten, kümmerlichen Stücke der Törööö-Torte und des selbst gebackenen Minikuchens, den mir meine Familie als Geburtstagscarepaket geschickt hat, in uns hinein. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich habe wirklich das Gefühl, das Beste daraus gemacht zu haben, und es war sehr schön. Aber irgendwie bleibt das Gefühl, diesem einen Moment in deinem Leben nicht die richtige Wertschätzung gegeben zu haben, ihn nicht gebührend genug gefeiert zu haben.

Um keinen anderen Geburtstag gibt es so einen Hype, so einen urbanen Mythos, wie um den 30. Es ist der Moment, wo deine sorglose Jugendzeit vorbei ist, es definitiv keine Studentenabenteuer mehr geben wird und du irgendwie erwachsen bist oder vielmehr sein sollst, aber noch lange nicht bereit dazu bist. Und eigentlich feiert man das richtig fett. Das war auch mein Plan.

Ich habe sehr lange gegrübelt, was ich angemessen finde. Denn eigentlich bin ich kein großer Partymensch. Ich mag es gemütlich. Mein runder Ehrentag, der drei Jahrzehnte einläuten sollte, fiel in diesem Jahr sogar auf einem Samstag. Beste Voraussetzungen also. Irgendwann hatte ich mich dazu aufgerüttelt, bowlen oder kegeln zu gehen mit der Crew, anschließend in eine Bar. Doch da lauerte die drohende Pandemie schon und klopfte zaghaft an, Teil des Tagesgeschäfts zu werden. Ich entschied mich, doch auf eine Homeparty umzuschwenken mit um die 20 Leute. Während einige meinten, dass sei doch nicht angemessen, hielt ich das für ganz schlau.

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Doch dann kam Corona

So banal das auch klingt, ich kann es nicht anders formulieren. Als sich das neuartige Virus auch in Deutschland zunehmend verbreitete, war auch mir klar, dass unbeschwertes Feiern keine gute Idee ist, auch nicht, wenn es eine Hausparty ist. Mein Freundeskreis fragte mich schon in hellseherischer Vorahnung: Was müsste passieren, damit du es absagst? Ich sagte: Keine Ahnung, ich warte ab.

Was sollte ich auch sonst tun? Rational gesehen und mit allem medizinischen Grundwissen, das ich irgendwie habe, weiß ich, dass alle Quarantäne- sowie Social-Distancing-Maßnahmen durchaus sinnvoll, nein sogar notwendig sind. Es führt keinen Weg dran vorbei. Aber mein Herz will feiern. Angesichts dieses inneren Zwiespalts fahre ich alle meine Pläne auf ein Minimum herunter. Ich kann es nicht übers Herz bringen, meinen 30. Geburtstag abzusagen.

In der Zwischenzeit erreichen mich nach und nach verständnisvolle, liebevolle Nachrichten meiner Freunde, die ich eigentlich eingeladen hatte, meinen Geburtstag mit mir zu zelebrieren. "Es tut mir wirklich Leid, aber es geht nicht, das ist jetzt leider alles zu unsicher" und zählen mir ziemlich viele, sehr gute Gründe auf. Das tun sie wahrscheinlich, damit ich es verstehe und mich weniger mies fühle. Ich verstehe es. Ich fühle mich trotzdem nicht weniger mies. Und ihr könnt alle nichts dafür, nur dieser mikroskopisch kleine Virus kann was dafür. Ich hasse ihn.

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Ich schreibe in die WhatsApp-Gruppe, dass ich vollstes Verständnis habe, für jeden der aufgrund der Umstände genau das tut, was wir alle tun sollen: Abstand halten. Dass ich gesund sei, keinerlei Anzeichen für irgendwas und auch seit gut eineinhalb Wochen in Eigenisolation. Wer in kleinem Kreis kommen möchte, möge mir das gerne schreiben.

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Es schrieb keiner. Das fühlte sich mies an, obwohl ich genau damit gerechnet hatte. Das besonders Schlimme daran ist, dass du dich pudelwohl fühlst und dich bester Gesundheit erfreust, die allgegenwärtige Bedrohung daher umso abstrakter für dich erscheint. Kurz vor meinem Geburtstag habe ich bereits zahlreiche "witzige" Memes zugeschickt bekommen.

Sowas wie diese hier:

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Klar, das war nicht böse gemeint und beim ersten, zweiten Mal fand ich es auch noch lustig. Wenn du sowas aber bis zu deinem Geburtstag etwa 20 Mal zugeschickt bekommst, nervt es irgendwann nur. Denn es ist eigentlich gar nicht witzig, seinen Geburtstag alleine zu feiern. Wirklich nicht. Ich bin nicht alleine damit. Im März und April haben wahrscheinlich Millionen Menschen Geburtstag und machen das Gleiche durch.

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Als ich am Morgen meines 30. Geburtstags erwache ...

... fühle ich mich nicht anders als mit 29. Wieso auch? Aber statt mich auf eine große Party am Abend zu freuen, starte ich den Tag mit einem dekadenten Lachsfrühstück. Das zu ermöglichen, war gar nicht so einfach, denn aufgrund allgemeiner Verunsicherung und oder Panik, gibt es in den Supermärkten meines Kiezes alles nur in ausgedünnten Varianten. Sogar Tiefkühltorten waren betroffen! Zum Glück konnte ich mir eine Benjamin-Blümchen-Torte sichern.

Danach geht es weiter mit meinen Übelregungen, wie ich diesen Tag toll machen kann: Ich schaue meine Lieblings-Geburtstagsfolgen von "New Girl" und Teds nicht minder deprimierenden 30. Geburtstag in "How I Met Your Mother" an, um mich etwas weniger schlecht zu fühlen. Danach gönne ich mir ein Homespa, mit einem Kiwi-Sugar-Peeling, einem Proseccoschaumbad und einer Ölmassage. All by myself. Dazu singt Taylor Swift via Spotify ein Geburtstagskonzert für mich. Wenn ich sonst nichts haben kann.

Zum Glück lebe ich mit meinem Freund zusammen, was bedeutet, dass ich den Menschen um mich herum habe, den ich liebe. Wie ich das durchgestanden hätte, wenn ich wirklich ganz alleine wäre? Keine Ahnung. Wirklich nicht, es liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft. Wir gehen eine Runde spazieren und genießen die Frühlingssonne: Was für geile Ausflüge wir hätten machen können! Ein Kurier bringt mir ein XXL-Geburtstagspaket meiner Familie in NRW, wir facetimen und ich packe es aus: Es gibt Blumen, Geschenke, Kuchen, Süßigkeiten. Alles, was man für einen perfekten Geburtstag braucht – nur die Lieblingsmenschen drumherum fehlen.

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Facetime tröstet ein wenig. Danke, Internet. Der Abend meines Geburtstages waren dann vielleicht das Schönste an allem. Weil es da noch keine Ausgangssperren oder Kontaktverbote gab, kam doch noch eine Freundin vorbei. Wir haben zusammen Sabich gekocht, Wein getrunken, saßen zu dritt an einer sehr langen Tafel, haben mit einem Pfeffi angestoßen und einen schönen Abend verbracht. Mit "Mario Kart" spielen, meinen niegelnagelneuen Schallplattenspieler auszuprobieren, Torte zu essen und Netflix gucken. Alles ohne viel Körperkontakt, aber wir waren zusammen, blieben lange auf und haben am nächsten Morgen noch zusammen gefrühstückt. Das war mein 30.

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Nice, aber ich wollte mehr

Okay, Corona – you got me. Ich wollte das nicht, ich wollte stark sein. Ich habe meinen Geburtstag genossen, aber es war wirklich nicht dasselbe und schon gar nicht dieses Ereignis, das man sich in seinem Kopf ausmalt. Niemand wird sagen: "Weißt du noch, bei Sabines 30. als wir voll verrückt ..." Stattdessen werden alle sich so daran erinnern: "Weißt du noch, damals, als Sabine ihren 30. in Coronaisolation feiern musste?"

Mit ein wenig Abstand werde ich das alles sehr zynisch-ironisch-lustig finden. Irgendwie, bestimmt auf irgendeine Art und Weise. Aber im Moment bin ich einfach nur bitter. So wie wenn sich jemand von dir trennt und du vollkommen ratlos bist, wieso. Es ist ein scheiß Gefühl, mit dem man sich arrangieren kann, aber nicht so Recht will. So geht es mir. Ich habe mir vorgenommen, meinen 31. Geburtstag nun groß zu feiern, als eine Art "We survived it"-Party. Aber bis dahin, sag ich einfach nur: Corona is a bitch.

P.S.: Falls ihr euch alle fragt, welchen Benjamin Blümchen ich denn in meiner Torte hatte: Es war der Skater-Elefant. Ich halte ihn in Ehren. Er ist jetzt mein Corona-Talisman.

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  • Quelle:
  • Noizz.de