Ingrid Gordijevic ist 27 Jahre alt und arbeitet als Planungsingenieurin in der Lebensmittelindustrie in Valencia an der Südostküste von Spanien. NOIZZ hat sie erzählt, wie sie mit der katastrophalen Corona-Lage in ihrem Heimatland umgeht, wie schlimm es in Valencia ist und wovor sie jetzt Angst hat.

Die Situation im Moment ist schlecht. Es ist gerade die dritte Woche der Ausgangssperre im Land zu Ende gegangen. Anfangs dachten wir, wir sollten nur noch eine Woche zu Hause bleiben, aber wir werden mindestens bis zum 26. April in unseren Häusern und Wohnungen bleiben müssen. In diesem Moment, in dem ich das schreibe, sind über 14.700 Menschen gestorben. Die tägliche Ausbreitung des Coronavirus hat sich verlangsamt, nimmt aber immer noch zu.

In Valencia gibt es bereits über 7.700 Fälle von Covid-19-Infizierten

Wahrscheinlich sind es mehr, weil unsere Sanitärgebäude und Krankenhäuser überfüllt sind und es kein richtiges Register für alles gibt. Glücklicherweise sind wir an einem Punkt angekommen, an dem die Anzahl der geheilten Menschen höher ist, als die der Erkrankten, aber die Situation befindet sich immer noch auf dem schlechtesten Punkt der Kurve, sie ist noch längst nicht abgeflacht.

Eine Familie vor der Touristenattraktion Ciutat de les Artes i les Ciències in Valencia

Diese Krise macht mich ziemlich angespannt. Ich habe so etwas noch nie gelebt. Meiner Meinung nach hätte Spanien diese enorme Verbreitung vermeiden können. Die spanische Regierung war nicht strikt genug und jetzt müssen wir mit den Konsequenzen leben. Im Allgemeinen zeige ich Respekt für den Moment, in dem wir leben, und ich versuche nicht auf die anderen zu achten. Das Verhalten mancher Leute in diesem Land ist einfach albern und sie nehmen die Situation nicht ernst, das will ich nicht sehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich keine gebürtige Spanierin bin, meine Familie kommt aus Litauen, aber ich konzentriere mich auf mich, meine Community und befolge die Regeln der Ausgangssperre.

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Meine Regierung hat wirklich sehr spät damit begonnen, Maßnahmen zu ergreifen

Im März hätten wir große Events frühzeitig verhindern können, bei denen sich viele Menschen konzentrierten, ich eingeschlossen. Meine Meinung zu dem Verhalten der Politik ist deshalb ziemlich negativ, aber ich möchte auch sagen, dass jede Regierung das Gleiche getan hätte. Die Entscheidung, ein 500-Millionen-Euro-Ereignis wie die tagelange Fallas-Party in Valencia abzusagen, ist schwer zu treffen ... Ich bin mir ziemlich sicher, dass jede Regierung in unserer Situation dasselbe getan hätte: Maßnahmen lieber später verhängen und darauf hoffen, dass es ein falscher Alarm war.

Die Fallas-Party, ein alljährliches Frühlingsfest, geht über viele Tage und wurde während der Feierlichkeiten abgesagt

Jetzt behandeln sie die Pandemie so gut sie noch können: ohne genug notwendige Materialien wie Gesichtsmasken, ohne Betten in Krankenhäusern, ohne Gebäude zur Unterbringung von Erkrankten. Um ehrlich zu sein, ist die Situation wirklich schlecht. Wir waren nicht bereit für so etwas. Es ist ein Desaster.

Ich persönlich habe dennoch keine Angst vor dem Coronavirus

Naja, vielleicht ein bisschen Angst davor, meinen Job zu verlieren. Immerhin arbeite ich in der Lebensmittelindustrie, meine Kollegen und ich sind eigentlich sicher und ich versuche, positiv zu bleiben. Natürlich denke ich an die Menschen, die sterben und an meine Großmutter, die ein Risikopatient ist. Ich weiß allerdings, dass sie in Sicherheit ist, deswegen mache ich mir eigentlich keine Sorgen. Deswegen ist meine größte Sorge eine wirtschaftliche Krise in Spanien.

Ingrid ist eine der wenigen Spanier*innen, die noch einen Job hat

Aktuell muss ich nur von zu Hause aus arbeiten, das Gute ist, dass das möglich ist. Meine Firma zahlt weiterhin regelmäßig und ich bin sehr glücklich, weil fast das ganze Land arbeitslos ist. Wir haben einen Covid-19-Fall in meiner Arbeitsstelle, darum kümmern sie sich, aber ich habe keine Details.

Ich muss ehrlich sagen, wie schwer es ist, einen Corona-Test zu bekommen, weiß ich nicht

Ich weiß, dass wir diesen Onlineservice haben, der dir sagt, ob du infiziert bist, aber so etwas ist ja ziemlich relativ und nicht sehr verlässlich. Aber ich bin vorbereitet, bleibe Zuhause und habe genug Essen zuhause. Ich kaufe keine Maske, ich habe nicht das Gefühl, dass man damit wirklich eine Infektion vermeiden kann.

Protokolliert von Juliane Reuther

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Quelle: Noizz.de