Der Himmel über China, klares Wasser in Venedig, Musik auf italienischen Balkonen oder der tägliche Spaziergang im Park: Internationale Ausgangssperren wirken Wunder und sind der Stoff, aus dem wir in der Quarantäne Träume einer neuen Zukunft spinnen. Was wir aus diesen Träumen über uns lernen können – und wie jeder seinen Teil dazu beitragen kann, dass sie wahr werden.

Während uns das Virus in die häusliche Isolation verbannt und dem bisher alltäglichen Leben ein fettes Stoppschild in den Weg stellt, haben wir Zeit, uns in der aufgezwungenen Entschleunigung über uns und unser Leben Gedanken zu machen. Für eines scheint die Krise also gut zu sein: Wir träumen wieder. Im Internet wie im Privaten stößt man deshalb gerade auf die buntesten Spekulationen, wie unser Leben nach Corona weitergehen wird. Und tatsächlich sind es oft optimistische Zukunftsvisionen, die ein "besseres" Leben prophezeien. Wer von einer "besseren" Zukunft träumt, der verrät auch etwas über seine Gegenwart - anscheinend empfinden wir die als ausbaufähig.

Über unsere Träume, warum sie mit dem Ende der Ausgangsbeschränkungen wahrscheinlich wieder platzen werden, und was jeder von uns trotzdem dazu beitragen kann, dass sich vielleicht nachhaltig etwas ändert.

In Italien musizieren Menschen auf den Balkonen.

Zukunft nach Corona

Endlich wieder Delfine in Venedig, endlich wieder echter Himmel über China, heißt es jauchzend. Wenn man tagsüber in die Parks geht, sieht man momentan mehr spazierende Pärchen als jemals zuvor. Menschen liegen allein auf der Wiese, lesen, üben Kopfstand, trinken Bier. Zeit für sich selbst, mitten am Tag, wann hat es das zuletzt gegeben? Dass überhaupt wieder spaziert wird, war das nicht bisher das überholte Steinzeitmodell vom Laufband-Sprint zwischen Feierabend und Netflix-Marathon? Wann hatten wir eigentlich zuletzt Langeweile und - wer hätte gedacht, wie gut es tut, sich mal zu langweilen! Einfach durchatmen, nichts zu tun zu haben.

Machen wir uns nichts vor, Corona ist nach wie vor richtig schlimm: Krankheiten und Todesfälle, die Schattenseiten der häuslichen Isolation, wirtschaftliche Existenzkrisen; all das wollen wir gerne so schnell es geht hinter uns lassen. Trotzdem kommen wir nicht umhin zu bemerken, dass das pausierte Hamsterrad Wunder bewirkt. Und natürlich kommt man ins Träumen, wenn das bisherige Leben eine Zäsur erfährt, die für eine neue Zukunft erst mal jeden Spielraum lässt.

Corona werde das Lokale stärken, man besinne sich wieder auf regionale Lebensmittel und werde die Willkür des Weltwirtschaftsmarkts hinter sich lassen, heißt es. Menschen werden wieder freundlich, respektvoll und vor allem miteinander leben. Technik werde weniger wichtig und stattdessen gelangen wir wieder zu uns und zur Natur. Wir werden gute Verhältnisse zu unseren Nachbarn haben, von denen wir dann sogar die Vornamen wissen. Kartoffeln aus dem eigenen Gemüsegarten werden die neue Avocado sein. Was noch? Cro prophezeit blühendes Handwerk und die Entdeckung der eigenen Werte. Der selbsternannte Zukunftsforscher Matthias Horx predigt vom Coronavirus als Evolutionsbeschleuniger: "Musik auf den Balkonen, so geht Zukunft!", heißt es in seiner Prognose. Alles schöne Gedanken, die dennoch eher an die Blümchenwelt eines Hippies auf LSD erinnern, als an einen glaubwürdigen Zukunftsentwurf.

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Corona: Durch das Virus in eine bessere Welt?

Denn sind wir mal realistisch, was wird wohl passieren, sobald die Ausgangssperren wieder aufgehoben sind und sich Menschen frei bewegen und vor allem wirtschaften dürfen? Nix entschleunigte, grüne Welt; da folgt der Backlash. Die Entschleunigung während Corona kostet scheiße viel Geld. Unternehmen, Staaten, Individuen: Sobald die Leinen los sind, wird nichts eine Rolle spielen, außer erst mal wieder das Brot nach Hause zu bringen und die Schäfchen ins Trockene zu kriegen. Sorry chinesischer Himmel, sorry Kanäle, sorry Ozonloch, sorry entspannte Seelen: Ihr steht dann wieder auf dem zweiten oder dritten Treppchen. Deal with it: Eine nachhaltige Änderung benötigt ein nachhaltig verändertes System, keine paar Wochen Quarantäne. Wenn wir 40 Stunden die Woche arbeiten, dann wird das mit der Entschleunigung nichts und wenn wir Fische aus allen Weltmeeren essen möchten, denn sehen die Gewässer dementsprechend aus. Trotzdem, es gibt ja auch die gute Nachricht:

Es funktioniert! Wir müssen nur mal zwei Wochen aufhören, die Natur mit Müll und Schadstoffemissionen zu bombardieren, und schon ist die Welt eine andere. Wenn alle mitmachen, dann geht es. Im Angesicht der totalen Ohnmachtserfahrung durch das Virus, eine extrem hoffnungsvolle Tatsache – we can do it. Und wir scheinen ja alle den selben Traum zu träumen: Umweltschutz, Entschleunigung, menschliches Miteinander. Easy!

Wenn wir die Erde und das Klima retten wollen, dann hören wir einfach auf, Müll ins Wasser zu werfen, und reduzieren Autofahren, Fliegen und Tierprodukte essen auf das Minimum. Wenn wir ein menschliches Miteinander wollen, dann sind wir auch nach Corona freundlich zu Fremden, Nachbarn, Verkäufer*innen. Und wenn wir Ruhe und Entschleunigung wollen, dann nehmen wir uns eben Zeit - zum Spazieren, für uns selbst, und zum Langweilen. Dank Corona in eine bessere Welt? Am Ende ja vielleicht wirklich.

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Quelle: Noizz.de