Auch bei NOIZZ.de steht Homeoffice auf der Tagesordnung und mein depressives Ich bekommt jetzt schon einen Lagerkoller. Ein Glück kann ich mir die eigenen, dunklen Gefühle von der Seele schreiben und im Kollektiv versuchen, die Corona-Quarantäne mit nur kleinen mentale Schäden zu überstehen. Heute ziehe ich die Reißleine ... Hoffentlich!

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Liebes Home-Office Tagebuch,

ich hoffe sehr darauf, dass sich so langsam mal dieser neue Rhythmus einstellt. Ich bin dauererschöpft und hatte nun auch eine erste Panikattacke. Der Atem blieb mir weg, ich zitterte und heulte Rotz und Wasser, schrie. Aber mal der Reihe nach. Ende der letzten Woche wurde es richtig hart, dabei habe ich meine Routinen, na ja, mittelgut eingehalten. Das ist allerdings mehr als für mich üblich. Ich habe meine Pflänzchen als Ausrede für wohlverdiente Pausen eingesetzt, war draußen, habe Spaziergänge gemacht, Musik gehört, gezeichnet und normal gegessen. Trotzdem habe ich etwa alle 15 Minuten eine Pause gebraucht, habe mich kurz hingelegt und meinen Kopf vergraben.

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Ich laufe ständig mit Kapuze oder Mütze herum, einfach weil es sich gut anfühlt und mir die Scheuklappen irgendwie ein wohligeres Gefühl geben. Und am Abend kam es schließlich zur Panik. Kein bestimmter Auslöser, kein konkreter Gedanke nur diese diffuse Angst, davor, dass sich das nicht wieder bei mir einrenkt und ich mich weiterhin verhalte wie ein Tiger im Käfig.

Ich habe für den am Montag eine Krankschreibung bekommen und hatte endlich, endlich, endlich wieder eine Therapiesitzung. Gemeinsam haben wir jetzt einen Plan aufgestellt, bei dem mir ehrlich gesagt hören und sehen vergeht. Meine Woche ist nun wie ein Stundenplan eingeteilt und jede Sekunde wartet darauf, mit einer Beschäftigung gefüllt zu werden. Jede weiße Stellen muss gefüllt werden, denn diese Lücke bedeutet nur Platz für das Bett, Platz für die Ermüdung, die Ermattung. Platz für toxische Gedanken, für Selbstzweifel und Platz wieder in Panik zu verfallen. Das klingt irgendwie ziemlich absurd, schließlich kommt das ja nicht, weil schlichtweg keine Lust habe zu arbeiten, sondern eher aus einer gedanklichen Überlastung und emotionaler Stress, der mich in die Knie zwingt. Doch der Plan hält eben auch ganz genau meine Pausen fest und gibt mir vielleicht ein Fünkchen mehr Bestätigung, auch mal durch zu atmen oder zu akzeptieren, wenn ich weniger produktiv bin.

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Dieser Plan soll mir helfen, gerade scheint dieses Vorhaben aber schier unmöglich und ich habe die ersten Ermattungsmomente. In der Depressionstherapie sind solche Pläne ziemlich wichtig, denn es geht ständig darum, der Antriebslosigkeit mit Aktivitäten, Einhalt zu gebieten. Doch ich bin Müde und jede Überwindung kostet weitere Kraft. Wie in der Schule klingelt alle 45 Minuten nun mein Handy, erinnert mich an frische Luft, Essen, Trinken oder Bewegung. Es gibt auch Apps, die meine Arbeitszeit kontrollieren, doch wer kontrolliert meine Pausen? Diese Programme arbeiten alle mit lauten Signalfarben, mit roten und grünen Bereichen Symbolen und Countdowns, ein besseres Gefühl bekomme ich dadurch wirklich nicht. Die letzten Tage wurden erfolgreich mit Yoga oder Zeichnungen begonnen, die Pausen akkurat gesetzt und ich hoffe inständig darauf, dass sich der gewünschte Effekt einstellt.

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Ich gehe raus

Doch auch, dass mir meine Therapeutin das Recht gibt, rauszugehen, ist wahnsinnig hilfreich. Mein Allheilmittel, mein Pflaster war für sehr lange Zeit nämlich der Wald, in Laufnähe meines Elternhauses. Ich bin wöchentlich spazieren gewesen und war auch bei den großen Wildtiergehegen. Die Geräusche des Waldes, der Duft, die Luft waren jedes Mal purer Balsam und ich fühle mich oft ein bisschen aufgeladen nach diesen Besuchen. Meine Therapeutin hat mir irgendwie das Recht gegeben auch während dieser Situation mit Vorsicht weiterhin raus zu gehen und wenn einmal am Tag nicht genug ist, dann eben morgens und abends oder noch mal am Nachmittag.

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Ganz wohl fühle ich mich dabei nicht, denn meine sozialen Netzwerke sind voll von 'Stay home'-Content und harschen Verurteilungen gegen, alle, die rausgehen. Aber meine Panikattacke ist genauso real wie das Coronavirus und die Solidarität sollte nicht mit der Risiko-Gruppen aufhören. Ich gehöre zu einer ganz anderen Risikogruppe und die deutsche 'Depressionszahlen' zeigen ganz eindeutig, dass ich nicht alleine bin. Zu tun als sei es für alle praktikabel oder würde der Gesundheit dienen, die Isolation konsequent durchzuziehen, ist ein sehr enggefasstes Bild, in dem ich nicht bestehen kann. Das haben die letzten Wochen gezeigt.

Ich habe dieses Tagebuch besorgt aber optimistisch begonnen, habe mir eine wunderbare Liste mit Tipps aus zwei Jahren Therapie für euch zurechtgelegt und bin in zwei Wochen so unendlich weit zurückgefallen. Wir müssen irgendwie einen individuellen Fall für die Corona-Isolation finden, denn wenn sich Tage und Panikattacken weiter so wiederholen, heißt es nicht am Ende von Corona: Juchu, wie dürfen wieder raus und nun aber kräftig in die Hände gespuckt und mit Elan die Wirtschaft ankurbeln! Nein, dann heißt es erst mal Klinik. Ich weigere mich nämlich dem Gedanken, dass nur ich am Arsch bin, nur noch eine Sekunde länger Platz zu schenken.

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  • Quelle:
  • Noizz.de