Dank Covid19-Virus haben sich die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung merklich reduziert. Baumärkte scheinen da aktuell eine Art Zuflucht zu bieten. Sie haben neuerdings sogar Türsteher. Eine Analyse dieses Phänomens.

Ist ja jetzt nichts Neues, dass die DIY-Szene brummt: Es gibt unzählige Tutorials auf Youtube dazu, wie man irgendwas selbst bastelt, repariert oder gar baut. Ganze Regale und Bettsysteme kann man sich selbst aus einem Haufen Bretter zurecht schrauben. Die Ergebnisse sind nicht selten weniger schön oder funktional, als einfach ein Bett im Möbelladen zu kaufen (billiger ist es auch nicht, vor allem dann nicht, wenn man die Arbeitsstunden und Verletzungen der Hobby-Heimwerker mitrechnet). Aber darum gehts ja auch nicht – es geht darum, gegen den gleichgeschalteten Mainstream-Ikeastrom zu schwimmen und im Schweiße seines Angesichts irgendwas geschraubt und genagelt zu haben. Ursprünglichkeit und Handarbeit als "Fuck You" an den postliberalen Wohlstand quasi.

In Zeiten der Ausgangssperren und Isolation scheint der Trend sogar noch mehr zu boomen: Vor den Baumärkten bilden sich lange Schlangen. Es gibt Türsteher, die einen scharf beäugen und bestimmen, wann wer rein darf. Quasi wie in besten Zeiten vor den Berliner Clubs: Alle wollen rein, manche schaffen es, viele müssen draußen bleiben. Nun wartet aus gegebenem Anlass keiner mehr vier Stunden vor der Berghain-Tür. Jetzt warten alle darauf, endlich ins Innere der Bauhäuser und Hornbachs gelassen zu werden. In die Oasen der Hartmetalle und ungeschliffenen Holzbretter, der individuell angerührten Wandfarbe und der Kabeltrommeln.

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Baumärkte: Wir liebten sie schon immer

Baumärkte liebt der gemeine Deutsche schon immer. Sie sind Quellen neuer Ordnung und unerschöpflichem Heimwerkerglücks. Laut Statistik gaben im Jahr 2019 ganze 11,91 Millionen Menschen in Deutschland an, ein besonderes Interesse am Thema Heimwerken und Do-it-yourself-Arbeiten zu haben. Im Vergleich dazu: Nur 4,4 Millionen Menschen in Deutschland gaben 2019 laut Statistik an, ein besonderes Interesse an Fitness zu haben oder sogar mehrfach die Woche ins Fitnessstudio zu gehen. Bohren statt Bankdrücken also.

Wie kann es da anders sein, als dass man sich, im Angesicht der Katastrophe, auf das besinnt, was man schon immer toll fand: Renovieren und Spachtel-Projekte suchen. Ist ja auch eine Ablenkung mit positivem Ergebnis – wenn es nicht gerade zu kleineren Unfällen und größeren inneren Verzweiflungen kommt und wenn die ganzen Arbeiten am Ende doch nicht so aussehen wollen, wie sie sollten. So ganz kann man das allerdings nicht glauben – es ist nur ein Gefühl, aber die aktuelle DIY-Wut der Deutschen wirkt größer, als in den Jahren zuvor.

Dank Corona: Aus Langeweile wird Aktionismus?

Es scheint, als sei das ewige Zuhausehängen direkt in blinden Aktionismus umgeschlagen. Homeoffice bedeutet offenbar auch, dass man die vollgestopfte Abstellkammer, die unfertigen Regale oder das schief hängende Bild einfach nicht mehr hinnehmen kann. Also wird die Sache angegangen – ganz wie es die Hornbach-Werbung schon seit Jahren von uns verlangt.

Aber nicht nur das: Plötzlich sind alle wie wild auf Blumenerde und Setzlinge. Alle wollen sie nun Hobbygärtnerei betreiben. Gut, ist vielleicht ähnlich wie mit dem vielen Klopapier: Wenn irgendwann wirklich der Shutdown kommt und wir endgültig nichts mehr im Supermarkt bekommen, brauchen die ganzen Neu-Floristen nur ein paar Wochen warten und schon haben sie frische Salatköpfe in ihren Blumenkästen vor dem Balkon. Und dann sind alle anderen bestimmt grün vor Neid! So grün wie die Daumen der ganzen neuen Pflanzen-Enthusiasten.

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Oder wissen wir nur alle nicht, wohin?

Man kann darüber sinnieren wie viel man will. Vermutlich ist die Antwort für die neu entfachte Heimwerker-Leidenschaft viel einfacher: Wo sollen wir dieser Tage auch sonst hin? In den Club? In die Bar? Zum Sport? Zu unseren Freunden? Auf Tinder-Dates? Geht ja alles nicht. Und vom zehnten Mal die Runde drehen im Supermarkt wird das Käseregal auch nicht spannender.

Da kann man sich auch ergeben und halt das heile machen, was in der Wohnung schon lange kaputt ist. Oder endlich bauen, was man immer schon mal bauen wollte. Selbst wenn man dafür lange anstehen muss und am Ende die ganzen eingepflanzten Gemüsesorten sowieso nicht erntet – denn, seien wir ganz ehrlich: Sobald der ganze Mist um Corona vorbei ist, interessieren sich die allermeisten wieder für das, was sie sonst so gut fanden. Und dazu gehört garantiert nicht, dem Wuchern der neuen Balkonbepflanzung zuzusehen. Aber hey, immerhin eine gute Sache hat das Ganze: Nach wochenlanger Isolation werden die Eigenheime tadellos und zurecht repariert in neuem Glanze strahlen. Und: Die Baumärkte dürften wirtschaftlich auch kein Sorgenkind werden. Na wenigstens etwas.

Quelle: Noizz.de