Gestern haben Bund und Länder neue weitreichende Lockerungen beschlossen. Das Kontaktverbot bleibt allerdings wohl bis zum 5. Juni – wie wir gerade mit der Corona-Pandemie umgehen, ist total diffus und lässt mich verwirrt, ratlos und ohne Plan zurück.

Seit gut 45 Tagen herrscht in Deutschland ein Kontaktverbot. Das bedeutet Social Distancing und jede Menge andere Einschränkungen. Während die am Anfang zu unser aller Wohl nicht streng genug sein konnten – und manche sogar von einem Zustand bis 2021 ausgingen, drücken nun viele Politiker in den verschiedenen Bundesländern auf die Tube: Plötzlich wollen sie so viele Lockerungen wie möglich. Das ist auf der einen Seite aus wirtschaftlichen und moralischen Gründen natürlich irgendwie verständlich, löst aber auf der anderen Seite zum Beispiel bei mir totale Verwirrung aus.

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Ab sofort dürfen wieder alle Geschäfte, egal wie groß öffnen, wenn sie sich an bestimmte Regeln halten, die zum Schutz vor einer weiteren Ausbreitung des Covid-19-Erregers schützen sollen. Zuvor hieß es lange, dass nur Geschäfte bis 800 Quadratmeter solche Regeln garantiert umsetzen können – wie wahr oder falsch diese Aussage wahr, sei mal dahingestellt. Die Kontaktbeschränkungen in Deutschland werden bis zum 5. Juni verlängert. Allerdings gibt es hier Lockerungen, die vorher kategorisch ausgeschlossen wurden, nun aber okay sind: Angehörige von zwei Haushalten dürfen sich treffen, sie sollen aber weiterhin einen Abstand von 1,50 Metern zueinander einhalten.

Weitreichende Lockerungen, aber auch sinnvoll?

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Was als Symbol für Bildung gedacht ist, wirkt in der Formulierung aber wie ein schlechter Witz: Jeder Schüler und jedes Vorschulkind soll vor dem Sommer möglichst noch mindestens einmal in die Schule oder in die Kita gehen. Aber auch hier: Die Einzelheiten regeln die Länder. In Kliniken, Pflegeheime und Behinderteneinrichtungen soll den Patienten und Bewohner wiederkehrender Besuch ermöglicht werden. Schrittweise soll die Gastronomie wieder eröffnet werden, der Trainingsbetrieb im Breiten- und Freizeitsport unter freiem Himmel ist wieder erlaubt mit einer Distanz von 1,5 bis zwei Metern.

Gleichzeitig soll die Fußball-Bundesliga ihre unterbrochene Saison mit Geisterspielen fortsetzen. Was?! Wieso?! Sind wirtschaftliche Interessen mehr wert, als alles andere?

Die einzig Voraussetzung für all das: Die Länder müssen sicherstellen, dass in Landkreisen oder kreisfreien Städten mit mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb von sieben Tagen sofort wieder ein konsequentes Beschränkungskonzept umgesetzt wird.

Genau so viel Unsicherheit auf Seiten der Politik?

Angela Merkel vor der Pressekonferenz zu den weitreichenden Lockerungen

Vielleicht gibt es noch einen Grund für dieses Wirrwarr, bei dem nur Angela Merkel eigentlich beim klaren, harten Kurs bleibt: Im nächsten Jahr ist Bundestagswahl. Wie diese Krise ausgeht, wie die Bevölkerung bestimmte Politiker*innen wahrnimmt, wird entscheidend sein. Angela Merkel, die nicht noch einmal zur Wahl als Bundeskanzlerin antreten will, kann das egal sein. Deswegen überlässt sie die Sache bis auf einzelne Einschränkungen auch getrost den Ländern.

Aber wie kann das sein? Ich finde, es ist höchste Zeit, für mehr Klarheit und Stringenz im politischen Handeln zu plädieren und auch die Art und Weise zu überdenken, wie Entscheidungen kommuniziert werden. Jeder, der sich ein bisschen mit Krisen-PR auskennt, weiß, dass hier einiges aus dem Ruder gelaufen ist. Ein paar Beispiele? Bereits am 20. März, also drei Tage bevor es ein offizielles Kontaktverbot deutschlandweit gab, kündigte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die bis dahin strengsten Regeln im Umgang mit der Pandemie an.

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"Wir sperren Bayern nicht zu. Wir sperren Bayern nicht ein. Aber wir fahren das öffentliche Leben in Bayern nahezu vollständig runter", sagte der Minister – und fügte indirekt hinzu, dass dies bald auch in allen anderen Bundesländern so sein werde, es sei quasi schon beschlossen. Ein verantwortungsloses Handeln, dass sehr viel Unsicherheit ausgelöst hat und indirekt auch der Bevölkerung suggeriert hat: Wird uns etwas an Information vorenthalten?

Ähnlich kritisch nun auch das Vorpreschen Sachsen-Anhalts in Sachen Lockerungen. Am Wochenende hatte deren Ministerpräsident Reiner Haseloff ohne vorherige Absprache Treffen von bis zu fünf Personen erlaubt. Zwar ist das ostdeutsche Bundesland bisher ziemlich sanft davon gekommen. Das liegt aber auch an der Einwohnerdichte und Struktur des Bundeslandes. Daraus aber einen Alleingang abzuleiten und quasi zum Corona-Wunderland zu werden, indem man fast alles wieder machen kann, verschärft den Unmut im Rest des Landes.

>> Kontaktsperre und Co.: Diese Corona-Einschränkungen werden gelockert

Bewusster Umgang mit Informationen

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Politiker müssen sich mehr Gedanken machen, wie sie ihre schwer gefällten Entscheidungen der Bevölkerung beibringen. Ich unterstelle niemanden, dass irgendetwas unbegründet und willkürlich entschieden wurde. Ich weiß, dass es Dutzende Fachgremien gibt, die die Bundesregierung und Landesminister beraten und ihnen die Informationen liefern, die sie brauchen. Aber das Hin und Her an Ansagen führt zu eigenartigen Dynamiken, auch in meinem direkten sozialen Umfeld.

Zu Beginn der Coronaeinschränkungen waren viele verunsichert, durch die radikalen Einschnitte in unseren Alltag. Ich hatte Freunde, die sich so strikt isoliert haben, dass nicht mal ein Spaziergang mit Abstand für sie infrage kam. Mittlerweile macht sich Frust und Coronablues breit: Die Leute haben sich irgendwie dran gewöhnt, haben aber auch keine Lust mehr.

Unser Sozialleben normalisiert sich nach und nach. Wenn ich in der Mittagspause meinen Spaziergang mache, merke ich, wie einige Menschen wirklich keinen Abstand mehr halten. Menschen gehen mit einem Mund-Nase-Schutz einkaufen, der ihre Nase nicht bedeckt und niemand sagt was. Auch ich weiß nicht mehr genau, was okay ist und was nicht – ist es legitim seine beste Freundin zu treffen, um ein Essen zu kochen? Während man sich selbst hinterfragt, sieht man Picknickgruppen im Park, die so tun, als gebe es kein Kontaktverbot. Oder sind die eine Familie?

Da fragt man sich schon: Bin ich dumm, dass ich mich da noch zurückhalte?

Darf man das noch?

Auch wir Medien müssen uns an die Nase greifen. Wir haben als Medienmacher ein feines Gespür dafür, was die Leute interessiert, gerade in so einer Ausnahmesituation. Klar, sie wollen so viele Informationen wie möglich haben. Gerade heute aber, als Bund und Länder sich über mögliche weitere Lockerungen beraten haben, gab es eine erschreckende Dynamik in der Berichterstattung.

Über Informanten aus den Regierungskreisen kamen vorab Informationen durch, was alles entschieden werden könnte. Könnte, wohlgemerkt. Zwar sind solche Quellen und Informanten aus journalistischer Sicht ziemlich sicher und wir können sie nutzen, um unseren eigentlichen Bericht vorzubereiten. Was aber total unangebracht ist, weil es eine Mehrheit der Bevölkerung einfach noch ratloser und ohne Einordnung zurücklässt, ist das häppchenweise vorab bekannt geben solcher Informationen. Denn am Ende wird doch noch einmal irgendwas umgeändert - und die Menschen sind unsicher: "Hieß es nicht vorher, es solle so und so sein?"

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Es kommen viele Faktoren zusammen in dieser Krisenzeit, die wir alle zum ersten Mal durchleben

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Keiner weiß genau, was richtig und was falsch ist. Was einen vor allen verunsichert, sind einzelne Vorstöße, gleichzeitig Virologen und Expertenstimmen, die vor einer zweiten Welle oder einem Rückfall warnen. Habe ich Bock, mich dann noch krasser einschränken zu lassen oder mich noch mehr hinterfragen zu müssen, nur weil es uns im Moment etwas zu unangenehm ist?

Ich finde diese Situation keineswegs toll. Aber als Normalo leuchtet es einem wenig ein, wieso vor einem Monat extreme Panik geschoben wurde und nun zurück zur Normalität angeordnet wird. Gleichzeitig sollen wir Kontakte meiden, Veranstaltungen bleiben bis Ende August mindestens untersagt, die Bundesliga darf mit Geisterspielen wieder anlaufen.

Gedankenspiele wie ein "Immunpass", der einem ein normales Leben mit Reisen und weiteren Erleichterungen ermöglicht, sollte man schon einmal an dem Coronavirus erkrankt sein, spalten zusätzlich. Das Virus ist eine abstrakte Bedrohung, die niemand so Recht fassen kann. Umso wichtiger ist es hier, aufseiten der Entscheidungsträger, zumindest für eine Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu sorgen. Damit ich mich nicht mehr diffus, ratlos und verwirrt fühle.

[Text mit Informationen er dpa]

  • Quelle:
  • Noizz.de