Volle Biergärten, Clubs und Kinos, keine Maskenpflicht außer in der U-Bahn – mein Wochenend-Trip in die tschechische Hauptstadt war wie eine Reise in eine Parallelwelt ohne Corona. Was ich in Prag alles erlebt habe – und wieso ich dann, trotzdem ganz Alman, im Maskenwahn war.

Sommerzeit ist Reisezeit. Ist zugegeben während einer Pandemie ein zweischneidiges Schwert – auf der einen Seite hat man nach Monaten des Lockdowns und all den Einschränkungen absolutes Fernweh. Auch, um dem emotionalen Dauerstress, den der Krisenmodus Pandemie mit sich bringt, zu entkommen. Auf der anderen Seite möchte ich mich natürlich auch so gut es geht Corona-konform verhalten und möglichst wenig Mitmenschen gefährden.

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Was also tun, wenn man nicht auf das Urlaubsfeeling verzichten möchte? Bahnfahren ist zwar umweltfreundlich, aber virustechnisch über einen längeren Zeitraum schon kritisch. Unnötigerweise weit wegfliegen will ich in diesen Zeiten auch nicht – vor allem, wenn man bedenkt, dass sich das Coronavirus durch unser globalisiertes Reisen überhaupt erst breitmachen konnte.

Der Kompromiss also: ein Wochenend-Trip nach Prag

Prag in Coronazeiten? Leerer, aber erschreckend normal.

Nach einigem Überlegen und Durchforsten der gängigen Reiseseiten im Netz kamen mein Freund und ich zu dem Entschluss, dass wir am besten nicht zu weit weg verreisen und auch nicht zu lange unterwegs sein wollten. Das Ziel sollte mit einem Mietwagen erreichbar sein und eine gute Mischung aus Kultur und Erholung bieten.

Wer in den vergangenen Wochen auf Booking.com, Trivago, Urlaubsguru oder HRS Deals gesurft hat, wird es auch gemerkt haben: Reisen war noch nie so günstig. Vor allem Unterkünfte buhlen mit Rabatten von bis zu 70 Prozent pro Übernachtung um Gäste. Kein Wunder: Corona hat unsere Reiselust ziemlich ausgebremst, vor allem Städtereisen sind die absoluten Verlierer.

So entdeckten wir eben auch jenes Schnäppchen: Vier-Sterne-Hotel mitten in der Prager Altstadt inklusive Frühstück für gerade mal 50 Euro die Nacht. Wir waren schon oft in Prag, aber gerade das machte das Reiseziel in Coronazeiten umso attraktiver: Du kennst den Ort und weißt, wo du hingehst. Was wir aber dort erleben sollten, fühlte sich nach sechs Monaten Sozialleben im Covid-19-Modus an, als ob man in ein Paralleluniversum gereist wäre.

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Als ich mich vor Reiseantritt informierte, welche Corona-Regeln es in Tschechien gibt, war ich erstaunt: Es gab keine Maskenpflicht außer in der Prager U-Bahn. Clubs, Restaurants, Bars hatten geöffnet, ohne Einschränkungen, Alkoholverbot oder Sperrstunde. Schon Anfang Juli konnten die meisten Tschechen ihre Masken abnehmen. Zusätzlich hatte die Regierung in Prag eine regional gestaffelte "Corona-Ampel" eingeführt, um auf landesweite Restriktionen verzichten zu können.

Der laxe Umgang verwundert mein Alman-Ich, insgeheim erfreut es mich aber auch ein bisschen. Endlich wieder Normalität! Dass mich das aber auch verunsichern würde, ahnte ich nicht. Der Grund für die wenigen Restriktionen: Bisher kam unser Nachbarland ziemlich gut durch die Pandemie. Nur wenige Fallzahlen, sogar in der dicht bevölkerten Hauptstadt.

Also: Ab nach Prag!

Vole Cafés und Veranstaltungen waren in Prag ganz normal – auch in Coronazeiten.

Wir düsen im Mietwagen von Berlin nach Prag und kommen am späten Freitagnachmittag an. Worauf hat man nach vier Stunden Fahrt am meisten Bock? Klar, was essen gehen! Und da fing es schon an: Im Restaurant gab es keinen Platzanweiser, kein Kellner trug eine Maske, es gab lange Tafeln, an denen alle nah nebeneinandersaßen und ihr Abendessen schnabulierten. Alles fühlte sich normal an, nur eben mit dem Unterschied, dass ich als einzige im ganzen Lokal den Mund-Nasen-Schutz auf dem Weg zur Toilette anzog.

Es ist schon komisch: Erst in Prag wurde mir bewusst, wie sehr ich mich bereits an die Pandemie inklusive Maskenpflicht gewöhnt hatte. Ohne fühlt sich komisch an. Aus Gewohnheit streifte ich mir die Maske in jedem Laden über, so als sei ich in Deutschland unterwegs. Während wir bei unserem ersten Restaurantbesuch, einem Lokal, das eher Anwohner der Stadt besuchen, dachten, das Verhalten sei vielleicht eine Ausnahme, zeigte sich in den nächsten Tagen, dass dem nicht so ist.

Eine fast leere Karlsbrücke hatte ich auch noch nie.

Okay, ich hatte die berühmte Karlsbrücke noch nie so leer gesehen, und meinem ganz subjektiven Empfinden nach, glaube ich, dass auch viel weniger Touris als sonst sich durch die Gassen schlängelten – aber abgesehen davon, war das Stadtleben erschreckend unauffällig normal. Volle Open-Air-Kinos, Schwimmbäder, sogar Gruppen-Yoga-Sessions und Konzerte fanden statt. Ohne Rücksicht auf Zwei-Meter-Distanz-Regeln, Händewaschen oder Ähnliches.

Es war sehr heiß an diesem Wochenende, viele Menschen zog es in den Letná-Park und an die Uferpromenade und Inseln an der Moldau. Die Cafés und Biergärten der Stadt waren voll, alle gingen ohne Mundschutz an die Bar und bestellten Bier. Die ersten Touri-Gruppen, darunter viele Deutsche, die Junggesell*innen-Abschied feierten, waren bereits gegen 16 Uhr ziemlich angetrunken – und dementsprechend touchy. Abstand halten? Fehlanzeige.

Auch in den Trams und Bussen trug kein Fahrgast eine Maske. Lediglich in der Prager U-Bahn hielten sich ausnahmslos alle an die Maskenpflicht. Der Prager Untergrund war einer der wenigen Orte, an denen mit vor Augen geführt wurde, dass Sars-CoV-2 noch immer eine Bedrohung für uns ist. In der U-Bahn wurde man sogar mit Durchsagen auf die Maskenpflicht hingewiesen. Während meiner vier Tage in Prag geschah das an keinem anderen Ort.

Sogar CSD-Partys fanden statt

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Wer schon mal in der Metropole an der Moldau war, weiß, dass sie sehr queer-freundlich ist. Jedes Jahr findet am ersten August Wochenende daher auch das "Prague Pride"-Festival statt. So auch in diesem Jahr. Trotz Corona. Zwar gab es keine große Parade – dafür fanden am ganzen Wochenende jede Menge Partys statt. Im Freien, in Parks, in Clubs, Konzerte und Karaokeabende bis spät in die Nacht.

Während mein Freund und ich also mit einem Tretboot dem Sonnenuntergang auf der Moldau entgegen schwammen, beobachteten wir das muntere Partytreiben in der Stadt. Alle hatten Spaß und waren in Feier-Laune. Es war schön, nach so langer Zeit wieder ein sorgloses Treiben zu beobachten. Aber eben auch: befremdlich. Für mein Verständnis waren sich alle einen Ticken zu nah. Es war gut 35 Grad heiß, alle schwitzen und tanzten der Nacht entgegen.

Während unser Abend nach einem Spaziergang und Wegbier beendet war, sahen wir, dass vor dem Karlovy Lázně, einem Club mit fünf Floors in der Prager Altstadt, eine lange Schlange stand. Clubbing in Corona-Zeiten?! In Berlin undenkbar. In Prag wieder normal seit Juni. Es war ein bisschen verstörend. Am Sonntag sind wir aus Prag abgereist und weiter nach Karlsbad nahe der deutschen Grenze. Ein langweiliger Kurort, in dem man einfach nur entspannen kann. Aber auch hier: Außer ein paar Abstandshinweisen an den Quellbrunnen war von Corona keine Spur.

Das Lustige ist ...

Eine Sache, die fast alle Länder gemein haben: Maskenpflicht in bestimmten Gebieten und öffentlichen Plätzen.

... nun hat die tschechische Regierung angekündigt, ab dem 1. September wieder eine Maskenpflicht in geschlossenen Räumen, Behörden und öffentlichen Verkehrsmitteln einzuführen – außer eben in Bars und Restaurants. Der Grund: Dann fängt nämlich in Tschechien wieder die Schule an. Es werde viel mehr Kontakte zwischen den Menschen geben und darauf müsse reagiert werden, teilte Gesundheitsminister Adam Vojtech mit.

Nun gab es zuletzt doch wieder steigende Fallzahlen. Nach meinen Erfahrungen vor Ort könnte das durch aus auch mit der ein oder anderen feuchtfröhlichen Junggesell*innen-Tour in der tschechischen Hauptstadt und dem sorglosen Umgang in Biergärten, Cafés und Co. zusammenhängen.

Die Zahl der gemeldeten Infizierten seit Pandemiebeginn hat nun die 20.000er-Marke überschritten. Darunter sind 5.816 aktive Fälle, 13.799 Menschen gelten als geheilt. Mit einer Covid-19-Erkrankung werden dort rund 397 Todesfälle in Verbindung gebracht. Zum Vergleich: In Deutschland sind es rund 9.236, wir haben aber auch über 70 Millionen mehr Einwohner.

Wer also hierzulande in Deutschland die nächste Lockerungswelle wünscht und eine Abschaffung der Maskenpflicht fordert, kann am Beispiel Tschechiens sehen, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Und ganz ehrlich: Ein bisschen seltsam und unwohl hab ich mich im vollen Biergarten schon gefühlt – auch wenn wir ganz am Rand saßen.

[Recherche: dpa]

  • Quelle:
  • Noizz.de