Seit der Corona-Quarantäne hat sich bei vielen Menschen ein Berührungs-Tabu etabliert. Was macht das mit gesellschaftlichen Gesten wie Umarmungen?

"Ich umarme!" – so oder so ähnlich lautete meine Standard-Begrüßung in Gegenwart neuer Freundesgruppen, Party-Bekanntschaften, Uni-Kommiliton*innen. Ansagen über mein Begrüßungsverhalten habe ich von einer Freundin gelernt, die mich zur Begrüßung immer dreimal auf die Wangen küsste. "Ich küsse dreimal", sagte sie direkt zu Anfang. Es war brillant: Ohne merkwürdige, unangenehme Hand/Faust/Mund-Verwechslungen war direkt die Art der Begrüßung etabliert. Seit der Corona-Pandemie, die physische Berührungen zum Tabu gemacht hat, fühle ich mich aber in ein Meer der Unsicherheit geworfen – wie sieht die Zukunft der Begrüßung aus? Und was passiert mit der Umarmung?

Die Umarmung war die perfekte Begrüßung unter Menschen, die nicht vollkommene Fremde waren. Sie signalisiert sofort Freundlichkeit, man fühlt sich nicht (wie beim Hände schütteln) wie in einem Business-Meeting, und kommt der jeweils anderen Person nicht mit Wangenküssen zu Nahe. Auf einer Wippe zwischen "Wir sind eine Familie" und "Wir sind erst Freunde, wenn wir den Geburtsnamen unserer Großmütter kennen" stand die Umarmung in der perfekten, demokratischen Mitte.

Symbolbild: Umarmende Menschen

Berührung ist ein wichtiger Teil des menschlichen Miteinanders

Physische Berührungen sind für Menschen genauso wichtig, wie gesprochene Sprache, sagte die Forscherin Juulia Suvilehto an der Linköping Universität in Schweden zum US-Magazin "TIME". Das haben schon Experimente mit Affen gezeigt, die mit einer Plexiglasscheibe getrennt waren. Sie könnten sich zwar hören, sehen und riechen – doch nicht berühren. Sobald man das Glas wegnahm, töteten sich die Affen fast gegenseitig.

Auch Psychologe Martin Grunwald sagt im Wissenschaftsmagazin "GEO", dass es kein Säugetier gäbe, dass sich ohne Berührung adäquat entwickeln kann. Es ist nach sechs Wochen der erste Sinn, den ein Embryo besitzt, später entwickelt sich die Haut zum größten Sinnesorgan des Menschen – kein Wunder also, dass Berührungen eine so große Rolle in unserem Leben spielt.

Symbolbild: Umarmende Menschen

Keine Umarmungen mehr? Das kann gesundheitliche Probleme auslösen

Fehlende Berührungen bergen tatsächlich auch gesundheitliche Risiken. Zum Beispiel "Touch Starvation" – ein Zustand, in dem ein Mensch verstärkt Stress, Depression oder Ängste empfinden kann, wenn er zu wenig zwischenmenschliche Berührung erlebt, erzählt Asim Shah, Professor am "Baylor College of Medicine" in Texas im Magazin des "Texas Medical Centers". Obwohl diese Berührungen zum gewissen Grad auch mit visuellen Eindrücken wie beispielsweise Video-Anrufen kompensiert werden können, ist die physische Berührung kaum zu ersetzen.

Symbolbild: Sich umarmende Freunde

Berührung ist wissenschaftlich erwiesen überlebenswichtig – doch trotzdem hat sich in Menschen während der Pandemie eine zunehmende Aversion gegenüber der persönlichen Berührungen breitgemacht. Menschen im Supermarkt schnauzen sich an, wenn ihnen jemand einen Schritt zu nahe kommt, und wenn ich gedankenverloren jemandem die Hand gebe, dann bekomme ich nun schlaffe Handdrücke und verwunderte Blicke zurück – ich schäme mich, dass ich so gedankenlos war, und wasche mir direkt panisch die Hände.

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Wenn selbst ich, eine Verfechterin der angekündigten Umarmungen schon beim unüberlegten Händedruck so ein mulmiges Gefühl habe, wie steht es dann um die Zukunft der zwischenmenschlichen Berührung? In welchem Setting kann ich demnächst Menschen wieder freudig umarmen, ohne vorher zu fragen, wie es so Corona-mäßig beim jeweiligen Gegenüber aussieht?

Berührungen haben sich schon vor Corona verringert

Physische Umarmungen haben sich schon vor Corona verringert, wie Forscherin Suvilehto in intensiver Feldforschung beobachtete. Gründe darin sieht sie unter anderem in der MeToo-Bewegung und der zunehmenden virtuellen Interaktion, die selbst im physischen sozialen Miteinander stattfindet. Die Corona-Pandemie scheint diesen Trend nur angespornt zu haben. Zukünftig werden wir mit Video-Anrufen, wie Professor Shah voraussagt, einen neuen Status quo des Miteinanders bilden. Bei einfachen Begrüßungen kann sich der Verlust der Berührungen ebenfalls widerspiegeln – zum Beispiel, indem er in Form eines einfachen Nickens kompensiert wird.

Ich zumindest vermisse die spontanen Freundschaftsgefühle, die sonst bei Bekanntschaften entstehen, die sich umarmen; die wortlose Nähe, die eine persönliche Berührung bedingen kann. Ich vermisse das Gefühl, mit allen spontan eine Connection haben zu können. Nun muss ich meine Taktiken zum zwischenmenschlichen Bindungsaufbau überdenken. Doch ich bin mir jetzt schon sicher: Keine Geste wird so simpel und so eindeutig sein wie die Umarmung.

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Quelle: Noizz.de