Sexismus, Homophobie, Verschwörungstheorien, billige Verkaufsstrategien und und und: Über die Jahre sind meine Begeisterung und Liebe für Deutschrap leider in Enttäuschung und Fremdheit umgeschlagen. Das Ende einer Hass-Liebe: Hass.

Friends, ich hau in' Sack – kein' Bock mehr auf Deutschrap. 12 Jahre ist das jetzt her, seit mir irgend so ein Typ "Boss der Bosse" von Kollegah gezeigt und damit eine ganz neue Welt eröffnet hat. Bei "In meinem Bordell ist kein freier Eintritt – wenn es mal passiert, dass ein Freier eintritt, ohne zu bezahlen, dann ist es so, dass man, ohne langes Zögern, dann die Fresse von dem Freier eintritt", war es um mich geschehen: Ich war verliebt in Wortspiele, Reimketten, Doubletime und asoziale Punchlines – alles, was das Herz eines in einer konservativen, gut-bürgerlichen Kleinstadt rebellierenden 15-Jährigen begehrt.

Tja, und heute? Heute kotzt mich dieser toxisch-maskuline Prollo-Kult so an, dass ich nicht mehr gutem Gewissen sagen kann, Fan zu sein. Fan? Nein, ich bin kein Fan mehr. Keine Ahnung, wann mich zuletzt ein Deutschrap-Album so begeistert hat, wie zig US-amerikanische es jedes Jahr tun. Früher ist mir das nie so aufgefallen, aber seit Trap internationaler Zeitgeist ist, muss man sich eben auch mit denen messen lassen, von denen man sich inspirieren lässt. Aber es geht nicht nur um Kunst, vielleicht sogar am wenigsten. Es geht um fehlende Werte der Szene, und es geht um "Künstler", mit denen ich mich einfach nicht mehr identifizieren kann - und will.

Ein kleiner Abschiedsbrief an ein Genre, das mal alles für mich war und heute kaum mehr als Kopfschütteln und Schamesröte ins Gesicht zu treiben mag.

>> Prinz Pi behauptet: Im Deutschrap nie Sexismus oder Rassismus erlebt

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Ist Deutschrap überhaupt noch "eine" Szene?

Kleine Klarstellung vorweg, denn wenn schon als positives Gegenbeispiel erwähnt: Sind die Amis weniger sexistisch? Nein, größtenteils nicht. Wenn ich mir die Zitate der feministischen Kampagne #unhatewomen anschaue, dann frage ich mich aber, welcher US-Rapper derart über die Strenge schlägt.

Und ja: Ich weiß, Deutschrap ist eigentlich viel zu groß und bunt, um als Szene über einen Kamm geschert zu werden. Trotzdem gibt es Charts, Festivalbühnen, Medien, Verkaufszahlen, Einfluss und Zeitgeist, die eine gewisse Schnittmenge von Künstlern abbilden. Und die ist selbst 2020 noch so durchsifft von Sexismus, dass ich nicht drumherum komme, zu merken: Meine Welt ist das nicht (mehr).

An dieser Stelle findest du Inhalte aus YouTube
Um mit Inhalten aus YouTube und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Also mal zu den harten, kapitalistischen, diskriminierenden, uninspirierten, rückgratlosen Fakten:

Deutschrap ist zu großen Teilen sexistisch, homophob, frauenverachtend, antisemitisch, vertritt toxische, archaische Männlichkeitsideale, hat eine über weite Flächen konfliktscheue, klick-geile und unkritische "journalistische" Medienlandschaft geschaffen – die fairerweise gerade auf dem Weg der Besserung ist –, produziert das billigste Merch seit dem McDonald's Happy Meal, glaubt an krude verschwörungstheoretische Weltbilder und schwebt künstlerisch irgendwo zwischen Schlager und dem Schatten des großen Bruders von Übersee.

Ja, ich weiß, es gibt auch genug Gegenbeispiele. Aber es gibt eben viel mehr, die genau in dieses Bild passen, es reproduzieren und das in allen Subgenres, Erfolgs-, und Altersklassen.

>> Spotifys Deutschrap-Top-10: Welche Texte sexistisch sind – und warum

Übrigens, wo wir schon die – sagen wir mal "harmoniebedürftigen" Medien angesprochen haben: Ist das überhaupt wirklich so, dass Deutschrapper so ganz und gar nicht auf mediale Präsenz angewiesen sind und man deswegen Interviews nur mit Blatt vorm Mund führen kann? Warum sind es die Amirapper dann doch und müssen sich in Radioshows auch schwierigen Fragen und Kritik aussetzen? Würde mich schwer interessieren, was passiert, wenn mal alle Medien an einem Strang ziehen würden und "wir suchen hier die Fragen aus, nicht ihr, sonst gibts kein Interview" durchziehen. Wanna try?

An dieser Stelle findest du Inhalte aus YouTube
Um mit Inhalten aus YouTube und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Deluxe-Boxen und Verschwörungstheorien

I know, das' jetzt nix Neues. Aber ... alter, was für eine dunkle Stunde sind bitte Deluxe-Boxen. Ist 'n bisschen wie die gesamte Sexismus-Debatte: Nur, weil man sich daran gewöhnt hat, macht es das Phänomen nicht besser. Denn das muss man sich mal vorstellen: Da werden innerhalb dieser "Fan"-Boxen immer noch CDs verkauft. Hallo? Welcher Mensch unter 20 hat denn bitte noch einen fucking CD-Player? Richtig: fucking keiner. Klar, jeder will Geld verdienen. Aber habt ihr Rapper eigentlich einen Funken Würde dabei? Mir scheint: not so much. Euch scheint: Kohle heiligt alle Mittel. Denn da schieben sogenannte "Künstler" ihren jugendlichen Fans für 40 bis 50 Euro drei CDs, Eigenwerbung und paar Plastik-Artikel rüber. Wieder und wieder, Album für Album. Ekelhaft.

Ernsthaft, ich könnte jetzt ein Buch schreiben und die Kapitel würden in etwa so klingen:

Zugekiffte Hänger glauben, die Erde wär flach (Link)

Rapper räumen mit – mittlerweile indiziertem – Album – mittlerweile abgeschafften – größten Musikpreis ab (Link)

Deutschlands erfolgreichster Rapper zwischen 2017 und 2019 rappt auf Feature, wie er "sogar Lesben umdreht, weil alle seinen Dick wollen" (Link)

Rapper zieht 30.000 Fans mit billigstem Rucksack der Geschichte ab (Link)

YouTuber startet mit verschwörungstheoretischen Interviews im Deutschrap durch (Link)

Etabliertes Rap-Medium hält sexistischem und homophobem Rapper den Rücken frei (Link)

... und das alles sind nur Beispiele für strukturell integrierte Phänomene.

Aber das ist ja alles nichts Neues. Gehört alles substanziell dazu und zwar seit Jahren. Und klar: Man kann auch einfach für eine gute Sache eintreten und das Teil von innen verbessern. Kenne ich aus beruflichen Gründen auch. Aber will ich das auch in meiner Freizeit und meinem geliebten Lebensmittelpunkt? Oder suche ich mir nicht lieber eine Szene und Kultur mit richtig coolen und woken Menschen, die die Welt ein bisschen besser machen?

>> "Keine Liebe" von Rin und Bausa: Kritik an "Generation Instagram" oder chauvinistischer Rotz?

An dieser Stelle findest du Inhalte aus YouTube
Um mit Inhalten aus YouTube und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wird es besser?

Gefühlt ja, gefühlt nein. Es gibt mittlerweile richtig viele kluge, woke, moderne Journalist*innen. Im aktuellen Fler-Debakel haben "rap.de", "Juice.de" und "Hiphop.de" starke Worte gefunden. Das ist ein riesiger Gewinn für die Szene. Deutscher Sound ist außerdem flächendeckend so gut und professionell produziert wie nie zuvor, zum Beispiel von Ufo oder Rin. Die Bandbreite an erfolgreichen und talentierten Künstlern ist echt groß. Immer mehr Künstler positionieren sich offen gegen die AfD, immer mehr weibliche Rapper starten durch und tun was für Diversität und Gleichberechtigung. Und auch der Shitstorm gegen Rapmedien wird immer größer, wenn diese mal wieder verpassen, sich klar zu positionieren und homophobe, gewalttätige Sexisten à la Fler einfach wirken lassen.

Auf der anderen Seite reproduzieren junge wie alte Rapper die gleichen diskriminierenden Texte. Yin Kalle, OG Keemo, Negatiiv OG, Finch Asozial, Yung Hurn, Bausa – richtig spannende Künstler der neuen Generation und durchzogen von ekelhaft Frauen verachtenden Lines. Und wer genannte Künstler oder die Aktion von Terre de Femme für Einzelfälle hält, der hört sich diese von MC Smook zusammengestellte Deutschrap-Playlist an: "Frauen raus aus Clubs - Playlist mit Ehre". Nuff said. Und auch 2020 schafft es "16Bars" noch, sich in einer unfassbar eindeutigen Situation so katastrophal zu verhalten.

>> Von Erotik-Kalendern zu AfD-Satire: MC Smook ist der Satire-King des Deutschrap

Sorry, Leute, aber nicht mehr meine Welt. Ich will Kunst, die für sich steht und keine Marktschreier auf Instagram. Ich kann diesen Sexismus nicht mehr ab. Ich will kein Hobby mehr, für das ich mich schämen muss. Ciao, Deutschrap, ich weiß Schöneres mit mir anzufangen.

>> Shirin, warum gibst du dich für Flers homophoben Steinzeit-Rap her?

  • Quelle:
  • Noizz.de