Habe ich das Recht, unglücklich zu sein, wenn ich 113 Milliarden Dollar auf dem Konto habe? Ja. Probleme sind Probleme, ob groß oder klein. Trotzdem ist es wichtig, sich mit kleinen Dingen zufriedenzugeben – gerade in Zeiten von Corona. Nur wie gelingt das?

Jeff Bezos hat alles, außer Haare. Der Kontostand des Amazon-Chefs beträgt 113 Milliarden Dollar. Sein Einkommen misst sich in Zahlen. Sein Glück aber nicht. Glaubt man dem Philosophen Rene Descartes, ist der reichste Mann der Welt genauso arm dran wie du und ich. Nach ihm ist der Mensch nur glücklich, wenn er zufrieden ist. Doch selbst Amazon Prime kann Zufriedenheit nicht innerhalb von 24 Stunden liefern. Was nun?

Jeff Bezos, Chef von Amazon

Privilegien wertschätzen

Die Lösung lautet: "Check your privilege". Der Ausdruck hat sich in den vergangenen Jahren etabliert und wird vor allem online immer wieder in Zusammenhang mit sozialer Gerechtigkeit gebracht. Es geht darum, sich seinen Privilegien bewusst zu sein. Genauer: das Leben und den Körper, in den man hineingeboren ist, wertzuschätzen.

Peggy McIntosh hat 1998 in dem Artikel "White Privilege" erklärt, welche Menschen gewisse Vorzüge haben. Nach ihr gelten alte, weiße Männer als besonders privilegiert, da sie eher selten (beziehungsweise gar nicht) unter Rassismus und Sexismus leiden. Glückwunsch, Jeff Bezos – du hast wohl das große Los gezogen.

Wer sich jetzt mit dem US-amerikanischen Unternehmer vergleicht, hat das Prinzip aber nicht verstanden. Es geht nicht darum, das eigene Leben mit einem vermeintlich besseren oder schlechterem zu vergleichen. Die Frage sollte eher lauten: Wie verstehst du die Privilegien, die du hast?

Homeoffice – ein Luxus

Die Kunst ist zu sehen, was da ist – nicht das, was fehlt. Das Problem: Der Mensch ist anders konzipiert. Er will, was er nicht haben kann. Ist er Single, vermisst er die Liebe. Kuschelt er mit seiner Liebe, ist sie selten gut genug. Gelockte Haare werden geglättet. Glatte Haare gelockt. Gehen wir zur Arbeit, wollen wir Homeoffice. Müssen wir von Zuhause arbeiten, vermissen wir unser Büro.

In Zeiten von Corona lernen wir wieder, kleine Dinge wertzuschätzen: Sich mit FreundInnen auf eine Decke quetschen, Halloumi und Zucchini grillen – mit Hunderten anderen Leuten im Park. Sogar Dinge, die wir hassen, sehnen wir uns wieder herbei. Wenn uns im Januar der Sitznachbar in der U2 gesagt hätte, dass wir die Drängelei bald vermissen, wir hätten ihn wohl ausgelacht. Quetschen wir uns beim nächsten Mal in die Bahn, dann mit großer Freude. Dann scheint die Ausgangssperre vorbei zu sein – und der Virus bekämpft. Schwitzen in der U2: das große Glück.

Check your Privilege - Liste von "knowyourname"

Check your Privilege in Zeiten von Corona

Doch genauso wie wir damals das Leben nicht genügend wertgeschätzt haben, so wissen wir auch in Zeiten von Corona nicht, wie privilegiert wir sind. Mit "wir" sind du und ich gemeint. Wir, die in Deutschland geboren sind. Die auf dem Sofa sitzen, Netflix gucken und so Leben retten. Deren Gesundheitssystem trotz vieler Mängel besser ist als das der USA. Sollte einer von uns arbeitslos werden, dann haben wir immer noch mehr Sicherheit als andere (westliche) Länder.

Du siehst europäisch aus? Dann hast du schon mal nicht das Problem, in Zeiten von Corona unter dem aufgeflammten Rassismus zu leiden. Für viele gelten "asiatisch" aussehende Menschen als Risiko – weil sie in Zusammenhang mit China, dem Ursprung der Pandemie, gebracht werden. Kulturelle und ethnische Vielfalt scheinen plötzlich nicht mehr zu existieren. Milliarden Menschen werden aufgrund ihres Aussehens beleidigt und in eine Schublade gesteckt. Unter dem Hashtag #ichbinkeinvirus wurde auf das Problem aufmerksam gemacht.

Du musst Homeoffice machen und bist von den vielen Videokonferenzen genervt? Immerhin hast du noch deinen Job. Dein blonder, selbst gefärbter Haaransatz sieht katastrophal aus? Dann überleg dir mal, wie schlimm es auf dem Konto deines Friseurs aussieht. Du kannst deinen Freund wegen der Kontaktsperre nicht sehen? Immerhin hast du einen.

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Lassen sich Probleme vergleichen?

Ist Liebeskummer schlimmer als der Covid-19-Virus? Nein. Trotzdem tut Herzschmerz weh – und wer darunter leidet, hat jedes Recht zu jammern und zu meckern. Selbst Jeff Bezo war bestimmt schon mal unzufrieden mit seinem Leben. Wegen Leistungsdruck, der Scheidung oder weil er immer wieder als schlechtester Chef überhaupt bezeichnet wird. Gut möglich, dass auch Jeff schon mal geweint hat. Milliarden Dollar auf dem Konto verhindern keine Tränen.

Probleme lassen sich nur schwer miteinander vergleichen. Neben Jeff sieht jeder arm aus. "Schlimmer geht immer" ist aber kein Motto, um glücklicher zu sein. Wer wegen Corona seinen Job verliert oder seinen Laden schließen muss, dem hilft es wenig, wenn es anderen noch schlechter geht.

"Check your privilege" bedeutet nicht, Privilegien zu vergleichen – sondern seine eigenen bewusst wahrzunehmen. Jeder darf jammern, auch auf hohem Niveau. Probleme sind Probleme, ob kleine oder große. Trotz all dem, was fehlt, sollte man das wertschätzen, was man hat – und sich bewusst sein, dass man gewisse Privilegien hat. Zufrieden sein, mit dem, was man hat.

Wem das gelingt, der muss Zufriedenheit gar nicht bei Amazon Prime bestellen. Der ist mindestens so glücklich wie der reichste Mann der Welt – und hat, im Gegensatz zu Jeff, vielleicht sogar noch Haare.

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Quelle: Noizz.de