Der CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz hat wieder einmal Dinge gesagt, die perfekt ins letzte Jahrhundert passen, aber mit der Gegenwart oder gar Zukunft Deutschlands nicht kompatibel sind. Diesmal geht es um Homosexuelle und um den Arbeitsmarkt nach Corona.

Ich hab keine Ahnung, wer der*die neue Kanzler*in wird, aber ich weiß zu hundert Prozent, wer es nicht werden darf: CDU-Fossil Friedrich Merz. Warum? Weil Deutschland eine*n Kanzler*in der Zukunft braucht, nicht der Vergangenheit.

Das Gute ist, dass es nicht so weit kommen wird. Dafür sorgt Friedrich Merz selbst mit gefühlt jeder neuen öffentlichen Aussage. Immer wieder bestätigt er, wie groß die Distanz zwischen ihm und der deutschen Gegenwart ist. Als hätte man ihn 1990 per Kryotechnik eingefroren und Ende 2018 – aus Versehen, anders kann ich‘s mir nicht erklären – wieder aufgetaut. Merz ist aus der Zeit gefallen – in einem Sinne, der nicht zur Kanzlerschaft taugt.

Merz platziert nicht das erste Mal einen homophoben Spruch

Seine neuesten Punchlines aus der Kategorie "In welchem Jahrhundert lebt der Mann eigentlich?" droppte er im "BILD"-Politik-Talk "Die richtigen Fragen" am Sonntagabend.

Merz hatte auf die Frage, ob er Vorbehalte hätte, wenn ein schwuler Bundeskanzler würde, zwar "Nein" gesagt. Auf Nachfrage, ob das für ihn völlig normal wäre, fügte er hinzu: "Über die Frage der sexuellen Orientierung, das geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft." LOLWUT?!, wie man im Internet sagen würde, wenn man lautes, verstörtes Lachen (LOL) mit ungläubigem Nachfragen (what?) kombiniert.

Wenn einem Profi-Politiker beim Thema Homosexualität ungefragt Gesetze und Pädophilie einfallen, lässt das tief blicken – und offenbart einen Menschen, in dessen Welt der "Schwulen"-Paragraf 175 noch in Kraft ist – einen Mann also, dessen Gesellschaftsverständnis Anfang der 90er Jahre stehen geblieben ist (der Paragraf wurde 1994 abgeschafft).

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Merz einen homophoben Spruch platziert. Über den damaligen regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit ("Ich bin schwul, und das ist gut so"), sagte er 2001 in der "Bunten": "Solange der Wowereit sich mir nicht nähert, ist mir das egal." Erneut: LOLWUT?!

Es ist davon auszugehen, dass Merz in seinem Privatjet hoch über den Wolken und in den Tiefen seiner Lobbyarbeit für den US-Vermögensverwalter BlackRock nicht mitbekommen hat, dass wir in Deutschland – ein Zeichen der Zeit – seit 2017 die Ehe für alle haben.

Merz fehlt es an Empathie für die vielen Opfer des Corona-Arbeitsmarkts

In dem "BILD"-Talk zündete der CDU-Mann aber noch eine weitere "Das vergangene Jahrhundert hat angerufen und will seine Ressentiments zurück"-Bombe. Zur veränderten Arbeitswirklichkeit, die die Corona-Pandemie für viele Menschen bedeutet, sagte Merz: "Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können." Ein drittes Mal: LOLWUT?!

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Menschen, die ihren Laden wegen Corona dichtmachen müssen – ihr Lebenswerk, ihren Lebenstraum. Menschen, die auf Kurzarbeit sind und Angst haben, ihren Job zu verlieren – und damit eine gesicherte Existenz. Freischaffende, die seit einem halben Jahr ihre private Altersvorsorge aufbrauchen, weil all ihre Aufträge weggebrochen sind. Eltern, die im Homeoffice Nachtschichten hinlegen, um ihren Workload trotz Kindern, die gerade mal wieder nicht in die Kita oder Schule dürfen, halbwegs auf die Reihe zu kriegen. Und, und, und.

Man braucht kein Empathie-Babo sein, um all diesen Leuten Respekt dafür zu zollen, wie couragiert sie die Corona-Krise meistern.

Friedrich Merz am Samstag beim Niedersachsentag der Jungen Union in Hildesheim

Außerdem hat Corona gezeigt, dass es auch anders geht – in zweifacher Hinsicht. Erstens mussten Unternehmen flexibler werden, neue Arbeitsformen schaffen und sich endlich digitalisieren. Plötzlich war so was wie Homeoffice möglich – ja, nötig beziehungsweise gewollt! –, sinnlose Meetings wurden gestrichen, andere per Zoom durchgepeitscht. Vielen Arbeitnehmer*innen fiel ein Stein vom Herzen. Ein lautes "Endlich!" schallte durch die digitalen Büroflure und verwirrte Altvordere wie Merz, die immer noch glauben, man müsse stets vor Ort sein (und deshalb dauernd um die CO2-gebeutelte Welt jetten).

Man lebt nicht, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu (über-)leben

Zweitens haben nicht wenige Leute, jene, die nicht arbeiten konnten oder durften – vielleicht zum ersten Mal im Leben – gemerkt: Arbeit ist gar nicht so wichtig. Wichtiger ist es, Zeit mit seinen Nächsten zu verbringen – mit der Familie, den Partner*innen, den Kindern, den Freund*innen, sich selbst. Zeit in der Natur zu verbringen oder mit seiner Leidenschaft. Und wichtiger ist in Anbetracht einer tödlichen Pandemie natürlich auch Gesundheit.

Nicht wenige verstanden zum ersten Mal, dass man nicht lebt, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu (über-)leben. Dass man im Kapitalismus – das legt die Übersetzung des Wortes nahe – natürlich Geld braucht, um zu (über-)leben, dass es aber gar nicht so viel sein muss, weil die Dinge, die das Leben lebenswert machen, meistens gar nichts oder nur wenig kosten.

Merz hat mit seiner Mahnung also aus Versehen ins Schwarze getroffen: Viele Deutsche scheinen durch Corona endlich verstanden zu haben, dass Arbeit allein nicht glücklich macht. Für Merz ist solch eine Erkenntnis (ganz im Sinn des protestantischen Arbeitsethos, der sein Seelenheil in der Arbeit sucht) ein Fluch. Für alle anderen – unsere Gesellschaft – ein Segen. Denn dass es nicht so weitergehen konnte – jedes Jahr höher, schneller, weiter –, wussten wir alle schon lange.

Die Zukunft gehört nicht der Arbeit, sondern der Nicht-Arbeit

Die Deutschen verstanden plötzlich auch, dass so viel Arbeit gar nicht nötig ist. Wir müssen gar nicht so viel arbeiten – viele Jobs sind nur um ihrer selbst willen geschaffen worden. Der gerade verstorbene Kulturanthropologe David Graeber nannte sie in seinem letzten Buch "Bullshit-Jobs". Der paulinische Spruch "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" (der ohnehin meist falsch verstanden wird, denn gemeint sind nicht die "Faulen", sondern die "Reichen", die andere für sich arbeiten lassen), passt vielleicht ins erste Jahrhundert nach Christus, vielleicht sogar noch in Merz' offensichtliches Lieblingsjahrhundert, das 20., aber nicht mehr in unsere Gegenwart und schon gar nicht in die Zukunft.

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Die Corona-Krise hat die alte Frage wieder lauter werden lassen, wozu wir all den technologischen Fortschritt – die Segnungen der Industriellen Revolutionen – brauchen, wenn nicht, um weniger zu arbeiten? Das Versprechen war ja stets: Die Roboter nehmen uns Arbeit ab, sodass wir mehr Zeit zur Verfügung haben, für die schönen Dinge des Lebens – und sei es, auf der Couch rumgammeln. Dieses Versprechen ist nicht eingelöst worden. Im Gegenteil: Gerade die Digitalisierung mit ihrer 24/7-Wirklichkeit hat dazu geführt, dass wir mehr arbeiten müssen denn je.

Die Zukunft gehört nicht der Arbeit, sondern der Nicht-Arbeit – beziehungsweise der Roboter-Arbeit. Diesen Schuss hat Merz überhört. Von einem Wirtschaftsexperten wie ihm würde man Vorschläge erwarten, wie diese Nicht-Arbeit zu organisieren sein wird. Denn eins ist sicher: Keiner wird in Zukunft mehr Montag bis Freitag Nine-to-Five hustlen.

Die Zukunft gestallten – was das Zusammenleben unser diversen Gesellschaft und unser Verhältnis zur Arbeit betrifft. Das ist die wichtigste Aufgabe des*der nächsten Kanzler*in. Friedrich Merz wird es nicht sein. Er wäre vielleicht – wie ein Twitter-User richtig bemerkte – "unser Mann für Bonn" gewesen. In Berlin brauchen wir 2021 jemand anderen.

  • Quelle:
  • Noizz.de