So viel Progressivität wünschen wir uns bei allen Kunst-Preisen!

Award-Shows sind ja immer so eine Sache, vor allem im Musikbusiness. Wie es gar nicht geht, hat der Echo bestens vorgemacht und sich einfach mal selbst abgeschafft. Die Grammys haben sich auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, was die Nominierten-Liste angeht: In den vergangenen Jahren waren in den vier prestigeträchtigen Hauptkategorien Frauen und People of Colour Mangelware.

Und die britischen Musikpreise, die Brits? Tja, die reihen ihre Preisträger noch munter in die Schublade "männlich" und "weiblich" ein. Das ist so 2000-something, das einem echt die Worte fehlen. Vor allem in dem Land mit einer der progressivsten Musikszenen. Das scheinen auch die Veranstalter langsam erkannt zu haben.

Zwar werde im Februar 2020 nach einem Bericht der Tageszeitung "The Sun" die Zeremonie noch im gewohnten Ablauf stattfinden, inklusive der Kategorien "Bester Künstler national" und "Beste Künstlerin national", ab 2021 solle sich das aber ändern. Stattdessen soll es genderneutrale, also non-binäre, Kategorien geben mit denen alle Musiker*innen abgeholt werden sollen.

Damit wolle man anerkennen, dass sich etwas Grundlegendes im Business ändere und man das auch anerkenne, so eine ungenannte Quelle gegenüber der Sun: "Die Veranstalter werden die Labels und Künstler kontaktieren, um herauszufinden, wie die Zukunft der Brits am besten aussehen kann" – das beträfe auch die Umbenennung der Kategorien.

Wir finden: gut so!

Wir dürfen also gespannt sein, welche Konsequenzen die Veranstalter daraus ziehen. Hoffentlich die Richtigen. Nicht, dass am Ende in den Kategorien 90 Prozent weiße, heterosexuelle Männer nominiert sind, die die britische Musikwelt trotz genderneutraler Kategorien wie einen blassen Tee mit zu viel Milch wirken lassen.

Mit Künstlern wie Sam Smith haben die Macher bei der Preisverleihung ja die besten Voraussetzungen, sich auszutauschen. Smith hatte erst vergangene Woche auf Instagram mitgeteilt, dass man in Zukunft nur noch geschlechterneutrale Pronomen und Bezeichnungen im Gespräch verwenden solle:

Das ist natürlich in der englischen Sprache durchaus einfacher, als im Deutschen, aber auch bei uns kein Ding der Unmöglichkeit. Vor allem wirft so ein Statement ein bisschen mehr Aufmerksamkeit darauf, wie leichtfertig wir mit Sprache manchmal umgehen. Und erst Recht, dass Geschlechterkategorien im Hinblick auf Musik und andere Kunst vollkommen fehl am Platz sind.

Bei Sportwettbewerben kann man eventuell noch eine Geschlechtereinteilung nachvollziehen – denn es gibt nun mal tatsächlich einige physische Unterschiede zwischen den per Chromosomensatz weiblich und männlich definierten Körpern. Um Leistungen und Bestzeiten vergleichbar zu machen, sind unterschiedliche Leistungsklassen okay.

Da fragt man sich nur, ob es dann die Unterscheidung in "Frauen" und "Männer geben muss oder ob es nicht auch etwa eine "Gruppe I" und eine "Gruppe II" genauso tun würden. Sportlerinnen wie die intersexuelle Läuferin Caster Semenya haben allerdings gezeigt, dass die Grenzen auch hier fließend sind.

In Sachen Musikpreis sind Geschlechterkategorien aber nicht nur diskussionswürdig, sie sollten eigentlich schon längst Geschichte sein. Zum Glück sind sie es bei den meisten auch: Die Grammys haben sich bereits 2012 entschieden, nur noch nach Genres zu ordnen. Auch die MTV VMAs als Publikumspreis sortieren ihre Nominierten und Preisträger in Genre- und Sachkategorien wie "Bestes Video" oder "Künstler des Jahres"– und gehen auch der jungen Zielgruppe, die gerade noch ihren Musikgeschmack definiert und findet mit gutem Beispiel voran.

Lediglich der wichtigste Preis für populäre Musik in Frankreich, die "Les Victoires De La Musique" teilen starr in männlich und weiblich ein, sodass dann selbst queere Künstler*innen wie Christine & the Queens in die Sparte "weiblich" fallen. Und auch die Oscars, zwar kein Musikpreis, aber ebenfalls ein Kunstpreis für Schauspieler, ordnen ihre Sachkategorien zum Großteil in männlich und weiblich ein.

Obwohl es dafür keinen Grund gibt, denn Frauen, Männer, trans* Personen, Nonbinäre und Intersexuelle können alle gleichermaßen großartig eine Rolle verkörpern. Oder wird damit einzig den Jurymitgliedern Rechnung getragen, die sich von alten Mustern nicht lösen können und bei der Preisverleihung, klar definierte Männer bevorzugen würden? Die Antwort weiß nur die Academy selber.

Musikpreise brauchen keine Geschlechter-Zuordnung

Positive Beispiele gibt es zu Genüge – und ob man es glaubt oder nicht, sie kommen auch aus Deutschland. Bei den "VIA Awards", die der Verband unabhängiger Musikunternehmen jedes Jahr anlässlich des Reeperbahn-Festivals vergibt, gab es schon immer genderneutrale Kategorien. Seit 2013 werden dort Preise unter anderem in den Kategorien "Beste_r Newcomer_in", "Bestes Label", "Bester Act" und "Bestes Album" vergeben. Die Message ist klar: nicht das Geschlecht zählt, sondern das Werk.

Und auch der inoffizielle Echo-Ersatz, der in diesem Jahr zum ersten Mal vergeben werden soll, die International Music Awards, verzichten auf Schubladen-Denken. In den Sparten "Commitment", "Style", "Future", "Sound", "Visuals" und "Beginner" versammelt sich alles und jeder – unabhängig davon, wie sich die Acts identifizieren. Zu den Nominierten des Preises, der vom deutschen Rolling Stone initiiert wird und am 22. November vergeben werden soll, gehören unter anderem King Princess, Slowthai, Chance the Rapper, Lizzo und Billie Eilish.

Es tut sich also etwas im Musikbusiness. Vielleicht auch, weil immer mehr Künstler*Innen sich offen positionieren und sich von alten Denkmustern lösen. Wenn diese Mentalität auch bei allen ankommt, müssen wir in Zukunft hoffentlich weniger über Gleichberechtigung und Toleranz diskutieren – sondern können uns einfach mal nur auf die Musik und Kunst konzentrieren.

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Quelle: Noizz.de