Unsere Autorin hat Ähnliches erlebt wie Özil, daraus aber andere Konsequenzen gezogen.

Ich möchte Dir sagen, dass ich nachempfinde, was Du fühlst. Ich verstehe Deinen Brief an die Öffentlichkeit. Aber vor allem verstehe ich, was viele Menschen ohne Migrationshintergrund nicht verstehen.

Denn auch ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass nur gute Leistung meinen kurdischen Hintergrund vergessen lässt. Dass, je besser ich bin, desto weniger ich mir Sorgen machen muss, meine Mitmenschen würden mich in die Ausländerschublade stecken. Denn egal, wie sehr ich versuche, zu zeigen, dass ich integriert bin: Ich habe immer noch einen dunklen Teint, schwarze Haare und einen nicht-deutschen Namen.

[Mehr dazu: Hier liest du Mesut Özils Rücktritts-Statement auf Deutsch]

Ich kann mich noch genau an meinen ersten Zeitungsartikel erinnern. Ich schrieb ihn locker nieder, machte mir gar keine Gedanken über meine Worte, den Text oder die Rechtschreibung. Ein Kollege redigierte anschließend meinen Text und hatte im Nachhinein dann doch nichts zu redigieren. Er kam auf mich zu und sagte: „Du bist keine Deutsche und schreibst ja doch fehlerfrei!“

Natürlich schreibe ich fehlerfrei! Ich bin hier aufgewachsen, habe in Deutschland die Schule besucht. Ist fehlerfreies Schreiben bei mir denn so abwegig?

Und wenn ich dann doch mal ein Komma übersah, hieß es: „Ja, ist aber verständlich. Deutsch ist manchmal echt schwer. Und du bist ja nicht ganze Deutsche.“ Was?

Du sagst in Deinem Statement: „I am German when we win, but I am an immigrant when we lose.“

Ich fühlte ähnlich. Jetzt aber nicht mehr. Denn ich habe es geschafft, allen zu zeigen, dass mein Hintergrund kein Maßstab für die Bewertung meiner Leistung ist. Und weißt Du, wie ich das geschafft habe? Ich bin in diesem Beruf geblieben, habe allen bewiesen, dass meine Herkunft sogar von Vorteil ist, dass ich eine Journalistin mit zwei Identitäten bin, diese Identitäten sich aber ergänzen, sich gegenseitig unterstützen.

Du sprichst von Rassimus, hättest diesen aber mit Präsenz, Kampfgeist aber vor allem mit Selbstbewusstsein eigenständig bekämpfen können. Hättest Du Stärke und Integrität gezeigt, hätte niemand es gewagt, Dich, die Marke, die Du bist, oder Deine Liebe zu Deutschland und zur Mannschaft in Frage zu stellen.

Özil im Mai mit Erdogan Foto: dpa / dpa

Du hast ein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geschossen. Einem Despoten. Ihr habt beide gemeinsam Dein Trikot in der Hand. Das war nicht richtig. Es war klar, dass es Backfire gibt.

Du hättest aber nicht so lange mit Deinem Statement warten sollen, denn das hat die Debatte um dieses Foto noch weiter erhitzt, hättest Dich direkt klar und deutlich dazu äußern müssen. Und jetzt zeigt mir Dein Ausstieg einfach nur Schwäche, Du hast Dich geschlagen gegeben.

Mir fehlt dieses „Jetzt erst recht!“, das so viele Fußballer an den Tag legen.

Wo bleibt der Ehrgeiz? Der Wille? Eine falsche und absolut lahme Entscheidung. Jetzt wäre die Zeit, um mit voller Kraft für die EM zu trainieren. Erhobenen Hauptes hättest Du 2020 für Deutschland und für Deine Fans den Rasen betreten und all Deinen Kritikern den stillen Stinkefinger zeigen können.

Dafür ist es jetzt aber zu spät. Man wird sich nur noch an deinen dreiteiligen Social-Media-Brief erinnern.

Quelle: Noizz.de