Gott, entscheidet euch endlich!

Nach dem klaren Nein des britischen Parlaments zum Brexit-Deal von Premierministerin Theresa May mit 432 zu 202 Stimmen, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht mehr weiter. Das Ganze wird zur Farce. Wortspiele wie Brexshit machen schon die Runde. Und mich als anglophile Schätzerin der britischen Kultur nervt der Brexit langsam so sehr wie ein Pärchen im Freundeskreis, das ständig On-Off ist und sich niemals trennen will.

„Ein geordneter Austritt bleibt in den nächsten Wochen unsere absolute Priorität“, sagte EU-Chefunterhändler Michel Barnier im Europaparlament.

Klar. Hat ja wunderbar funktioniert bei der Abstimmung. Dass Mays langwierig ausgehandelter Deal, der eigentlich eine EU-Light-Version bedeutet, abgelehnt wurde, könnte für ganz schön viel Chaos sorgen: EU-Bürger auf der Insel dürften nicht mehr so ohne Weiteres dort arbeiten, wir könnten nicht mehr frei nach UK reisen, und wir wollen gar nicht erst von den Problemen für den Handel reden. Ein Trennungsstreit ohne Trennung.

Um es kurz zu halten: Ganz schön kacke. Am lustigsten ist die Tatsache, warum dieser Deal gescheitert ist. Zum einen nämlich, weil es im britischen Parlament ein Lager gibt, das am liebsten rein gar nichts mehr mit der EU zu tun haben will, also komplette Isolation. Tolle Idee! Zum anderen, weil die Gegner des Brexits noch immer hoffen, dass sie eines Morgens aufwachen und alles nicht stattgefunden hat. Hoch lebe die EU!

Jetzt bleiben nicht mehr so viele Optionen übrig. Obwohl, wie man es ja von diesen unsäglichen sich nicht voneinander trennen wollenden Pärchen kennt, ist das mit den Optionen immer so eine Sache.

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„Es gibt ja noch so viel, was wir tun können, um diesen ganzen Schlamassel zu retten“, höre ich mein imaginäres Albtraum-Pärchen in meinem Kopf proklamieren.

Und tatsächlich gibt es vier ernst gemeinte Szenarien, die sich auf dem Schulhof EU-Politik ereignen könnten. Zuerst einmal könnte es eine zweite Abstimmung im Unterhaus geben. Aufgrund des sehr eindeutigen Ergebnisses, ist es aber unwahrscheinlich, dass die britische Regierung das machen wird.

Viel einfacher, wäre es da doch, die Trennung noch mal auszusetzen. Zumindest temporär. „Wir können es ja noch einmal probieren“, wer hat den Spruch nicht schon einmal gehört in seinem Freundeskreis. Und schon ist die eben noch beschlossene Separation Geschichte. Toll.

Ich meine, das mit Europa und Großbritannien war schon immer so ein Thema, bereits vor der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957, dem offiziellen Vorgänger der Europäischen Union. Nicht umsonst reden die Briten immer vom „continent“, wenn sie über den Rest Europas reden und nennen ein ganz schnödes Frühstück mit Brotscheiben „Continental Breakfast“.

Ja ja, die Insel hat eine gehörige Grundskepsis gegenüber dem Festland. Klar, wenn man mal ein ganzes Empire auf der Welt hatte, hätte ich die wohl auch. Fun Fact: Als Großbritannien 1973 der EWG dann nach einer fast ebenso langen Hin-und-her-Diskussion wie beim jetzigen Brexit beigetreten ist – fragt gerne eure Großeltern bzw. Eltern –, wollten die Briten eigentlich gar nicht Teil dieser Organisation sein. Größte Europaskeptikerin: Margaret Thatcher, zu jenem Zeitpunkt allerdings noch nicht Ministerpräsidentin, sondern Bildungsministerin und Vorsitzende der Konservativen, die auch regierten.

Zwei Jahre danach gab es allerdings schon mal eine Volksabstimmung wie die von 2016. Damals sprachen sich allerdings 64 Prozent derjenigen, die an der Wahl teilgenommen haben, für einen Verbleib in der EWG aus. Hach, das waren noch Zeiten. Aber da war die Liebe ja noch frisch. Das würde niemand einfach so hingeben. Wäre damals aber einfacher gewesen, sich zu trennen.

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Seitdem endlose Querelen. Jedes Mal, wenn eine neue EU-Regelung oder ein Vertrag in Kraft trat, stellte UK die Beziehung in Frage bzw. auf den Prüfstand. Ganz schön anstrengend so eine Meckerbeziehung. Aber das erklärt das On-Off-Gefälle ja ganz gut. Manchmal braucht man Pausen voneinander, kann aber nicht ohne einander.

Über diese zweifelhafte Natur der Beziehung gibt es im ersten Semester Anglistikstudium eine ganze Seminarreihe dazu. Wer's nicht glaubt: Wetter, Tee und so haben auch damit zu tun. Das ist ja wirklich wie bei einer echten Beziehung.

Ein zweites Brexit-Referendum wie 2016 ist übrigens sehr unwahrscheinlich, steht aber zur Debatte. Es sei denn, es gebe Neuwahlen für das britische Parlament. Oh, tell me more, darling! Eine Neuwahl könnte eine Lösung voranbringen, zumal die oppositionelle Labour-Partei mehrheitlich eine engere Bindung an die EU befürwortet, mit einer Zollunion und Anbindung an den EU-Binnenmarkt.

Labour-Chef Jeremy Corbyn will den Sturz der Regierung über ein Misstrauensvotum erzwingen. Seine Erfolgsaussichten gelten allerdings als schwach. Aber ganz ehrlich: Wer weiß hier schon noch, was passiert?

Noch einfacher wäre es, das ganze Vorhaben gleich sein zu lassen. Den Weg hat der Europäische Gerichtshof in einem Urteil im Dezember eröffnet. Großbritannien könnte seinen Antrag auf Austritt aus der Europäischen Union jederzeit einseitig zurückziehen, also auch noch unmittelbar vor dem Austrittsdatum. Das Land bliebe einfach wie bisher Mitglied der EU. Ein weiterer Austrittsantrag ist damit nicht ausgeschlossen. Allerdings mögen die britischen Politiker diese Option nicht so. Man(n) will ja sein Gesicht bewahren.

Ganz eigentlich will aber Großbritannien die Europäische Union am 29. März verlassen. Beziehungsweise, wollen Sie das wirklich? Das damalige verordnete Referendum fiel denkbar knapp aus. Nach und nach realisieren die Briten, dass der Populismus von damals Ihnen keine eierlegende Wollmaus und einen fetten NHS beschert, sondern das genaue Gegenteil. Aber einmal eine Entscheidung getroffen, kann man doch nicht mehr zurück … oder etwa doch!?

(Text: Zusammen mit dpa)

Quelle: Noizz.de