Loredana soll boykottiert werden, weil sie im Verdacht steht, ein Ehepaar um stolze 900.000 Franken gebracht zu haben. Andere sehen im Bashing gegen die Rapperin reinen Sexismus. Warum wird eigentlich immer noch diskutiert, ob hier endlich irgendwer Verantwortung übernehmen sollte?!

Der Vorfall ist verhältnismäßig alt: Opfer Petra Z. ist Loredana und ihren Brüdern so richtig auf den Leim gegangen. Wie die Schweizer Zeitung "20 Minuten" berichtete, soll die Musikerin stolze 900.000 Franken (ca. 830.000 Euro) von dem arglosen Ehepaar erbeutet haben. Bisher ist Loredana noch nicht verurteilt worden, der Fall wird von der Staatsanwaltschaft untersucht, bisweilen gilt die Unschuldsvermutung. Loredana hat sich zu dem Fall damals kurz geäußert. Sie behauptet, das Geld sei ihr freiwillig von dem Paar gegeben worden.

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Loredana erneut wegen Betruges in der Diskussion

Vor wenigen Tagen veröffentlichte "20 Minuten" erneut einen Artikel zum Thema: Petra Z. erklärt im Interview, sie habe kein Geld, um die Beerdigung ihrer Mutter zu bezahlen. Insgesamt gehe es der 52-Jährigen schlecht: Seit Loredanas Betrug leben sie und ihr Mann Hans Z. am Existenzminimum. Die Eigentumswohnung haben die beiden bereits verloren.

Der Artikel verfehlt seine Wirkung nicht: Alle sind erneut empört. Unter dem YouTube-Video zu "Geh dein Weg", dem neuen Song Loredanas zusammen mit Summer Cem und KC Rebell, finden sich zahlreiche Negativkommentare: "Sie soll die Beerdigung zahlen von Petras Mutter, diese Ehrenlose!!!", schreibt eine Userin. "Ich hoffe du gehst pleite und lebst zum Schluss auf der Straße und wirst da jeden Tag angespuckt, Loredana!", schreibt ein anderer.

Währenddessen trendet auf Twitter der Hashtag "Boykott Loredana", die User*innen sind verärgert und machen sich hier Luft:

"Meidet in der Zukunft, Videos von ihr zu anzugucken, disliken oder zu streamen. Selbst wenn 10.000 Personen auf Ihr Video gehen, um es zu disliken, profitiert sie (leider) davon. Deswegen: einfach davon fernhalten, das tut am meisten weh", twittert ein User und liegt damit bei der Meinung vieler: Man sollte Loredana wo immer möglich die Unterstützung entziehen.

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Die andere Seite findet, dass mit Loredana unverhältnismäßig hart ins Gericht gegangen wird. Die Haltung: Bei männlichen Rappern sind Fans und Medien doch auch nachsichtiger. Viel mehr: Rapper wie Gzuz oder Kollegah werden für ihre kriminellen Machenschaften gefeiert. Entsprechend fragt die "Backspin" mit ihrem Artikel zum Thema, inwiefern man im Fall Loredana nicht am Ende wieder den guten, alten Frauenhass findet.

Deutschrap, deine Kinder sind verkorkst

Während sich Deutschrap immer noch streitet, hat sich einer eindeutig entschieden: Bei Bushido hört bei "Omas Erspartem" ganz offensichtlich der Spaß auf. Er möchte für die Beerdigung von Petra Z.s' Mutter aufkommen und noch einen Betrag an die mutmaßlichen Opfer spenden, wie wiederum "20 Minuten" berichtet.

Bushido in seinen Instastories am 16. Juli 2020. Er fordert, dass Loredanas Betrug auch als solcher benannt wird.

Darüber hinaus verurteilt der 41-Jährige den "Backspin"-Artikel. Er findet es nicht gut, dass hier die sogenannte Sexismus-Keule geschwungen und nicht einfach von Betrug gesprochen wird, wenn welcher vorliegt. Bushido. Der Mann mit Prinzipien. Der Mann der im Verdacht stand, über Jahre mit der Mafia zusammenzuarbeiten.

Aber man muss sich ja gar nicht unbedingt bei Bushido umschauen. Man kann sich auch Fler vorknöpfen, Bonez, Farid Bang – alles Musiker, die höchst erfolgreich sind und deren Strafregister mitunter Bände sprechen und deren Mitmenschlichkeit und Empathie-Gefühl spätestens bei Gewaltverherrlichungen, Rassismus und/oder Sexismus in den Lyrics hinterfragt werden darf.

Prominenteres Beispiel dürfte hier Gzuz sein, der letztes Jahr von seiner Ex-Freundin beschuldigt wurde, sie misshandelt zu haben. Wer hat damals nach dem Ehrenmann gefragt? Ein Boykott wurde jedenfalls nicht eingefordert. Im Gegenteil: Gzuz ist nach wie vor gut verkaufender Künstler. Ist das nicht höchst perfide?

>> Prozess um Rapper Gzuz: Vater der Freundin im Zeugenstand

Sexismus oder Boykott: Warum wird das überhaupt diskutiert?

Uns geht es nicht darum, zu hinterfragen, wo jetzt hier das Sexismus-Problem des Deutschrap steckt. Das ist definitiv da und zeigt sich auch ganz eindeutig in der Haltung zu Loredana. Die Frage ist eine viel Grundsätzlichere: Warum wird im Deutschrap konsequent und mit Nachdruck eine Kultur gefeiert, die die Rechte anderer Menschen mit Füßen tritt?

Fans, Stars und auch die Presse des Hip-Hop sind allesamt so versessen auf die angebliche Authentizität der Straße, dass es bisweilen egal ist, dass Menschenrechte und auch das Gesetz nicht geachtet wird. Wer Streetcredibility hat, gilt als echt, als real. Aber mal ehrlich: Wo ist Gzuz ehrenhafter, wenn er seine Ex-Freundin angeblich an den Haaren durch die Wohnung zieht, wo ist Bushido ehrenhafter, wenn er versucht seine Versicherungsfirma um 360.000 Euro zu betrügen als Loredana, die eine sehr leichtgläubige, ältere Frau um ihr Geld bringt? Ist Loredana schlimmer, nur weil wir das schmale Gesicht ihres Opfers direkt vor uns haben und Mitleid empfinden?

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Und was macht die Musikerin als Reaktion? Nichts: Sie stellt die Kommentarfunktion auf Instagram ab. Genau wie Gzuz damals. Wo ist denn hier die Kante von Loredana oder damals von Gzuz? Wo ist die Streetcredibility hin, die die beiden doch befähigen sollte, sich entsprechend zu den Vorwürfen zu äußern? Nirgends. Und das ist charakterlich, menschlich und insgesamt sehr schwach und armselig. Warum man die beiden weiterhin für ihre harten Raps feiert oder feiern wird, ist ein einziges Rätsel.

Hey Deutschrap, kannst du Verantwortung?

Die Frage sollte also nicht sein, ob man Loredana boykottiert oder ob es hier um Sexismus geht, sondern darum, warum die Deutschrap-Szene immer noch so verantwortungslos mit ihren Akteur*innen umgeht. Warum ist es bis zu einem gewissen Grad ok, oder sogar erstrebenswert, dass ein Rapper schon im Gefängnis war und durch Raub, Körperverletzung oder sonst was verurteilt wurde? Sind das nicht alles ehrenlose Menschen, deren Image auf sehr fragwürdigem Podest steht?

Bushido, Kay One und Fler 2010

Schon klar: Deutschrap hat seine Wurzeln auf der Straße, in den Ghettos, bei Menschen, die nun mal aus kriminellem Milieu kommen. Dann sollen sie doch davon rappen, was für tolle Outlaws sie sind, kann ja künstlerisch alles bearbeitet werden – aber sollte nicht grundsätzlich Schluss sein, wenn Menschen zu Schaden kommen? Außerdem sind sie einfach nicht mehr "auf der Straße". Loredana verdient, genau wie Gzuz, Bonez oder Fler genug Kohle, um die Straßen-Karte eigentlich nicht mehr spielen zu können. Wird Zeit, dass hier mal alle Beteiligten Verantwortung übernehmen.

  • Quelle:
  • Noizz.de