Body Positivity ist auch nur ein gesellschaftliches Konstrukt, das nach hinten losgegangen ist.

Schokoladendiät, Atkins, Low Carb, Rohkost: You name it, ich habe in meinen Jahren zwischen 14 und 22 wirklich jede Diät ausprobiert. Ich habe gehungert, gekotzt und mich vollgefressen, nur um ein paar Kilos zu verlieren. Ein paar Kilos die sowieso niemand bemerkt hätte, wie mir heute bewusst ist. Auf Tumblr habe ich mir Fotos von schlanken Mädels in Sport-BHs und Rezepte für Low-Carb-Süßigkeiten abgespeichert. Und trotzdem war ich nicht glücklicher, nicht besser in der Uni oder weniger Single, als meine Waage dann endlich zwei Kilo weniger anzeigte. Irgendwann hatte ich dann den Salat: Ich war depressiv und essgestört und ganz und gar nicht so happy wie die sportlichen Instagram-Models, die meinen Alltag bestimmten.

Mein Licht am Ende des Tunnels kam ein paar Monate später, als ich vom Body-Positivity-Movement Wind bekam. Wie das genau passierte, kann ich dir heute nicht mehr sagen. Es gab keinen einschneidenden Moment, dafür eine schleichende Realisation: Dein Körper und dein Gewicht ist nicht das Problem, sondern die Gesellschaft. Schönheit ist ein soziales Konstrukt, das Schlankheitspillen, teure Esspläne, Extensions und Schönheitsoperationen verkaufen soll. Deswegen sollen Frauen lange blonde Haare, dichte Wimpern und Maße wie 90-60-90 haben.

Die Body-Positivity-Bewegung wehrt sich dagegen und will sich nicht länger von Frauenmagazinen vorschreiben lassen, wie man auszusehen hat. Diese Attitüde wollte auch ich mir aneignen, damit ich aus meinem tiefen Loch, dass ich mir mithilfe von gesellschaftlichem Druck so schön geschaufelt hatte, wieder rauskam.

Es ist ein wahrhafter Kampf einen dicken Bauch, rote frische Dehnungsstreifen an den Oberschenkeln und wabblige Oberarme im Spiegel zu sehen und das plötzlich gut zu finden. Doch wie Propaganda kommt auch das Sich-selbst-gut-finden irgendwann im Gehirn an.

Und wenn man diesen Moment erst einmal erreicht hat, kann einen niemand mehr aufhalten. Denn ich finde mich selbst so gut, schön und wertvoll, dass mir die Meinung der meisten Menschen wirklich egal ist. Wieso das bei mir so gut funktioniert hat?

Das liegt vor allem daran, dass eben auch die positive Haltung zum eigenen Körper nur ein nichtiges, soziales Konstrukt ist, das ich in meinem Kopf aufgebaut habe. Ein Konstrukt, dass eigentlich zur Darstellung von Körpern gedacht war, die nicht weiß, hetero, cis, able-bodied oder schlank sind. Doch als ich auf diese Bewegungen gestoßen bin, war sie schon längst nicht mehr das, was sie zu Beginn sein sollte.

Mit Body Positivity wollten sich selbsternannte dicke Frauen ursprünglich eine Community abseits der gesellschaftlichen Schönheitsideale schaffen, in der sie nur unter sich sind, sich gegenseitig bestärken und beistehen konnten. Doch nachdem sich dieser private Aktivismus über Social Media verbreitete, wurde genau dieser Hashtag, und damit die digitale Community dahinter, ausgenutzt. Denn Frauen mit Körpern die in den Medien sowieso überwiegend vertreten und akzeptiert sind, gesellten sich mit ihren kleinen Makeln zu den dicken Frauen, die einfach nur ihren eigenen Space haben wollten.

Jetzt könnte man denken, wieso dürfen da nicht auch dünne Mädels mitmachen? Ganz einfach, weil schlanke Körper für viele Frauen außerhalb dieses Ideals ein Trigger sind, der im Alltag sowieso schon allgegenwärtig ist.

Die eigenständige Inklusion von Körpern, die eigentlich alle Normen unserer Gesellschaft entsprechen, hat das Movement komplett verändert. Es ist im Mainstream angekommen und scheint für Akzeptanz von anderen Körpern – Körpern wie meinem – zu sorgen. Mittlerweile ist die Message der eigentlichen Aktivisten vollkommen untergegangen. Meiner Meinung nach ist Body Positivity nur noch Menschen zugänglich, die Bodys haben, die einer gewissen gesellschaftlichen Norm entsprechen. Diese Norm wurde zwar im wahrsten Sinne des Wortes ausgeweitet, doch Frauen mit Kleidergrößen ab 44 sind in unserer Gesellschaft definitiv weiterhin nicht gerne gesehen.

Denn die Frauen, die mittlerweile den Hashtag #bodypositive verwenden, sind doch noch so nah am Schönheitsideal daran, dass sie das Movement dahingegen geprägt haben, dass alles, was nicht ästhetisch und ansprechend ist, keine positive Körperlichkeit verdient hat. Das sieht man zum Beispiel an dem aktuellen Gilette-Werbespot, der eine dicke Frau zeigte und sofort Eskalation beim deutschen Volk auslöste: Das ist eklig! Das ist ungesund! Das hat nichts in der Werbung zu suchen!

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Von Body Positive will da plötzlich niemand mehr etwas hören. Denn der Körper entspricht eben weder dem ausgedachten Schönheitsideal, noch dem dazugedichteten Body Positive Ideal, dass eben nur wohl geformte Körper mit ansehnlichen Kurven und dicken Pos à la Kim Kardashian erlaubt. (Darauf, dass dieser Werbespot doch einfach nur sagen will "Hey, we see you, und auch du hast als Mensch das Recht, dich zu pflegen und ansehnlich zu fühlen" und nicht Adipositas verbreitet, will ich hier nicht näher eingehen.)

Und genau deshalb habe ich auch so verdammt Glück. Denn mit meiner soliden Kleidergröße 40/42 und meiner verhältnismäßig schmalen Taille bin ich noch ansehnlich genug, um im aktuellen Movement stattfinden zu können, ohne solche Ärgernisse auf mich zu ziehen. Stattdessen gibt es Beglückwünschungen dafür, dass ich mich erfolgreich in dem Konstrukt des Body-Positive-Rahmen von Größe 38 bis 44 bewege. Wäre ich dagegen unförmiger, weniger feminin oder würde mich als trans identifizieren, wären die Reaktion auf Social Media auf meine Stories in Wohlfühlunterwäsche sicher anders. Denn das Body-Positive-Movement ist keine Community mehr für die Körper, die die Gesellschaft verschmäht, sondern für die Körper, die man, wenn man ein Auge zudrückt, doch noch akzeptieren kann. So wie die groß angekündigten "Curvy Models" bei GNTM im vergangenen Jahr, die am Ende doch nur Größe 38 getragen haben und von Fernsehdeutschland dann als Revolution abgefeiert wurden.

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With that being said, hat diese Bewegung dennoch mein kleines privilegiertes Leben verändert. Denn statt mich durch Diäten in Depressionen zu stürzen, feiere ich meinen Körper jetzt beinahe so sehr ab wie Kim Kardashian ihren Hintern. Schlechte Tage gibt es auch, an denen ich von nur einem Bild einer schlanken Frau bei Instagram getriggert werde und sofort daran denke, dass schlank sein doch irgendwie einfacher wäre. Doch dann gebe ich mir eine mentale Ohrfeige und erinnere mich daran, dass dieser ganze Scheiß doch sowieso ausgedacht ist. Und wenn das so ist, kann ich mir auch ausdenken, dass mein Körper toll ist und mich abfeiern für das, was ich sowieso nicht ändern kann. Und genau diese Einstellung der Body-Positivity-Bewegung hat dann eben doch mein Leben verändert. Ich hoffe, dass das auch bald allen anderen Menschen, die im Moment noch nicht so von der Gesellschaft akzeptiert werden – wie das Gilette-Model – bald vergönnt sein wird.

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Quelle: Noizz.de