Produzent Phil The Beat hat Blümchens "Herz an Herz" neu aufgenommen. Neue Erkenntnisse gewinnt man daraus nicht. Verstört ist man trotzdem.

Wir haben's ja auch irgendwie nicht anders verdient: Überall feiert man das 90s-Revival. Fröhlich tragen wir Buffalo-Plastikklötze an den Füßen, Tattoo-Choker um den Hals und auch die Pannesamt-Leggings mit Schlag verlangt ihr Revival. Ende vom Lied: Alle sehen aus wie uninspirierte Zeitreisende aus dem letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.

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Wo wir beim Thema Zeitreisen sind: Einen solchen Ausflug unternimmt auch Blümchen, aka Jasmin Wagner, im Video zur neuen, alten Single "Heart to Heart". Zumindest laut Pressetext. Im Video selber kann man davon nämlich nicht allzu viel erkennen: Ein unglaubwürdig verkleideter Astronaut läuft durch die Gegend, schon millionenfach gesehene Tänzer*innen in Lack hüpfen ein bisschen auf und ab, ansonsten hat das Budget noch für einen alten Linienbus, Laser und eine leere Lagerhalle gereicht. Naja, ist ja Corona, geht ja vielen Wirtschaftszweigen gerade nicht so gut.

Neu eingesungen, ohne neu zu sein: Blümchen-Hit "Herz an Herz"

Worum es aber eigentlich geht: Blümchen hat ihren Hit "Herz an Herz" von 1995 noch mal neu eingesungen. Und zwar für den deutschen Musikproduzenten Phil The Beat. Der wiederum hat einen megakreativen Namen, weil er vermutlich Philipp heißt, aber zusätzlich immer den Beat fühlt, wie ebenfalls im Pressetext mitgeteilt wird. Hinter den Reglern stand der feinfühlige Musikant schon für Akon, Flo Rida oder Mandy Capristo.

Nun macht er sein Debüt als Lead-Artist. Also zumindest wird das behauptet. Denn was eigentlich passiert ist ein lauwarmer Aufguss des einstigen Blümchen-Hits. Der völlig unvorhersehbare Clou: Blümchen singt den gesamten Text einfach mal auf Englisch vor – how amazing is that then?!

Voll frech: Jasmin Wagner bei einem Event in Hamburg.

Warum? Wissen vermutlich nur Phil und Blümchen

Wo genau jetzt die Leistung des Beat-fühlenden liegt, wird nicht so recht erkenntlich. Angeblich ist er für die düsteren, treibenden Beats zuständig. Hört man sich seine Version von "Heart to Heart" an, wirkt das allerdings eher so, als hätte jemand sich einen schlechten David-Guetta-Filter gebaut und dieses gnadenlos auf den 90s-Radiohit geballert, um eine vollkommen egale Kopie des Originals zu kreieren. Die Frage ist nur: Warum?

Braucht Blümchen die Kohle so sehr? Hat Phil The Beat nichts Besseres zu tun? Und vor allem: Was folgt auf so etwas? Kommt bald jemand auf die Idee, weitere fragwürdige und damals teilweise schon hart an der Grenze nervende Tracks neu aufzunehmen? Nur um damit einer ganz neuen Generation die Ohren zu peinigen und Kohle zu scheffeln? Es ist schon schlimm genug, wenn irgendein Spontan-DJ auf der WG-Party denkt, es sei total flippig, "Backstreets Back" von den Backstreet Boys anzuwerfen, oder mal eine ordentliche Runde zu "Baby, One more time" abzugehen. Da wird einem doch direkt der eigene Tattoo-Choker zu eng.

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Warum können schlechte Dinge nicht einfach da bleiben, wo sie herkommen?

Wir haben offensichtlich das ständige und unreflektierte Bedürfnis, in der Vergangenheit zu wühlen wie untalentierte Trüffelschweine. Erst wurden die 80s durch die Mangel genommen, nun halt die Neunziger. Und ist ja auch super, wenn man mal schaut, wo manche Trends so herkommen und sie in Bezug zur Gegenwart zu setzen. Und Popkultur zitiert sich ja auch immer selbst – mal mehr mal weniger gut.

Etwas aber einfach nur noch mal nachzumachen, und das nicht mal besonders gut, ist (wenn man sehr böse sein will) eher eine Beleidigung für alle involvierten Jahrzehnte. Schlechte Dinge können vielleicht auch einfach da bleiben, wo sie herkommen. Mottenkisten haben auch ihr Gutes!

Quelle: Noizz.de