Boris Johnson fordert die britische Bevölkerung auf, abzunehmen. Er macht es selbst im Rahmen einer Schlankheitskampagne vor. Der Grund: Corona und die immer dicker werdende Bevölkerung. Diskriminiert Johnson damit die Briten?

Man kann es ja schlecht kritisieren, dass Boris Johnson sich für die Gesundheit seiner Mitbürger*innen einsetzt. Schlanker sollen sie werden, die Brit*innen. 63 Prozent der erwachsenen Menschen in England sind zu dick, sagt die Statistik der Gesundheitsbehörden. Angeblich sollen Menschen mit hohem Gewicht auch gefährdeter sein, wenn sie sich mit Corona infizieren.

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"Ich wollte selber immer abnehmen", erklärt Johnson gewohnt brachial in die Kamera. Dann sieht man ihn, wie er von emotionsschwangerem Geklimper untermalt, in dramatischer Zeitlupe von seinem Hund Dilyn über ein Feld gezogen wird. "Wissen Sie, was das Beste daran ist, wenn man morgens einen Spaziergang macht?" fragt der 56-Jährige in die Kamera. "Der Tag kann nur noch besser werden." Danke für die Motivation!

Abnehmen für die britische Gesundheit – und fürs Geld

Johnson und sein Hund (wir fragen uns ernsthaft, wie freiwillig Letzterer mitgemacht hat) sind Teil einer landesweiten Kampagne. Die britische Regierung wolle diese mit etwa zehn Millionen Pfund (ca. elf Millionen Euro) unterstützen, berichtet "The Guardian".

Es hört aber nicht bei Fitnessinfluencer Johnson und seinem gestresst an der Leine reißenden Vierbeiner auf. Werbung für Junkfood im Fernsehen soll künftig erst nach 21 Uhr erlaubt sein. Auf Weinflaschen und Bierdosen muss den Plänen zufolge der Kaloriengehalt der Getränke verzeichnet sein. Das gilt auch für Mahlzeiten auf Speisekarten von Restaurantketten und großen Pubs. Ärzte sollen Übergewichtigen Sport verordnen.

Teil des neuen Fitnessprogramms bei Johnson? Sein Hund war bei der Radtour offenbar nicht zugegen.

Natürlich geht es der Regierung und den Kampagnenmachenden nicht ausschließlich um das Gemeinwohl. Der staatliche Nationale Gesundheitsdienst NHS möchte durch schlankere Briten mehr als 100 Millionen Pfund (fast 110 Millionen Euro) an Kosten in den nächsten fünf Jahren ersparen, schrieb Gesundheitsminister Matt Hancock im "Telegraph".

Boris Johnson und seine Kollegen – ekliges Fatshaming?

Den ganzen Aktionen legen Boris Johnson und sein Gesundheitsdienst eine vermeintliche Tatsache zugrunde: Wer dick ist, ist auch ungesund. Und nicht nur das: Wer dick ist, der liegt auch noch dem Staat auf der Tasche. Problem ist, dass diese angeblichen Wahrheiten gar nicht so wahr sind, wenn man sie sich genauer ansieht.

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Von den oben genannten 63 Prozent an übergewichtigen Briten sind vor allem Menschen in sozial benachteiligten Gegenden betroffen, wie ebenfalls aus der Statistik der Gesundheitsbehörden vorgeht. Ernährungsprobleme sind also definitiv auch ein Klassenproblem: In der Unterschicht gibt es offensichtlich weder genug Wissen noch genug Geld, um sich gesund zu ernähren. Statt seinen Köter übers Feld zu peinigen, sollte sich Johnson vielleicht mal darum kümmern, dass auch die schwachen Teile seiner Bevölkerung aufgefangen werden.

Abgesehen davon ist es Quatsch, dass Dicksein immer automatisch auch mit Kranksein zusammenhängt. Klar ist zu viel Fett und zu viel Zucker schlecht für den Körper und es ist eine durchweg gute Idee, Junkfood und ungesunde Lebensmittel entsprechend zu kennzeichnen. Aber auch schlanke Menschen leiden nicht selten unter verstopften Arterien, weil sie sich falsch ernähren – nur werden sie dafür nicht diskriminiert. Ihnen verordnet keiner Sport.

In den letzten Jahren ist immer wieder von unterschiedlichen Spezialist*innen und Studien bewiesen worden, dass es kaum so komplexe Felder gibt, wie das der Ernährungswissenschaften. Dick- und Dünnsein hängt von den unterschiedlichsten Faktoren ab und bedeutet für den jeweiligen Körper auch was ganz Unterschiedliches. Für eine Person kann es also absolut gesund sein, 50 kg zu wiegen, für eine andere sind 80 kg vollkommen ok. Emilia Smechowski hat in ihrem sehr intensiven ZEIT-Artikel über Ernährung, Abnehmen und Diät-Grundsätze eindrücklich bewiesen, wie kompliziert Gewicht und Ernährung ist.

Die Studien und Expert*innen, die Smechowski anführt, zeigen vor allem eines: Einfach weniger essen und ab und zu mit dem Fiffi durch die Gegend horsten, sind nicht die Heil bringende Lösung. Ganz im Gegenteil: "95 Prozent der Menschen, die gewollt, auf welche Art und Weise auch immer, Gewicht verlieren, haben die verlorenen Kilos – oder sogar mehr – spätestens nach fünf Jahren wieder drauf." Und warum? Weil Körper ihre Grundkonstitution nicht ändern. Bedeutet: Gesunde Ernährung ist ungefragt gut und sollte eingehalten werden. Dicksein bedeutet aber nicht, dass sich hier jemand ungesund ernährt. Abnehmen bedeutet also auch nicht, dass man unkomplizierter durch eine Corona-Infektion kommt.

Corona und Übergewicht – ein Argument fürs Abnehmen?

Boris Johnson und seine Buddies machen es sich herrlich einfach, das Corona- und Gesellschaftsproblem in England auf die Kilos zu schieben. Besonders billig ist das angeführte Argument, Dicksein würde im Rahmen der Corona-Pandemie höheres Risiko bedeuten. Raucher*innen sind übrigens nachweislich ebenfalls schlimmer von Corona betroffen als alle anderen. Eine landesweite Kampagne gegen die Zigarettenindustrie gab es bisher aber nicht.

Wo wir bei Industrien sind: Der Umsatz der Diätindustrie im Jahr 2020 wird rund um den Erdball auf mal eben 423 Milliarden Dollar geschätzt. Damit sind also diejenigen Konzerne eingeschlossen, die Geld damit machen, dass sie Leuten Diätprodukte und -wunder verkaufen. Scheint auch für Boris und seinen Hund lukrativer zu sein, diese Industrie zu unterstützen, als der Tabaklobby ans Bein zu räuchern.

Um hier direkt alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: Natürlich ist sehr starkes Übergewicht ungesund. Aber sehr starkes Untergewicht ist ebenso ungesund. Nur herrscht in unserer Gesellschaft der überwiegende Grundsatz, dass Dicksein immer schlimmer ist als Dünnsein. Ständig gibt es Studien, die belegen, welche Krankheiten einem doch blühen, wenn man zu dick ist. Mittlerweile gibt es Impulse und Erhebungen, die hinterfragen, inwiefern Dicke krank werden, weil sie sich ständig Diskriminierungen ausgesetzt sehen. Ein Leben zu leben, in dem man von der Gesellschaft permanent daran erinnert wird, dass man so wie man ist, nicht richtig ist, kann zu Selbstisolation, Depressionen und psychosomatischen Erkrankungen führen. Dr. Friedrich Schorb von der Uni Bremen hat dazu geforscht und bestätigt dies.

Fällt Boris Johnson nichts Besseres ein als Fatshaming?

Monatelang hat Boris Johnson die Corona-Pandemie unterschätzt und keinerlei verantwortungsvolle Führung seines Landes an den Tag gelegt. Expert*innen rechnen im Herbst mit einer zweiten Infektionswelle im Vereinigten Königreich. Großbritannien ist das am schlimmsten von der Pandemie betroffene Land in Europa – wofür Johnson und seine Kolleg*innen verantwortlich gemacht werden. Zu Recht.

Boris Johnson trägt mittlerweile auch Maske. Spätestens seit er selbst wegen Corona im Krankenhaus war, verharmlost er die Pandemie dann doch nicht mehr. Genug Schaden hat er mit seiner Corona-Strategie in der Bevölkerung dennoch angerichtet.

Ist also nicht nur sein Hund an der Leine, den Johnson null unter Kontrolle hat. Offenbar fällt ihm nichts Besseres ein, als nun kollektiv dicke Menschen zu diskriminieren und zu stigmatisieren. Aufklärung, Bildung und eine Landesführung, die bedacht und mit Verstand handelt und Populismus und Wissenschaftsskepsis verurteilt, würden sehr mehr bringen. Allerdings könnte man dann auch nicht so anschauliche Kampagnen-Videos beim Gassigehen drehen.

Quelle: Noizz.de