Sechs Umzüge in sechs Monaten: Highlights aus meinem halben Jahr Hölle

Vom Wedding nach Prenzlauer Berg nach Alt Mariendorf nach Kreuzberg nach Friedenau nach Schöneberg – mein erstes Studiensemster war, zumindest Umzugstechnisch der Horror. Und der Berliner Wohnungsmarkt ist Schuld daran.

Wie alles begann:

Alles schien perfekt: Meine beste Freundin und ich hatten beide die Studienplätze an den Berliner Unis, die wir uns immer gewünscht hatten und das aufregende Abenteuer zu zweit stand uns bevor. Zwei Monate vor Studienbeginn im Oktober 2017 starteten wir die Wohnungssuche und eines stand fest: Wir wollten zusammen wohnen, komme was wolle. Als hätte irgendeine bösartige, übernatürliche Macht uns gehört und hätte sich einen Spaß daraus gemacht, uns auf die Probe zu stellen, kam dann auch das sprichwörtliche "was wolle".

Die Einsicht, dass alles nicht so einfach war, wie gedacht, kam schon wenige Tage nach den Uni-Zusagen. In WG-Foren und auf Wohnungs-Websiten gab es, wenn überhaupt, nur einzelne WG-Zimmer, nie zwei in der gleichen Wohnung. Es mag naiv klingen, aber "zwei Zimmer in einer WG" war etwas, das wir für möglich gehalten hatten. Schön blöd.

Station 1: Wedding

Die Panik, obdachlos zu werden, stieg mit jedem verstreichenden Tag und erst eine Woche vor Studienstart, zog ich eine Zimmer-Zusage an Land. Der glückliche Fang: 500 Euro Miete für ein Zimmer zu zweit, mit einer Ausziehcouch, einem Schlüssel, einem Küchenstuhl und keinem Kühlschrank.

Wer sich denkt: "Kann man mal machen", der liegt falsch. Das einzige, was an dieser Wohnung "machbar" war, war der eine Küchenstuhl für zwei Personen – den ergänzten wir mit meinem Saxophonkoffer, auf den ich mich jeden Morgen setzte.

Definitiv nicht empfehlen, kann ich ein Leben ohne Kühlschrank. Lange Erklärungen nicht nötig. Warum ein Schlüssel für zwei Personen nicht unbedingt ein stressfreies Leben bedeutet, bedarf wohl auch keiner langen Ausführung.

Zur Ausziehcouch zu zweit sage ich nur eines: Ich lag auf dem Teil, das jede Nacht, inklusive mir, den abschüssigen Boden bis zur Zimmertür hinunterrollte. Neeeext!

Stresslevel: 7 von 10.

Da war dieses Hammer-Gefühl endlich in der Traumstadt zu sein, neue Freunde kennenzulernen und als Ersti noch geschont zu werden. Das verdrängte zumindest die Angst, im nächsten Monat ENDGÜLTIG kein Dach mehr überm Kopf zu haben und den Stress der vielen neuen Aufgaben und Eindrücke.

Station 2: Prenzlauer Berg

Eine kleine, (zu zweit) bezahlbare Einzimmerwohnung im hippsten Teil von Prenzlauer Berg? Jackpot. Wäre da nur nicht der Fakt, dass wir für gerade einmal zwei Wochen darin wohnen konnten. Und die offiziellen Vermieter nichts von uns wissen durften. Und, dass die bunte Fliesenwand, die das Badezimmer abtrennt, transparent war (was das Gäste einladen etwas schwierig gestaltete).

Trotzdem fröhlich - wegen der Toplage –, erhielt ich nur wenige Tage nach dem Einzug einen Anruf vom eigentlichen Mieter der Wohnung: Wir sollten all unsere Sachen bis zum nächsten Tag in den Koffern verstauen, die Wohnung blitzblank putzen und für drei Stunden aus der Wohnung verschwinden.

Er wolle in Anwesenheit der Vermieter, die ja nichts von uns wissen durften, neuen Mietern die Wohnung zeigen. Etwas gestresst verbrachten wir den Rest des Tages damit, uns und unser Gepäck verschwinden zu lassen.

Als wir am Abend wieder in die Wohnung durften, kam der nächste Anruf: In zwei Tagen müssten wir noch einmal das Gleiche veranstalten. Und die Woche darauf noch zweimal. Aber was sollten wir machen?

Im Prinzip waren wir Illegale: Noch bei unseren Eltern gemeldet und offiziell in keiner Wohnung ansässig. Immerhin: Weil noch kein Mieter die Wohnung langfristig übernehmen wollte, durften wir zwei weitere Wochen darin wohnen bleiben. Dann der nächste Umzug. Das Big-Brother-Badezimmer vermissen wir aber definitiv nicht.

Stresslevel: 8 1/2 von 10. Die Rausschmisse zwischendurch waren wie vier zusätzliche, kleine Umzüge, inklusive Umzugsstress.

Station 3: Alt-Mariendorf – oder auch "Ups, Tannenbaum"

Vier Wörter über Alt-Mariendorf: Am. Arsch. der. Welt. Aber der perfekte Ort für die Weihnachtszeit. Abgelegen, besinnlich und eine Wohnung mit einer große Küche zum Plätzchenbacken. Den Umzug dorthin meisterten wir mit den Öffis – Gott weiß, wie wir das angestellt haben.

Außer, dass unsere Wohnung nicht mal am Ende der Straßenbahnlinie, sondern noch zehn Fahrradminuten dahinter lag, war der Monat Dezember einer der stressfreiesten, in meinem ganzen Neu-Berliner Leben bis dahin. Sogar einen kleinen Tannenbaum hatte uns die Vermieterin ins Wohnzimmer gestellt. Doch der sollte uns zum Verhängnis werden. Und das ausgerechnet an Heiligabend.

Denn um Weihnachten bei unseren Familien verbringen zu können, räumten meine beste Freundin und ich schon vor den Feiertagen die Wohnung. Meine wunderbare Idee: Schmeißen wir den Tannenbaum doch einfach vom Balkon in den Garten und entsorgen ihn danach. Es kam, wie es kommen musste:

An Heiligabend betrachtete ich den Tannenbaum meiner Familie – und plötzlich fiel mir brühend heiß ein, was ich vergessen hatte. Nämlich den Tannenbaum unterm Balkon. In der gleichen Sekunde fiel dies zwar auch meiner besten Freundin ein, aber mehr tun, als uns schämen konnten wir nun auch nicht mehr. Dass die Vermieterin nun wohl dachte, sie hatte ihre eigene Wohnung an zwei Mädchen vermietet, die Rockstar-ähnlich einen Tannenbaum vom Balkon geschmissen hatten, habe ich den Rest der Feiertage nicht mehr vergessen.

Stresslevel: Erst 0 von 10, dann 10 von 10

Station 4: Kreuzberg

Das Folgende ist nichts für schwache Nerven. In unserer vierten Berliner Wohnung hatten meine beste Freundin und ich endgültig den Überblick über Ein- und Auszugsdaten verloren. Heilfroh überhaupt eine Wohnung gefunden zu haben und inzwischen bis zum Hals im Unistress, lebten wir einen Monat lang in der winzigen Bude vor uns hin. Bis jener Tag kam, der alles an grausamer Peinlichkeit übertrifft, was jeder Einzelne von euch je erlebt haben dürfte.

Meine Freundin saß gerade in einer Vorlesung, als ich alle restlichen Sachen zusammenpackte und Staub saugte. Einen Tag später sollten wir ausziehen. Dachten wir zumindest.

Doch plötzlich hatte der Staubsauger keinen Strom mehr. Als ich am Kabel entlang schaute, entdeckte ich den Stecker nicht in der Steckdose – sondern in der Hand der wütenden Vermieterin. Es folgte die absolut schreckliche Konversation, die wir hatten. Sie hat sich zum Glück aus meinem Kopf gelöscht, aber sie lief höchswahrscheinlich etwa so ab:

Ich: Was machst DU denn schon hier?

Vermieterin: Was ICH schon hier mache? Was macht IHR noch hier?

Ich: Wir dachten, du kommst erst morgen. Tut mir leid, ich bringe alle Sachen raus, wir sind sowieso schon fast fertig.

Vermieterin: *rastet richtig hart aus*

Die folgenden Stunden bestanden darin, die Wohnung in Höchstgeschwindigkeit zu räumen, meine Freundin panisch anzurufen und mich etwa 76.556 mal zu entschuldigen. Am Ende des Tages saßen wir beide auf gepackten Koffern vor der Tür und mussten das Unpassendste tun, was einem in dieser Situation einfallen könnte: Lachen.

Jetzt war klar: So kann es nicht mehr weiter gehen.

Stresslevel: 11 von 10. Einfach nicht von dieser Welt.

Station 5: Friedenau

Gesagt, getan: in Friedenau fanden wir eine Wohnung, in der wir ein halbes Jahr lang wohnen konnten. Und ob ihr es glaubt oder nicht: Langsam schlich sich das Gefühl ein, ein zu Hause in Berlin zu haben – sechs Monate, nachdem ich mit meinen Koffern in der Stadt angekommen war.

Stresslevel: 0 von 10

Station 6: Schöneberg

Unglaublich, aber wahr: Diese Geschichte hat ein Happy End. Ein halbes umzugfreies Jahr in Berlin reichte aus, um ein paar Leute zusammenzutrommeln und eine eigene, dauerhafte WG zu gründen.

Zu wie vielen Wohnungsbesichtigungen man in Berlin latschen muss, um eine Zusage zu bekommen ist eine andere Geschichte. Fakt ist: Seit einem Jahr besteht meine Hauptaufgabe jeden Monat nicht mehr darin, einen Schlafplatz für den nächsten Monat zu organisieren. Keine Badezimmer Wand ist mehr durchsichtig, mein Schlafplatz rollt nachts nicht zur Tür und ich habe sogar einen eigenen Schlüssel.

Nach meinem halben Jahr Hölle habe ich endlich wieder ein Leben.

Stresslevel: -1 von 10

Quelle: Noizz.de