Für ihre antisemitischen Witze wird die Kabarettistin Lisa Eckhart gerade scharf kritisiert – doch der WDR verteidigt sie auf abstruse Weise. Warum hat Eckhart trotz offensichtlichem Antisemitismus und Rassismus so viele Fans? Das haben wir versucht zu ergründen – und sind dabei auf ein viel tiefer liegendes Problem gestoßen.

Betritt sie die Bühne, muss man hinschauen. Ihre goldene 20er-Jahre-Tolle, ihr süffisantes Lächeln, ihr auf die Spitze getriebener österreichischer Sprech – Lisa Eckhart sticht aus der gewöhnlichen Kabarettist*innen-Herde heraus wie ein elegant glitzerndes Schaf. Ist sie einem sympathisch? Nicht wirklich. Faszination ist der Grund, warum man den Ausführungen der 27-Jährigen lauscht, Faszination für diese menschgewordene Gegensätzlichkleit, die von der Bühne zu einem spricht.

Denn die Worte, die aus ihrem Mund sprudeln, wollen auf den ersten Blick so gar nicht nicht zu der Frau passen, denen sie entspringen. Worte, die man eher aus dem Mund eines grobschlächtigen Kneipengängers vom Dorfe erwarten würde, der seinen Kumpanen "jetzt mal erklärt, was auf der Welt alles so schief läuft." Doch betrachtet man die Auftritte Eckharts genauer, unterscheidet sie gar nicht so viel vom besagten Kneipengänger. Auch sie hat die Weisheit mit Löffeln gefressen. Auch ihr Lieblingsfeind ist der linke Gutmensch mit seiner elendigen Political Correctness. Tabus? Nichts bricht Lisa Eckhart lieber, mal abgesehen von der Würde der Minderheiten, denen sie in ihren Auftritten so gerne eine Herabwürdigung nach der anderen reinwürgt.

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Eiskalter Engel – oder Kneipenpöbler?

Denn das ist ihre Rolle: Aus der erlauchten Position eines geistig erleuchteten, bitterbösen und eiskalten Engels auf ihr Publikum herabzusehen und "endlich mal Klartext" zu reden. Dass sie dabei eigentlich gar nicht mal so intelligente Dinge, sondern abgedroschene Klischees von sich gibt, übertüncht sie gekonnt durch ihr glamuröses Auftreten. Ich möchte sogar behaupten: Würde der besagte Kneipengänger mit Karohemd und Bierbauch Eckharts Text vortragen – niemand würde ihn als "messerscharfe Gesellschaftsanalyse" und "intelligent" bezeichnen. Sehr schnell würden die antisemitischen und rassistischen Klischees als solche entlarvt werden.

Lisa Eckhart erklärt gerne die Welt

Antisemitismus im WDR

Hier ein kleines Beispiel, aus der Sendung "Mitternachtsspitzen" von 2018, für die Eckhart gerade hart kritisiert wird. Bei ihrem Auftritt dort fragte sie verschwörerisch, ob die #MeToo-Bewegung nicht antisemitisch sei – immerhin seien Harvey Weinstein, Woody Allen und Roman Polanski Juden. "Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld", so die Kabarettistin. Sie fährt mit dem Vorschlag fort den "Juden jetzt [zu] gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen. Den Juden Reparationen zu zahlen, das ist, wie dem Mateschitz ein Red Bull auszugeben." Die gierigen Juden, denen man zu Unrecht aus Schuldgefühlen alles gewähre, was sie wollen – ein klar antisemitisches Motiv. Und das Publikum lacht.

Symptom einer judenfeindlichen Gesellschaft

"Lisa Eckhart hat also nur Erfolg, weil sie eine Frau ist und sich elegant inszeniert", möchte jetzt so mancher falsch schlussfolgern, der das Phänomen "Salonfähiger Judenhass/ Rassismus" auf eine Frau schieben will, um sich so der eigenen Schuld zu entledigen. Das ist falsch. Denn die Menschen, die Eckhart zujubeln, würden das genauso beim Kneipengänger tun – wenn dies gesellschaftlich akzeptiert wäre. Wenn die Kneipenpöbelei gegen Jüd*innen nicht das Schmuddel-Image hätte, das ihm anhängt. Lisa Eckhart jedoch kleidet die gleichen antisemitischen Inhalte in eine glamuröse Hülle, in intelligent klingende Worte, die dem Publikum seine Bedenken nehmen, über Judenwitze zu lachen. Die Bereitschaft, ja gar das Verlangen nach einer hetzerischen Kabarettist*in war schon da, bevor Lisa Eckhart dieser Nachfrage mit einem Angebot nachkam. Sie ist nicht die Wurzel des Problems – sie ist nur das Symptom einer mit Antisemitismus infizierten Gesellschaft.

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Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Problem – dem Umgang mit der Kritik an Eckharts Auftritten. Nachdem beim WDR ein regelrechter Shitstorm einging, weil er Eckharts Auftritt trotz Antisemitismus-Vorwürfen in der Mediathek behielt und sogar noch einmal postete, verlautbarte der Sender folgendes Statement: "Die Künstlerin hatte ein hochaktuelles, für Satire nahe liegendes Thema gewählt und dabei Vorurteile gegenüber Juden, People of Color, Homosexuellen, Transgendern und Menschen mit Behinderungen aufgegriffen, um genau diese Vorurteile schonungslos zu entlarven."

Fadenscheiniges Statement

Entlarven? Herabwürdigende Klischees zu wiederholen und sie damit beim Publikum zu bestätigen soll die Vorurteile also entlarven? Mit keinem Wort stellte Eckhart ihre propagierten Vorurteile infrage. Doch das abstruse Erklärungsmuster, dass Satire selbst mit rassistischen und antisemitischen Äußerungen grundsätzlich Gesellschaftskritik betreibe, hält sich schon lange.

So sagte Eckhart selbst dem "Standard" einmal auf Nachfrage, warum sie das Wort "Neger" benutze: Sie wolle damit in Wunden ihres weißen Publikums bohren. Einem Publikum, "das seinen Humanismus oft nur stupid auswendig gelernt" hätte und nun alles bekämpfe, was dem widerspricht. Dabei gehe es dem Publikum "wie so oft nur um sein eigenes Unbehagen und nicht um das der Schwarzen". Die weiße Kabarettistin darf also ein höchst beleidigendes und historisch stark belastetes Wort verwenden, um dem Publikum den Spiegel vorzuhalten – weil dieses Anliegen wichtiger ist, als die Kritik von Schwarzen, die davon herabgesetzt werden? Wie so oft bestätigt Lisa Eckhart damit nicht den Rassismus ihres Publikums – sondern ihren eigenen. Doch, dass selbst der WDR ein solches Erklärungsmuster heranzieht, das ist die eigentliche Schande.

Kritik am WDR

Treffend schrieb deshalb der Politiker und Leo-Baeck-Preisträger Volker Beck an den WDR-Intendaten Tom Buhrow: "Der Beitrag verletzt die Menschenwürde von Juden. Er arbeitet in bestätigender Weise mit klassischen antisemitischen Klischees. Der ›Humor‹ dieses Beitrages funktioniert nur, wenn er diese antisemitischen Klischees beim Publikum erfolgreich anspricht und – trotz einer vermeintlichen Tabuisierung – nun bestätigt" Und weiter: "Guter Humor lässt über das Vorurteil lachen, schlechter Humor will Vorurteile bestätigen und nutzt die Häme als Stilmittel."

Wenn es beim Name Tom Buhrow jetzt klingelt, liegt das daran, dass er vor kurzer Zeit schon einmal durch einen Shitstorm in die Öffentlichkeit trat. Bei dem sogenannten Oma-Gate: Der WDR-Kinderchor hatte ein Lied über die Oma als "Umweltsau" gesungen, woraufhin sich Buhrow entschuldigte und den Beitrag aus der Mediathek nehmen ließ.

Doppelstandards bei Antisemitismus

Nun ist die Frage: Warum darf man sich im WDR getrost über Jüd*innen und andere Minderheiten lustig machen – bei der Oma ist aber Schluss mit lustig? Warum herrschen im gebührenfinanzierten WDR solch erschreckende Doppelstandards, wenn es um Antisemitismus geht?

Ja, Satire darf alles – aber wollen wir uns in Deutschland zu Witzen auf die Schenkel schlagen, die vor 75 Jahren ein ebenso begeistertes Publikum gefunden hätten? Lisa Eckharts Comedy ist antisemitisch und herabwürdigend – aber sie ist nur die Spitze des Eisbergs. Der große, kalte Brocken, der unter der Oberfläche lauert, ist unsere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die Antisemitismus mit Gebühren finanziert – und sich trotz Kritik nicht einmal dafür schämt.

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Quelle: Noizz.de