Am 6. Mai ist internationaler Anti-Diät-Tag. Ein Aktionstag, der sich gegen die ungesunde Diätkultur, die Frauen und Männern das Leben zur Hölle machen kann, ausspricht. Die Aufarbeitung in deutschen Medien ist allerdings für (ehemalige) Essgestörte genauso triggernd, wie Diäten selbst.

Am heutigen Dienstag ist also internationaler Anti-Diät-Tag, eigentlich eine schöne Sache, wenn man nur mal kurz darüber nachdenkt. Im zweiten Denkschritt ist es dagegen natürlich total frustrierend, dass der Aktionstag, den es seit 1992 gibt, überhaupt nötig war – beziehungsweise ist. Mary Evans Young hat den Tag vor nun fast 30 Jahren ins Leben gerufen, um sich gegen den Körperkult unserer Gesellschaft zu stellen, dagegen, dass Männer muskulös und Frauen dünn sein müssen. Doch Young würde wahrscheinlich ihren Verstand verlieren, wenn sie sehen würde, wie deutsche Medien den Tag aufarbeiten. Eine kurze Googlesuche offenbart, dass hier niemand etwas dazugelernt hat.

Essen ist nicht der Feind, sondern notwendig, um am Leben zu sein

"Gala" titelt "Die leckersten Sünden für den Cheat Day" und schreibt doch ernsthaft: "Diese drei kulinarischen Sünden darf man sich heute ohne schlechtes Gewissen gönnen." Woah, hold on – daran ist einfach so vieles falsch. Eines der größten Probleme, die uns unsere Diätkultur beschert hat, ist, dass wir Essen mit schlechtem Gewissen in Verbindungen bringen. Oder wie das Onlinemagazin sagt: Essen ist Sünde. Sünden, die man sich nur an einem Cheat Day, an einem Tag, an dem man sich selbst betrügt, gönnen darf. Am nächsten Tag müssen wir dann wieder hungern. Aber lass dir gesagt sein: Jesus wurde nicht ans Kreuz genagelt, weil du zwei Stücke Schokokuchen beim Kaffeekranz mit deiner Oma und abends eine Pizza gegessen hast. Nahrung ist nicht der Feind, das ist eine Lektion, die jede*r die/der schon einmal an einer Essstörung oder gestörtem Essverhalten gelitten hat, schmerzlich lernen muss.

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Überall wird uns suggeriert, dass das Essen von Kuchen, Süßigkeiten und Pizza dem Versagen gleicht

Das Versagen, dass wir unsere Lust auf leckere Lebensmittel nicht zügeln konnten, weil das Leben ja dafür da ist, so attraktiv und schlank wie möglich zu sein. Unser höchstes Gut in der aktuellen Gesellschaft ist unser Aussehen und vor allem unser Körper, den wir nur mit Selleriesaft und gedämpfter Hähnchenbrust antreiben sollen. Wer das nicht hinkriegt, ist schwach und wird es nie zu etwas bringen – so die unterschwellige Message die wir hier noch mal offiziell als absoluten Bullshit deklarieren.

Nahrung ist überlebenswichtig und die dauerhaften Schäden von Unterernährung oder Mangelernährung auf unseren Körper absolut nicht zu unterschätzen. Etwas, dass zu unserem Überleben beiträgt, negativ zu konnotieren, ist so krank, dass sich das echt nur der Mensch ausdenken kann. Gut, dass uns "Gala" wenigstens heute erlaubt, dass wir "zuschlagen dürfen" und das essen, was wir möchten. Adieu.

>> Leute, wir müssen über Adeles Gewichtsverlust reden

Diät als Allheilmittel: Mit Unsicherheit und der Suche nach Aufmerksamkeit und Liebe wird Kasse gemacht

Die Frauenzeitschrift (schreckliches Wort) "Jolie" wollte den Anti-Diät-Tag dagegen letztes Jahr mit einer Fotostrecke feiern, die zeigen soll "natürlich ist das neue Schönheitsideal". Das erste Bild in der Bilderreihe? Eine sehr schlanke Frau mit Kleidergröße 34-36 die mit breitem Grinsen vor einer Pizza sitzt. Wow, Jolie, danke! Alle Probleme des ungesunden Size-Zero-Schönheitsideal sind gelöst!

Die Bilder danach sind vor allem aus dem Onlineshop von H&M, und zeigen Frauen, die wohl zwischen einer Konfektion von 38 und 40 liegen. Mensch ganz toll, dass ihr mit Bildern von diesen "natürlichen" Frauen jetzt suggeriert, dass die garantiert keine Diät machen und im Gegensatz zu anderen Frauen – Zitat "gesund" – wirken.

>> Wieso du endlich aufhören musst dicken Menschen zu sagen, dass sie ungesund sind

Ja, ich weiß schon, dieses Feld ist schwierig zu navigieren. Denn man darf auch nicht ins Shaming von schlanken Körpern abdriften, denn die sind ja auch nicht immer Diäten- oder Schönheitsideal-bedingt, auch wenn sie dieses Klischee (ungewollt) bedienen. Deswegen ist es vielleicht besser, die Probleme von Diäten mal von dem idealen oder eben nicht idealen Körper zu lösen und sich zu informieren, welche gesundheitlichen Folgen sie auf unsere mentale und physische Gesundheit haben.

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Oder sich mal daran zu erinnern, dass es eine ganze Industrie gibt, die sich dumm und dämlich daran verdient, dass wir auf die Falle reingefallen sind, dass die Optimierung unseres Körpers durch Detox, Saftkuren und Diätprogramme zu einem glücklicheren Leben führt. Vor allem unsere Suche nach Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit soll laut etlichen suggestiven Werbungen mit unserem Körper zu tun haben. Kein Girl oder Boy in deinem Leben? Abnehmen, Mukki-Training und Eiweißshakes helfen da sicher. Kein Boyfriend, mit dem du Kinder kriegen und ein perfekt heteronormatives Leben leben kannst? Einfach fünf Kilo mit 'ner Saftkur verlieren und 'nen Push-up-BH kaufen, dann findet sich schon wer.

Euren Scheiß könnt ihr behalten

Findige Unternehmer und Promis nutzen genau diese Narrative aus, bestärken sie und fühlen sich dabei die Taschen ihrer Designerklamotten. Kim Kardashian macht ordentlich Kohle damit, dass sie einen Lolli bewirbt, der den Appetit unterdrücken soll oder Kylie Jenner, die darauf schwört, mit einem Tee (!!!) einen flachen Bauch zu bekommen. Sophia Thiel hat jahrelang die Narrative bedient, dick ist gleich unglücklich und depressiv versus dünn bedeutet glücklich, erfolgreich und lebensfroh. Mit dem Verkauf von Fitness- und Diätplänen hat sie wahrscheinlich jeden Monat Tausende Euros auf ihr Konto gebracht. Auf ihrer Webseite schreibt sie: "In der Pubertät wurde ich zunehmend unglücklicher mit meinem Gewicht. Ob ich je einen Freund haben würde?" Damit bedient sie eben genau wieder die selbe Scheißidee, die uns seit Jahrzehnten verkauft wird.

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Was ich sagen will: Nichts ist schwarz-weiß. Es gibt nicht nur Diät oder Hungern versus Völlerei, auch wenn das so gerne so verkauft wird. Es gibt auch den Weg, den eigenen Körper in dieser Gesellschaft mit ihrem Diät- und Schönheitsfetisch zu reclaimen und das zu tun, was sich richtig anfühlt. Mal mit Pizza vollstopfen und einen geilen Abend mit Freunden haben, mal total Bock auf Obst und Gemüse zu haben. Oder wie auch immer das bei dir dann aussieht. Es lohnt sich, dafür zu kämpfen, sich im eigenen Körper wohlzufühlen und sich so zu akzeptieren, wie man ist, denn nur dann kann einem diese ganze Scheiße nichts anhaben. Und für mich ist das das eigentliche Ziel des Anti-Diät-Tages.

  • Quelle:
  • Noizz.de