Nach den ersten Prognosen schien es, als sei die Partei nicht in der Bürgschaft, am Ende schaffte sie es doch – wenngleich mit Verlusten. Wieso die Wahl zur Bürgschaft in Hamburg trotz Wiedereinzug der AfD eine neue Ära im Umgang mit der Partei einläuten könnte.

Es war ein scheinbar versöhnlicher Wahlabend an diesem Sonntag. Das erste Mal seit Jahren hatte ich nicht den Kopf geschüttelt, angesichts der ersten Wahlvorhersagen für die Hamburger Bürgschaft. Die SPD hatte herbe Verluste, aber immer noch stärkste Kraft, die Grünen verdoppelten ihr Ergebnis fast. Und dann das Tüpfelchen auf dem I.

Die ersten Prognosen hatten die AfD mit 4,7 Prozent am Wahlabend nicht erneut in die Bürgschaft einziehen lassen – am Ende musste die Partei um den Hamburger Spitzenkandidaten Dirk Nockemann um ihren Wiedereinzug in das Landesparlament zittern, zog aber überraschend doch mit 5,3 Prozent also 7 Abgeordneten ein.

Gab es sowas schon einmal?

Tatsächlich und damals war das Opfer der Fehlprognosen ironischerweise die FDP und zwar bei der Bundestagswahl 2013 .Die FDP stand damals in der 18-Uhr-Prognose der ARD bei ebenfalls 4,7 Prozent. Sie schaffte dann doch den Einzug. Als nun sieben Jahre später, die Prognosen zur Hamburg-Wahl Punkt 18 Uhr veröffentlich wurden, freuten sich viele Teile der Gesellschaft.

Die ARD-Redaktion in der Wahlarena brach scheinbar in spontanen Jubel aus, auf Twitter und Facebook gratulierten viele User den Hamburger*innen dafür, dass eine viel größere Mehrheit als sonst der rechtspopulistischen Partei einen Denkzettel verpasst habe. Am Ende stellte laut Übermedien der produzierende NDR aber zumindest klar:" Der Jubel während der ARD-Prognose kam nicht aus dem ARD-Wahlstudio, sondern aus einem öffentlichen Bereich vor dem Wahlstudio."

Das brachte die AfD in ihrer Opferrolle natürlich wieder auf den Plan. Der Hamburger AfD-Spitzenkandidat für das Amt des Bürgermeisters, Dirk Nockemann, ging sogar soweit zu sagen, das sei das "Ergebnis einer maximalen Ausgrenzungskampagne“. Soso.

Bevor wir uns anschauen, wieso die Prognosen in Hamburg so sehr daneben lagen, schauen wir uns mal die Ausgangslage an:

In das Ergebnis der Hamburg-Wahl spielen zwei entscheidende Ereignisse mit rein: Zum einen die Ereignisse im thüringischen Landtag, bei denen die AfD in einem kleinen, fast schon antidemokratischen Machtspielchen versucht hat, den FDP-Kandidaten Kemmerich zum Ministerpräsidenten von Thüringen zu machen. Zum anderen, der rechtsextremistische Terroranschlag in Hanau, bei dem elf Menschen ums Leben kam.

Bei der Bürgschaftswahl 2015 holte die AfD 6,1 Prozent der Stimmen, die Umfragen vor dem Vorfall in Thüringen sahen die Partei bei etwa sieben Prozent. Danach wurde es weniger, aber immerhin noch genug, um in die Bürgschaft einzuziehen. Anders als die erste Hochrechnung von 18 Uhr am sonntäglichen Wahlabend sahen. Diese Tendenz an sich macht ja schon mal Hoffnung, dass unsere Gesellschaft doch nicht ganz verloren ist.

In Hamburg wurde die Endphase des Whalkampfes durch den rechtsextremistischen Terroranschlag in Hanau überschattet. Viele Politiker trafen sich mit Bürgern zu Gedenkfeiern.

Die Thematisierung und Diskussion über die Rolle der AfD in einem demokratischen Prozess, wie dem einer Ministerpräsidentenwahl, hat sensibilisiert. Die Mehrheit der Gesellschaft – die immerhin zum Glück noch nicht ihr Kreuzchen bei der AfD macht – ist ausnahmsweise mal laut geworden. Das kurz danach die schreckliche Tat von Hanau passiert ist, von einem Rassisten, der sich politische wahrscheinlich gar nicht so weit rechts von der Alternative angesiedelt hat, hat in der Gesellschaft noch mehr Diskussionsklima geschaffen.

Vielleicht ist das der Anstoß, den die Gesellschaft letztendlich gebraucht hat. Die FDP ist wahrscheinlich – durch ihr nicht ganz durchdachtes Handeln im Erfurter Landtag – das Bauernopfer dieses Prozesses. Natürlich ist die Hamburg-Wahl nicht ganz repräsentativ für die gesamtdeutsche Gesellschaft. Schließlich regiert dort ohne Ausnahme seit 1949 die SPD mit und auch sonst ist die Wählerschaft hier eher Links der Mitte als im politischen Rechts angeordnet.

Aber entgegen des Bundestrends sinken die Stimmen für die AfD

Kommen wir nun also zu dem Punkt, der uns am meisten Fragezeichen beschert: Wie konnte es sein, dass die Erstprognose um 18 Uhr die AfD unter fünf Prozent sah? Die Zahlen die als erstes präsentiert werden, nachdem die Wahlbüros schließen kommen von Wahlforschungsinstituten wie z.B. "Infratest Dimap" oder der "Forschungsgruppe Wahlen". Sie erheben ihre Daten für die erste Prognose direkt vor ausgewählten Wahllokalen, die möglichst einen gesellschaftlichen Durchschnitt abbilden sollen.

Die Befragung findet statt, nachdem die Wähler ihre Stimmen an der Urne abgegeben haben. Vor den Wahllokalen warten Mitarbeiter der Institute. Hierbei erhalten die Bürger erneut Stimmzettel, die sie ausfüllen und anonym in eine spezielle Box werfen. Die gesammelten Ergebnisse werden vor Ort ausgewertet und anschließend einer Plausibilitätsprüfung unterzogen. Briefwähler werden in der Wahltagsbefragung nicht erfasst.

Das lässt natürlich Abweichungen zu, ist aber im Grunde eine recht zuverlässige Methode, um abzuschätzen, wie eine Wahl ausgeht. In Hamburg ist das nun aber nicht ganz aufgegangen. Das kann im Grunde drei Ursachen haben. Erstens, die ausgewählten Wahllokale haben doch nicht so sehr dem gesellschaftlichen Durchschnitt entsprochen, hinzukommt, dass einige FDP-Wähler ihre Partei nach Thüringen boykottiert haben und nicht zur Wahl gegangen sind.

Zweitens könnte das relativ komplizierte Wahlrecht mit fünf Landesstimmen und ein hoher Briefwähleranteil in der Hansestadt die Prognosewerte etwas verfälscht haben. Oder aber drittens, und das ist mein insgeheimer Wunsch, könnte dieses Prognoseergebnis auch der Ausdruck einer gewissen AfD-Scham zu sein.

Also quasi, dass der öffentliche Druck in Sachen: "Wählst du die AfD und kannst noch guten Gewissens durch die Stadt gehen?", durch die Ereignisse der vergangenen Wochen so groß geworden ist, dass AfD-Wähler sogar in einer anonymen Umfrage nicht mal zugeben, bei der rechtspopulistischen Partei ihr Kreuzchen zu setzen. Und dann wäre es für mich schon ein kleiner Trost, auch wenn die Partei wieder einmal Sitze in einem Landesparlament erhalten hat.

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Vielleicht, so meine minimale Hoffnung im tiefsten Inneren meiner Seele, setzt nun dann doch langsam ein Umdenken ein. Dass es vermeintlich doch nicht ganz so cool ist, andere nur aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens, ihrer Identität oder wen sie lieben auszugrenzen. Dass Hass und Missgunst unsere Gesellschaft vergiften, statt sie zu befruchten. Besser diese Einsicht kommt nun langsam schmerzlich, als dass die AfD bei der kommenden Bundestagswahl 2021 auch noch tatsächlich Hoffnungen darauf hat, den oder die BundeskanzlerIn zu stellen. Hamburg, so hoffe ich, ist der Anfang eines Umdenkens.

[Text: Zusammen mit Informationen der dpa]

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Quelle: Noizz.de