Moslem und Kommunalpolitiker Suleman Malik wurde von der Talk-Show von Sandra Maischberger ausgeladen – stattdessen soll nun ein AFD-Politiker zu Wort kommen. Die Moderatorin steht zu dieser Entscheidung. Wir erklären, warum das Problem der deutschen TV-Sendung schon viel weiter zurückgeht und was alles bei Maischberger nicht stimmt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Talk-Formate wie "Maischberger" wegen ihrer Gast- und Inhaltswahl in Kritik geraten und insbesondere in Bezug auf rechte Inhalte selbst zum Diskussionsinhalt werden. Zuletzt gab es eine große Debatte nach den Bundestagswahlen 2017, der den Diskurs mit Rechts thematisierte und bei dem sich viele JournalistInnen dafür aussprachen, rechten Gesinnungen und PolitikerInnen der AfD keine Plattform mehr zu bieten, wie es bis zu diesem Zeitpunkt der Fall war.

AfD statt Betroffene kommen bei "Maischberger" zu Wort

Nun ist es genau dieser Punkt, der erneut für Aufmerksamkeit sorgte. Eigenen Angaben zufolge wurde der Kommunalpolitiker Soleman Malik, der in Thüringen eine Moschee baute, aus der Sendung Maischberger ausgeladen. Ursprünglich sollte er in der Diskussionsrunde zur kontroversen Ministerpräsidentenwahl als Muslim und direkter Betroffener der rassistischen Hetze der AfD, diese Seite in der Runde repräsentieren. Stattdessen entschloss sich das "Maischberger"-Team wieder einmal dazu, die AfD zu Wort kommen zu lassen.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Twitter
Um mit Inhalten aus Twitter und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Die Debatte darüber, ob man mit Rechten reden soll oder nicht ist kontroverser als je zuvor

... und durch den jüngsten rechtsradikalen, rassistischen Terroranschlag in Hanau besonders brisant. Doch gerade das Talkshow-Team hat in der Vergangenheit vermeintlich offene Gesprächsrunden zu Kontroversen abgehalten, die nicht nur Hetze eine Bühne boten, sondern vor allem die Betroffenen ausschloss.

Ende 2019 verlieh die NGO Neue deutsche Medienmacher*innen den Talkformaten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens den Negativ-Preis "Goldene Kartoffel". Darin wird der generelle Mangel an Diversität der Gästeauswahl angeprangert, sowie die reißerischen Thementitel, die schon oft zeigen, was auch in den Shows selbst immer wieder geschieht: Reproduktion und Förderung von Klischees und Vorurteile ganz besonders auf den Islam bezogen.

Im Interview mit dem "Journalist"-Magazin, wo es um die aktuellen Vorwürfe geht, sagt die Moderatorin: "Talkshows sind einer der wenigen Orte, wo eine gemeinsame Öffentlichkeit noch stattfindet". Gleichzeitig bildet in der Wahl der Gäste aber keinen prozentualen Querschnitt der Gesellschaft ab und Maischberger lud auch im vergangenen Jahr kaum PoCs ein, die jedoch einen großen Teil besagter Öffentlichkeit des Landes ausmacht, wie Journalist Fabian Goldmann zeigte (Die Daten beziehen sich auf alle 135 Sendungen von Anne Will, Hart aber Fair, Maischberger und Maybrit Illner):

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Twitter
Um mit Inhalten aus Twitter und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Twitter
Um mit Inhalten aus Twitter und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

"Nur eine Frau"

Doch das Problem der offenen Islamkritik und der starken Selektion seitens Maischberger, zeigt sich nicht nur in ihrem Talk-Format, sondern auch im Film des Produktionsteams der Moderatorin: "Nur eine Frau". Der Film thematisiert das Leben von Hatun Sürücü, die 2005 von ihrem Bruder erschossen wurde. Der Film, der aus der Perspektive von Hatun erzählt, entspricht wahren Begebenheiten, doch wird in dem Film ein verzerrtes Bild gezeichnet. Maischberger hat nicht mit der Familie geredet oder gearbeitet, sondern hat sich gemeinsam mit Drehbuch-Autor Florian Öller dazu entschlossen, sich auf die Dokumentationen von Jo Goll und Matthias Deiß zu fokussieren, was eine sehr deutsche Sicht auf das wichtige Thema des sogenannten "Ehrenmordes" aufmacht.

Leider strotzt der Film nur so von islamfeindlichen Klischees, zum Beispiel die sehr deutsche Verbindung von einer Feminismus-Vorstellung und dem Tragen eines Kopftuchs. Das Kleidungsstück wird extrem symbolisch aufgeladen und so wird sehr binär gezeigt: Kopftuch gleich schlechte Muslima, kein Kopftuch gleich gute Muslima.

Almila Bagriacik als Hatun Sürücüs in "Nur eine Frau"

Auch Begriffe wie "sunnitisch-kurdische Tradition" werden gezielt in einen negativen Kontext gesetzt. Dass Femizide ein gesamtheitliches, deutsches Problem sind, zeigen jüngste Zahlen, denen zu folge jeden dritten Tag in Deutschland eine Frau an häuslicher Gewalt stirbt. Der Film wird mittlerweile auch als Unterrichtsmaterial zur Aufklärung über "Ehrenmorde" genutzt, doch es ist sehr gefährlich, sich bei der Aufklärung zu Femiziden nur an bestimmte Gruppen zu wenden und mit den Traditionen des Islam zu verknüpfen und so die gesamte, gesellschaftliche Gefahr dieses Problems zu verkennen. Es ist wichtig, Hatun Sürücü zu gedenken, doch gleichzeitig ist der Film sehr binär, legt der Toten Worte in den Mund und zeigt eine privilegierte, weiße Perspektive, die sich nicht mit der Kultur au Augenhöhe auseinandersetzte.

>>Kopftuch von Juristinnen im Gerichtssaal darf verboten werden

Es kommt aber ganz besonders in dieser Debatte hinzu, dass sich die Moderatorin bewusst zu diesem islamkritischen Film entschloss, obwohl kaum ein Mord für einen solchen Medienrummel sorgte, und das zu einem Zeitpunkt, an dem Hetzte in der Gesellschaft einen immer größeren Teil einnahm und der Islam zu einem stereotypisierten Bild zusammengeworfen wurde, das gerade an diesen Tagen bei vielen Menschen auf einen fruchtbaren Nährboden für rassistische Denkmuster traf. Doch kommen wir noch einmal auf die Themenauswahl bei der Talkshow selbst zurück. Auch diese wurde von der NGO Neue deutsche Medienmacher*innen zurecht angeprangert.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Twitter
Um mit Inhalten aus Twitter und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Titel passend zu Runde

Unter dem Titel "Die Islamdebatte - Wo endet die Toleranz?" wurde beispielsweise eine höchst Islam-kritische Runde zusammengestellt, die keinerlei Balance hatte und schon der thematische Zuschnitt zeigte, wie die Diskussion verlaufen würde. Als Repräsentantin der muslimischen Seite wurde die Publizistin Necla Kelek eingeladen, die im Vorstand der oft kritisierten Organisation "Terre des Femmes" sitzt und die auch für ihre Nähe zu Thilo Sarrazin bekannt ist. Immer wieder wird von Kelek, die auch mit der Emma-Gründerin und auch bei Maischberger oft geladenen Alice Schwarzer befreundet ist, ein sehr binäres Feminismus-Bild gezeichnet.

Das Kopftuch wird in besagter Runde immer wieder als Zeichen der Unterdrückung ausgelegt, wobei es zahlreiche feministische Muslima gibt, die ganz klar zeigen, dass das Kopftuch von der westlichen Ideologie und von rassistischen Seiten ganz bewusst zu einem klar negativen Symbolträger wurde. Man hat sich in dieser Runde also für die Reproduktion des eigenen westlichen, binären Diskurses entschieden, den Maischberger auch schon in ihrem eigenen Film etablierte.

Pure Whiteness

Auch die Redaktion selbst zeigt, dass neben der Moderatorin in erster Linie weiße Männer stehen und dass der betriebene Journalismus diesen Blickwinkel einnimmt, spiegelt sich nun einmal mehr in der Sendung ab. Wie sehr der Rassismus in Deutschland fortgeschritten ist, zeigen jüngste Ereignisse in Hanau und auch die Debatte über den Anschlag hat deutlich gezeigt, dass vermeintlich reflektierte Qualitäts-JournalistInnen sich nicht ihrer privilegierten Stellung und ihrer eigenen kulturell geprägten Sicht nicht bewusst sind. Das zeigt sich auch im Interview mit dem "Journalist"-Magazin, wo Maischberger zu den aktuellen Vorwürfen sagte: "Vertreter der AfD generell nicht mehr einladen zu wollen, lässt sich in unserer Demokratie nicht begründen." Darf man undemokratischen Meinungen in einer demokratischen Debatte Raum geben? Maischberger beantwortet diese Frage mit 'Ja' und mich wundert das kein Bisschen.

>> Hanau: Warum weigern wir uns, Rassismus als solchen zu benennen?

>> Hanau-Opfer: Wie die Rechtfertigung einer Mutter Deutschlands Rassismusproblem zusammenfasst

Quelle: Noizz.de