Eine Frau als Schiedsrichterin in der Macho-Branche Herrenfußball: Das konnte man sich lange nicht vorstellen. Und dann kam vor drei Jahren Bibiana Steinhaus, zeigte es allen und machte den Weg frei für alle Frauen, die es ihr gleichtun wollen. Damit wurde sie, ohne es zu wollen, zur Feminismus-Ikone. Am Mittwoch hat sie ihr letztes Spiel gepfiffen.

Liebe Bibiana Steinhaus,

du hast nach langem Nachdenken sehr überraschend entschieden, deine "nationale und internationale Laufbahn als Schiedsrichterin zu beenden". Der Supercup am Mittwochabend zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund war nach zwölf Jahren als Schiedsrichterin dein letztes Spiel – jetzt muss der Fußball auf dich verzichten.

Doch auch wenn wir die Bundesliga-Fußballer ab jetzt wieder nur noch nach der Pfeife von Männern tanzen sehen, hast du alles verändert. Auch wenn es nicht danach aussieht – nichts ist mehr wie zuvor.

Du warst nicht nur die erste weibliche Schiedsrichterin in der Fußball-Bundesliga der Männer – sondern auch die erste deutsche Schiedsrichterin überhaupt im Herren-Profifußball. Und das macht dich zu einer Vorreiterin in Sachen Gleichstellung: Zu einer Ikone des Feminismus – auch wenn du das nie sein wolltest.

Dieses legendäre Bild von Bibiana Steinhaus ist bei ihrem letzten Bundesliga-Spiel entstanden. Es zeigt: Steinhaus' Widerstandskraft und Durchhaltevermögen waren für sie in der Macho-Branche Männer-Fußball unabdingbar.

Steinhaus wollte nie eine Feminismus-Ikone sein

Denn dein Ziel war es, nie "die erste Frau auf dem Platz" zu werden: "Ich tue nur, was ich liebe", sagtest du in einem Interview mit der "SZ" zu Beginn deiner Arbeit in der Bundesliga 2017. Über deine Pioniersfunktion sagtest du der "New York Times" sogar: "Für mich ist das keine große Sache, aber ich muss mich damit auseinandersetzen, weil es für andere eine ist."

Eine große Sache: Das war dein Aufstieg in die erste Bundesliga tatsächlich. Gerade, weil er sich so lange hinzog, dass sogar die "BILD"-Zeitung 2014 schrieb: "Lasst Bibi in der Bundesliga pfeifen!".

Dein damaliger Vorsitzender galt nie als Fan von dir und verwies dabei auf deine Leistung, die angeblich nicht den Anforderungen für den Aufstieg entsprach. Doch du hast durchgehalten. Und dein Durchhaltevermögen, deine Durchsetzungskraft in der Macho-Branche Fußball machen dich zu der Ikone, die wir Feminist*innen brauchten und brauchen.

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Stiller Fortschritt

Warum Ikone? Du symbolisierst all das, wofür der Feminismus steht: Chancengleichheit für alle Geschlechter – und das nicht um ihrer selbst willen. Gerade dass du nicht explizit anstrebtest, die erste weibliche Schiedsrichterin der Männer-Bundesliga zu werden, sondern einfach nur deinen Job machen wolltest, zeigte: Für Frauen ist die einfache Ausübung des Jobs auf angemessenem Niveau noch längst nicht überall möglich. Diese Ungerechtigkeit sprachst du nie persönlich aus – und doch war sie so himmelschreiend, dass mit der Zeit immer mehr Fußball-Funktionären klar wurde: So geht das nicht weiter.

Feminismus heißt auch: Du hättest aufgeben dürfen. Viele Menschen hätten nicht das gleiche Durchhaltevermögen an den Tag gelegt wie du – verständlicherweise. Dass du es aber doch getan hast, katapultiert die Gleichstellung weit voran. Und dafür möchte ich dir danken.

Irgendwer ist immer die erste: Egal in welchem Bereich der Gesellschaft. Und jede Frau, die die erste war, öffnete unzähligen Nachfolgerinnen die Tür zu diesem neu erschlossenen Bereich. Du hast uns den Bereich erschlossen, der so öffentlichkeitswirksam wie kein zweiter noch immer für das Ideal von Männlichkeit steht. Du hast ihn erschlossen und begonnen, dieses Bild zu verändern.

Die Mühlen des Fortschritts mahlen langsam: Wahrscheinlich werden nicht direkt weitere Schiedsrichterinnen in die Bundesliga nachrücken. Und doch: Jetzt, da wir wissen, dass es möglich ist, kann die Männer-Bundesliga nicht mehr zurück zu ihrer Frauen freien Existenz kehren.

Warum hast du deine Karriere beendet?

Jetzt bleibt nur noch die Frage: Was hat dich dazu gebracht, deine herausragende Karriere im Fußball zu beenden? Für das freiwillige Ende deiner Laufbahn sollen private Gründe ausschlaggebend sein, wird gemutmaßt.

Die Deutsche Presseagentur schreibt: "Doch man kann sie erahnen. Seit vier Jahren ist Steinhaus mit dem ehemaligen englischen FIFA-Referee Howard Webb liiert, der in New York lebt. Die Liebe zu ihrem Partner und die Sehnsucht nach einer eigenen Familie waren wohl stärker als die Passion Fußball, der jahrelang ihr Leben bestimmte."

Doch stimmt das auch? Oder ist der ausgeprägte Wunsch nach Familie und Liebe als Kündigungsgrund eine Unterstellung, die dir als Frau gemacht wird, weil sie in den Köpfen vieler Menschen naheliegt. "Über die Gründe meines Rückzugs werde ich mich zu gegebener Zeit nochmals etwas ausführlicher äußern", hast du gesagt: Bis dahin können wir nur mutmaßen – und dir viel Erfolg bei alldem wünschen, was du in Zukunft anstrebst.

Bei dem Kraftakt, den du gemeistert hat, sei dir ein bisschen Pause zum Durchatmen mehr als gegönnt.

  • Quelle:
  • Noizz.de