5 Gründe dafür, 0 dagegen.

Vorm Sportunterricht in der Schule saß ich noch mit meinem iPod Shuffle auf dem Boden vor der Umkleide und hab mir My Chemical Romance reingezogen. Irgendwann in meiner Abi-Zeit ballerte ich mir dann Electro-Pop à la Mura Masa über meinen Secondhand iPod Touch rein, in der Uni erst entdeckte ich dann 21 Savage und war lange Zeit verloren. Obwohl ich mich über den Besitz eines hervorragenden Musikgeschmacks erfreute und gerne abseits des Mainstreams meine Fühler ausstreckte, war ich anscheinend schon immer Opfer des allgemeinen Genre-Konsensus. Erst Rock, dann Pop, dann Rap. Seit Mitte letzten Jahres bin ich nun besessen von einer neuen Liebe: R’n’B. Doch damit bin ich (mal wieder) nicht alleine.

Die Goldene Ära des R’n’B lief vom Ende der Neunziger bis Anfang der 2000er. Usher, Ashanti, Destiny’s Child, Ms. Lauryn Hill – alle tauchten irgendwann mit wenig Trompeten und Fanfaren unter. Nun gibt es überall wieder kleine Lichtblicke – und die Hoffnung auf ein Comeback des gefühlvollen Gesangs in moderner Musik. Wir haben fünf Gründe für euch gesammelt, die 2020 als das R’n’B-Jahr auszeichnen werden.

#1: Neue Alben von R’n’B-Ikonen

Der Untergang von R’n’B hatte auch damit zu tun, dass die großen Banger des Genres irgendwann die Seiten wechselten oder komplett von der Bildfläche verschwanden. Dieses Jahr haben aber gleich mehrere ehemalige R’n’B-Künstler*innen (mehr oder weniger offiziell) angekündigt, neue Alben rauszubringen. Rihannas "R9" wird schon seit letztem Jahr heiß erwartet, das letzte Release-Datum hieß noch Dezember 2019. Das ist es ganz offensichtlich nicht geworden.

Frank Ocean wird auch vermutet, ein neues Album rauszubringen, letztes Jahr brachte er bereits zwei neue Tracks raus. Die Cover der Singles wiesen daraufhin, dass es sich bei den Songs um zwei Teile eines 13-teiligen Projekts handelte. Abgesehen davon wird Frank Ocean in der Öffentlichkeit wieder aktiv, bringt Merch raus und wird das Werbegesicht von Prada.

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R’n’B-Superstar Alicia Keys soll dieses Jahr vermutlich ebenfalls ein neues Album rausbringen. Sie geht im Sommer 2020 auf Tour und bringt wieder neue Singles raus – alles spricht also für eine neue Platte.

Mit so viel neuem Stoff auf der R’n’B-Front scheint dem Genre eine sichere Ankunft im Jahr 2020 gesichert. Doch da hört es nicht auf.

#2: Rap und R’n’B verschwimmen ineinander

Generell ist es seit ein paar Jahren in der Musik üblicher, nicht stringenten Genre-Mustern zu folgen. Stattdessen werden Genres aufgebrochen. Pop wird gemischt mit Rap-Elementen, Rap wird angereichert mit Rock-Samples.

Ein Künstler muss sich nicht mehr entscheiden, ob ein Song Rap oder R’n’B verkörpern soll. Beides geht, simultan. Die Genres fließen ineinander über und leben von gegenseitigen Features und eigenen Sound-Experimenten. Rapper*innen wie Swae Lee oder Princess Nokia fangen an, mit R’n’B-Elementen zu spielen. Pop- und R’n’B-Künstler*innen wie Ariana Grande in "7 Rings" fangen an, Rap-Elemente in ihren Songs zu übernehmen und R’n’B-Sängerin Ari Lennox singt mühelos über herkömmlichen Trap-Beats.

Seit 2017 hat Rap offiziell Rock als die beliebteste Musikrichtung abgelöst. Wenn Rap nun mit R’n’B zusammen schmilzt, dann profitiert nicht nur Rap von der künstlerischen Möglichkeiten des R’n’B-Genres, sondern auch R’n’B von der Popularität des Raps.

#3: R’n’B toppt wieder Charts

Als Newcomer Summer Walker im Oktober 2019 ihr Debütalbum "Over It" veröffentlichte, landete sie auf Platz zwei der US-Billboard Charts. R’n’B-Sänger Khalid landete mit seinem neuen Album "Free Spirit" auf Platz eins der Kanadischen und US-Billboard Charts und Lizzo erzielte mit ihrem dritten Studioalbum "Cuz I Love You" den vierten Platz der US-Billboard Charts. H.E.R.s Album "I Used To Know Her" und ihr Song "Hard Place" wurden bei den Grammys 2019 sogar für drei Kategorien unabhängig des Genres R'n'B nominiert.

Diese Aufmerksamkeit für R’n’B-Alben wäre vor einigen Jahren noch unvorstellbar gewesen. Nun sind sie das Indiz für einen musikalischen Shift in der Aufmerksamkeit des Mainstreams.

#4: R’n’B-Newcomer häufen sich

Während Rap für viele Frauen eine verschlossene Szene ist, bietet R'n'B musikalischen Talenten ein offeneres Bild, das noch nicht von so starken Stereotypen belastet ist, wie Rap. Summer Walker, Ari Lennox, Jorja Smith, Jhené Aiko, Jamila Woods, SZA, Queen Naija, Ella Mai, H.E.R., Justin Skye, Mila J – die Liste von neuen coolen R’n’B-Namen scheint fast endlos. Sie reihen sich mit ein in die Ränge von Legenden wie Ms. Lauryn Hill und Erykah Badu.

Ari Lennox, Summer Walker und Queen Naija auf den 2019 Soul Train Awards

Diese Newcomer gibt es nicht nur in der Theorie, sie rücken auch ins Rampenlicht. Ikone Missy Elliott wird zum Beispiel neben der Newcomerin H.E.R. in der begehrten Super-Bowl-Kampagne von Pepsi auftauchen. Summer Walker macht Schlagzeilen wegen ihren sozialen Ängsten und ihrer Beziehung zu Producer London on da Track und ein Instagram-Rant von Ari Lennox war erst kürzlich Thema von Joe Buddens Podcast (ein Moderator, der sich normalerweise mit Rap befasst).

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#5: R’n’B ist die Hoffnung für starke Frauen

Frauen im Musik-Business sind unfassbar unterrepräsentiert. Spotify berichtet zum Beispiel, das in ihrem Gründungsland Schweden die Top 50 Songs 2017 zu 100% von Männern produziert wurden. Auf die ganze Welt bezogen waren es im selben Jahr lediglich zwei Prozent. Auch im Jahr 2019 hat sich in dieser Hinsicht nicht viel geändert.

Musiker*innen wie Jessie Reyez, Charli XCX und Ari Lennox reden alle offen über die Benachteiligung von Frauen in der Musik-Industrie. Ihre Berichte hören sich an, als würden sie von vergangenen Zeiten erzählen, doch diese fest verankerte Ungleichberechtigung ist noch so aktuell wie je zuvor. Nur die Stimmen dagegen werden lauter und mehr.

>> Wie Sexismus in der Musik-Industrie wirklich aussieht: R'n'B-Star Jessie Reyez im NOIZZ-Interview

Genau hier kommt auch R’n’B ins Spiel. R’n’B, im Gegensatz zum größtenteils misogynen Rap bietet R’n’B auch starken Frauen eine Plattform. Dort sind Frauen zwar weiblich aber nicht verletzlich. Es ist eine Szene, die gleichermaßen für Frauen und für Männer gemacht ist.

Ein Usher darf neben einer Summer Walker existieren, ein 6lack neben einer H.E.R., eine SZA neben einem Khalid, eine Ella Mai neben einem Miguel, eine Jorja Smith neben The Weeknd.

In einer Zeit, in der Gender-Stereotypen zunehmend aufgebrochen werden, ist das genau die Art von Energie, die die Musik-Landschaft im Großen und Ganzen braucht. Neue Stimmen und neue Melodien – und neue Inspirationen für deine Lieblingsplaylists.

Quelle: Noizz.de