Depressionen, Mobbing und sexuelle Gewalt sind Teil des Lebens von vielen jungen Menschen. Die Serie "Tote Mädchen lügen nicht" thematisiert all diese Probleme – zu brutal, finde ich. Sie zu Ende zu schauen, gleicht einer Mutprobe. Dabei sollte die Serie helfen.

"Tote Mädchen lügen nicht" thematisiert all die Probleme, mit denen viele Teenager zu kämpfen haben: Mobbing, Drogenprobleme, Depressionen, Suizidgefahr und sexuelle Gewalt. Die erste Staffel basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jay Asher – danach wurde die Serie in drei weiteren von der Romanvorlage unabhängigen Staffeln fortgesetzt. Sie zeigen mehrfach Vergewaltigungsszenen, Morde und Selbstmordversuche.

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Die Serie wird zu fiktiv und verliert so an Ernsthaftigkeit

Die Serie zeichnete sich dadurch aus, dass sie sich schonungslos mit Konflikten auseinandersetzte. Sie stellte Themen in den Vordergrund, die Bildungs- und Jugendeinrichtungen selten so direkt behandeln. Auf "13Reasonswhy.info" finden Zuschauer*innen zudem Hilfe. Was zu Beginn der Serie noch sehr verantwortungsvoll auf mich gewirkt hat, hinterlässt nach dem Ende der finalen Staffel einen schlechten Beigeschmack. Es wirkt, als sei die extra dafür erstellte Homepage zusätzlich ein praktisches Werbemittel – um die Serie möglichst realistisch und damit auch brutaler und eindrucksvoller wirken zu lassen.

Ich habe der Serie anfangs eine hohe Bedeutung zugemessen. Sie zeigt jungen Menschen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind und macht Erwachsenen klar, mit was für Konflikten sie zu kämpfen haben. Doch von Staffel zu Staffel verliert "13 Reasons Why" für mich an Ernsthaftigkeit. Weil die Serie immer fiktiver wird. Was ich am Ende sehe, ist ein spektakulär aufgebauter Thriller à la Hollywood. Ich möchte der Serie nicht den realen Bezug absprechen – aber finde sie trotzdem zu brutal dargestellt. Da hilft es wenig, wenn zu Beginn der neuen Staffel der Serie der Hinweis "diese Serie ist fiktional – aber mit realem Bezug" eingebracht wird.

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"Tote Mädchen lügen nicht": Eine Szene aus der Serie

Jede fünfte Studentin wird im Verlauf ihres Studiums an einer US-Universität vergewaltigt

"13 Reasons Why" hinterlässt bei mir den Eindruck, als seien die Handlungsstränge der Serie völlig normal. Das mag zu Teilen stimmen. All die Probleme, die behandelt werden, prägen das Leben vieler junger Menschen. Ich traue mich fast nicht zu sagen, dass die Serie übertrieben ist. Weil ich solche Probleme in derartigem Ausmaß noch nie persönlich erlebt habe. Glaubt man laut "arte" der Statistik des US-Justizministeriums, wird jede fünfte Studentin im Verlauf ihres Studiums vergewaltigt. Nur fünf Prozent der Fälle werden angezeigt. Demnach wäre "13 Reasons Why" noch weit unter dem Durchschnitt.

Doch stelle ich mir am Ende der Serie die Frage, ob irgendwo auf dieser Welt all die Probleme genauso vorkommen – in so einer kurzen Zeit, so geballt und auf so einer brutalen Art und Weise? Und selbst wenn: muss man das auch genauso zeigen? Das mag für mich schwer zu beurteilen sein: Meine Probleme sind im Gegensatz zu den Charakteren der Serie nichts. Doch ist nicht genau das zu kritisieren? Es braucht nicht immer derartige Katastrophen – Vergewaltigungen, Heroinabhängigkeit, Tod der Eltern – um bei Heranwachsenden Wut und Selbstzweifel auszulösen.

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"Tote Mädchen lügen nicht": Eine Szene aus der Serie

Die Szenen sind zu brutal

Ich habe mir die Serie trotzdem bis zum Ende angeschaut. Weil ich sie gesellschaftlich relevant finde und die Hoffnung hatte, nach all den Dramen, ein klein wenig Hoffnung mit auf den Weg zu bekommen. Stattdessen, so viel sei verraten, gab es zum Schluss weitere Tränen und Tragik. Ich habe kein Happy End erwartet, aber ein klein wenig Besänftigung.

Dass mir die Serie zu krass ist, wurde mir endgültig bei der Vergewaltigungsszene eines Jungen klar. Er wurde von einem seiner Mitschüler erst verprügelt und dann auf der Schultoilette mit einem Besen misshandelt. Mir wurde bei der brutal dargestellten Handlung schlecht. Ich hatte den Schauspieler, den Täter, zuvor auf Instagram gefolgt – und ihn kurz darauf wieder entfernt. Es hat mir Angst gemacht, sein Gesicht in meinem Feed zu sehen. Dabei bin ich mittlerweile 24 Jahre alt und nicht von derartigen Problemen betroffen. Die Szene hat mich trotzdem wahnsinnig zugesetzt.

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Amoklauf. Vergewaltigung. Mord. Depressionen.

Als ich vor wenigen Tagen einem Freund den Inhalt der Serie erklären wollte, habe ich die Handlung etwa wie folgt zusammengefasst: "Der eine hat dieses Mädchen vergewaltigt und wurde von dem anderen Typ, im Beisein eines anderen Mädchens, das er ebenfalls vergewaltigt hat, umgebracht. Dieser Typ hat versucht sich umzubringen, ist generell depressiv und hat Angst sich zu outen und dass ein anderer Typ, der ebenfalls vergewaltigt wurde, einen weiteren Amoklauf plant."

Uff. Dabei ist die Story bis dahin nur zu einem Bruchteil erklärt. Ich habe mich selbst gefragt, warum ich mir die Serie weiterhin anschaue? Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, wieso Leute "Es" von Stephen Spielberg angesehen haben: kaum auszuhaltende Spannung.

Eine Serie wie "13 Reasons" sollte jungen Zuschauer*innen aber helfen und keine Mutprobe sein, sie bis zum Ende anzuschauen.

Disclaimer: Hier bekommst du umgehend Hilfe, wenn du selbst betroffen bist. Wenn du selbst depressiv bist, Selbstmord-Gedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

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  • Quelle:
  • Noizz.de