Jetzt schreibt sie sogar ein Buch über ihre Geschichte.

Sarahs Pflanzen haben Namen. Lady Di, Coco oder Mr. Chamberlain heißen ihre Lieblinge . Inzwischen sind es über 120 Pflanzen, nicht allen hat sie schon Namen gegeben, so viele sind es. Nur die ganz Besonderen hat sie schon getauft. "Belle" heißt eine besonders schöne Monstera Variegata. "Das große Teil musste ich in der Berliner U-Bahn transportieren", sagt die 26-Jährige und lacht.

Sarah ist nicht etwa Floristin. Auch keine Mitarbeiterin im Tropenhaus oder Innenausstatterin. Sarah ist eine #CrazyPlantLady, so schreibt sie es unter ihre Fotos auf Instagram. Mit 1584 Followern ist sie in der immer stärker wachsenden deutschen Plant-Community schon eine wahre Größe. Jetzt schreibt sie sogar ein Buch über ihr Herzensthema, die Pflanzen. Doch Plant-Influencerin und Buchautorin zu werden, das war nicht ihr großer Masterplan. Sarahs Erfolgsstory ist keine fröhliche, sonnige, wie man sie sonst von Instagrammern kennt. Ganz im Gegenteil – am Anfang war sie eine Leidensgeschichte.

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Herbst 2018: Sarah arbeitet als Journalistin im Schichtdienst. Obendrein ist ihre Masterarbeit in "Internationale Beziehungen" bald fällig. Nicht unbedingt das, wofür sie im Moment brennt. Doch etwas anderes brennt in ihr – je näher die Deadline der Arbeit rückt, desto klarer wird ihr: Das schaff ich nicht. Schreibblockaden wechseln sich mit Panikattacken ab und schließlich: Burnout.

"Ich hatte schon vorher mehrere depressive Phasen. Aber so krass umgehauen hat es mich noch nie", erzählt Sarah von dieser Phase ihres Lebens. "Ich hatte dann die Wahl, ob ich in Berlin in die Klinik gehe, wo ich wohnte und arbeitete, oder nach Köln, wo meine Eltern wohnen." Sarah entscheidet sich für Köln. Sieben Wochen in einer psychiatrischen Klinik – das muss sie erst einmal verarbeiten. Schließlich war ihr Lebenslauf bisher nahezu perfekt. Und jetzt, mit 25, sitzt sie mit Burnout in einer Klinik? Doch was ihr hilft, mit ihrer Situation umzugehen, ihre Geschichte mit anderen zu teilen, muss sie gar nicht lange suchen.

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Schon in Berlin begann sie, eine Leidenschaft für Zimmerpflanzen zu entwickeln. "Meine Berliner Wohnung war ein 1-Zimmer-Apartment, ein dunkler Altbau, irgendwie tot. Wegen meiner Depression sah es in mir ähnlich tot aus – deshalb wollte ich etwas Lebendiges in der Wohnung haben", erzählt sie. Eine Freundin empfahl ihr für den Anfang anspruchslosere Pflanzen – die Pflege gab Sarah wieder eine Routine, ein Ziel, für das sie auch an schlechten Tagen aufstehen konnte.

An die Klinik in Köln ist ausgerechnet eine Gärtnerei angeschlossen. Eine der schönsten Gärtnereien Kölns, wie Sarah sagt. "Dort hinzugehen, war mein täglicher Ausflug raus", erzählt sie. Ihre erst kürzlich entdeckte Leidenschaft für Pflanzen kann sie dort noch intensiver ausleben. Dann fängt sie an, die Pflanzen auf Instagram zu posten. Sie verbindet ihre Leidenschaft mit ihrem Leiden, der Depression.

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"Ich war schon eine Weile nicht mehr so erschöpft", schreibt sie in einem ihrer Posts. Sie beschreibt, wie Freunde sie besuchen und eigentlich spaßige Aktivitäten mit ihr unternehmen – und sie trotzdem Abends im Bett einen Zusammenbruch hat, nicht mehr aufhören kann, zu weinen. Eine tiefe Erschöpfung, die durch Stress ausgelöst wird, selbst in Form eines aufregenden Freunde-Wochenendes. "Heute geht es nur um Regeneration und Me-Time in Form von Hörbüchern, Schlafen und Pflanzenpflege", schreibt sie darunter.

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Sarah ist keine Schön-Wetter-Instagrammerin. Wenn es ihr schlecht geht, erzählt sie es ihrer Community schonungslos. "Als ich den Instagram-Kanal gestartet habe, hatte ich das Bedürfnis, meine Geschichte zu teilen, mich nicht schämen zu müssen", sagt sie.

Was mit dem Lesen von Einrichtungsbloggs und dem Kauf einer Monstera im Blumenladen um die Ecke angefangen hat, ist schon längst kein seichtes Hobby mehr. Wie viel Geld sie schon für Pflanzen und Zubehör wie Luftbefeuchter oder Töpfe ausgegeben hat, kann Sarah nicht mehr genau einschätzen. "Aber über zweitausend Euro sind es bestimmt", sagt sie in einem Ton, der fast amüsiert über die Ausmaße ihrer eigenen Leidenschaft klingt.

Sarah mit ihrer Pflanze, die sie Miracle getauft hat

Nun ist hat Sarah ganz nach Köln gezogen. Und allein ihr Umzug zeigt, welch einen großen Teil die Pflanzen in Sarahs Leben einnehmen. So groß, dass dieser Teil nicht einmal in den Umzugswagen passt. "Beim ersten Versuch, meine Sachen nach Köln zu bringen, war der Transporter zu klein für all meine Pflanzen und Möbel", erzählt Sarah. "Als mein Vater eine Woche später mit dem Kombi kam, passte dann immer noch nicht alles. Dann habe ich mir einfach selbst ein Auto gemietet und wollte die restlichen Pflanzen nach Köln bringen – und musste aus Platzgründen trotzdem zwei zurücklassen."

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In Köln angekommen, möchte Sarah nun noch einen Versuch mit der Masterarbeit starten. Und nicht nur das: Seit ein bekannter Verlag ihr anbot, ein Buch über die Heilkraft von Pflanzen zu veröffentlichen, schreibt sie ihre Geschichte auf. Nicht nur, wie die Pflege von Pflanzen ihr wieder Lebenskraft und Routine schenkte. Sondern alles, was Pflanzenkenner aber auch Anfänger über die Pflege wissen müssen.

Für ihre vielen Pflanzen braucht Sarah spezielle Dünger, Lampen und Luftbefeuchter

Sie recherchiert über Düngemittel und beschreibt gesundheitlichen Auswirkungen von Zimmerpflanzen. Nicht nur, wie Depressionen durch sie bekämpft werden, sondern sogar ganz einfache Erkältungen. Sie erklärt, was eine Seelenpflanze ist und wie du deine persönliche erkennst (Spoiler, das ist ganz schön spannend). Im April kommt ihr Buch "Aufblühen: Wie Zimmerpflanzen uns helfen, gesund zu bleiben" auf den Markt.

Für Sarah war es bis dahin ein langer Weg. Ein Weg in die Depression herein und wieder heraus. Dass sie ihre Geschichte mit anderen teilt, macht Mut – und inspiriert hoffentlich den ein oder anderen dazu, seine verstaubte Ikea-Pflanze mal wieder eines Blickes zu würdigen. Wenn nicht sogar mehr.

Quelle: Noizz.de