Spoiler: Unser Abend endet im Desaster.

Ein verschämtes Grinsen. Hände, die ein kleines, buntes Paket hinter dem Rücken hervorholen. Lippen, die den Satz Formen, vor dem du dich so sehr gefürchtet hast: "Ich weiß, wir wollten uns dieses Jahr eigentlich nichts schenken." Und dann der Todesstoß: "Ich habe dir aber doch eine Kleinigkeit besorgt. Das hat einfach sooo gut zu dir gepasst."

Dann überreicht dir der Weihnachtslügner das Päckchen – und damit auch bohrende Schuldgefühle, die ein ganzes Jahr vorhalten. Ein Jahr, in dem du dir vorwirfst, das Desaster nicht verhindert zu haben. Ein Jahr, in dem der Weihnachtslügner sich in seiner moralischen Überlegenheit suhlen kann. Alles in allem: ein schreckliches Jahr. Und alles nur wegen dem Satz: "Dieses Jahr schenken wir uns wirklich nichts."

Aber hey, es gibt eine ganz einfache Lösung, euer Weihnachtsfest vor diesem Horror zu bewahren: Nehmt euch gar nicht erst vor, ein geschenkeloses Weihnachtsfest zu verbringen. Denn ich sage euch: Es macht euch nicht glücklich.

Ich weiß, was ihr jetzt denkt: "Der Schwager meiner Kollegin hat aber letztes Jahr mit seiner Familie Heiligabend ohne Geschenke gefeiert, und er war TOTAL begeistert. Der ganze Vorweihnachtsstress war einfach weg, und einen schönen Familienabend kann man auch ohne teure Geschenke verbringen, die sich auch jeder selber kaufen kann."

Und das ist der Moment, an dem man innehalten muss und sich fragt, was genau an den letzten Weihnachtsfesten eigentlich so schlimm war. Beim Schwager der Kollegin, der sicherlich für viele spricht, ist es ganz klar: Zum einen ist da der Kostenfaktor, der in der Weihnachtszeit ein ganz schönes Loch in den Geldbeutel reißt.

Zweitens ist er der Meinung, dass jeder Mensch selbst weiß, was ihm gefällt – wozu Wünsche raten und im Zweifel daneben liegen? Da Erwachsene über ihr eigenes Geld verfügen, brauchen sie die Weihnachtsgeschenke nicht zur Erfüllung ihrer Wünsche, so wie es noch bei Kindern der Fall ist – denkt zumindest der allgemeine Geschenkemuffel.

Drittens stört der Schwager sich am Vorweihnachtsstress: dem Überlegen und Kaufen von Geschenken für seine Familie, das er als stressig empfindet.

Nun haben wir aufgedröselt, was genau der Schwager meint, wenn er sagt, geschenkefreie Weihnachten seien schöner. Vielleicht seid ihr noch "Team Schwager", vielleicht beschleicht euch aber auch schon ein kleiner Verdacht, der sich gleich als richtig herausstellen wird: Das Problem sind nicht die Geschenke an sich – sondern das Ideal, dem der Schwager vor den letzten Weihnachtsfesten immer hinterherrannte.

Das Ideal ist genau das, was ihr in euren liebsten Weihnachtsfilmen und den eingeschobenen Werbepausen über den Bildschirm flimmern seht. Familien unterm Weihnachtsbaum, die freudestrahlend ein Paket nach dem anderen aufreißen. Der Inhalt: einfallslose Dinge aus dem Kaufhaus, die wegen ihrer geringen Ausgefallenheit "eigentlich jedem gefallen müssten", wie eine Parfüm-Box. Luxusgüter, die der Beschenkte sich selbst wegen ihres unnötig hohen Preises selbst nicht kaufen würde, wie eine sehr krasse Uhr. Oder besonders große Geschenke, von denen der Beschenkte noch nicht einmal zu träumen gewagt hatte (wahrscheinlich aus finanziellen Gründen) wie eine große Reise.

All diese Geschenke haben etwas gemeinsam: Sie kosten Geld, sind nicht auf den Geschmack des Beschenkten abgestimmt, sind entweder dafür da, zu beeindrucken, oder dafür, nicht mit leeren Händen dazustehen. Und meistens liegen von Letzteren auch noch unnötig viele unterm Weihnachtsbaum – die Masse wird's schon machen. Kein Wunder, dass der Schwager bei solchen Präsenten zum Geschenkemuffel wird und lieber ganz darauf verzichtet.

Doch ein Geschenkeverbot ist der falsche Weg. Denn, wenn es schon einen Anlass gibt, an dem die Familie zusammenkommt und sich gegenseitig eine Freude bereiten will, dann sollte dieser auch genutzt werden. Aber nicht so, wie es uns Filme und Werbung vormachen.

Anstatt deiner Schwester auf die Schnelle eine Parfüm-Box zu kaufen, denk doch kurz darüber nach, was ihr früher gerne zusammen gespielt habt. Ihr habt eine Detektivbande gegründet, nachdem ihr alle TKKG-Kassetten durchgesuchtet hattet? Dann schenk ihr doch genau eine von diesen Kassetten, mit einem kleinen Brief, der eure verrücktesten Fälle beinhaltet. Damit werdet ihr an Heiligabend den Spaß eures Lebens haben – anstatt nur ein höfliches "Danke, Bitte" auszutauschen.

Mit durchdachten, persönlichen Geschenken verschwinden plötzlich alle Argumente, mit denen Mr. Geschenkemuffel alias der Schwager für ein geschenkefreies Weihnachten wirbt. Erstens: Sie kosten nicht viel oder im Falle eines schlichten Briefes gar nichts. Zweitens: Der Beschenkte kann sich das Geschenk nicht "einfach selber kaufen", weil es erst durch die persönliche Geschichte so besonders wird.

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Nur ein "Problem" des Schwagers ist noch offen: Die Aufgabe, sich passende Geschenke zu überlegen. Denn Weihnachten ist nicht einfach nur ein angenehmer Familienabend wie jeder andere. Es ist ein besonderes Fest, das wir uns traditionell zum Anlass nehmen, uns für unsere Familie ins Zeug zu legen. Ob gläubig oder nicht: Sich etwas Besonderes zu Überlegen, um der Familie eine Freude zu machen, ist eine wunderbare Tradition, die wir beibehalten sollten. Das "Besondere" ist im besten Fall keine langweilige Parfüm-Box, sondern ein Geschenk das, so kitschig es auch klingt, von Herzen kommt.

Sich nichts zu schenken, bedeutet nicht, der "bösen Weihnachtsindustrie" einen Strich durch die Rechnung zu machen. Es bedeutet, vor dem Fest der Liebe zu kapitulieren – aus eigener Faulheit. Und die wird unterm Weihnachtsbaum mit einem gefürchteten Satz bestraft: "Ich weiß, wir wollten uns dieses Jahr eigentlich nichts schenken ...".

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Quelle: Noizz.de