Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker schimpft über kölsche Tradition!

Die kölschen Jecken können es kaum erwarten – am Donnerstag fällt zu Weiberfastnacht endlich der Startschuss zur Straßenkarnevalsaison 2018. Schon am 11.November (11.11. um 11.11 Uhr) feierten die Kölner den Auftakt der fünften Jahreszeit, die jetzt aus eigenen Reihen kritisiert wird.

Denn Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker schimpft jetzt im Interview mit DPA: „Der Karneval ist in den letzten Jahren – oder eher Jahrzehnten – zu etwas geworden, das eher einem allgemeinen Besäufnis entspricht, als dem, was unsere Karnevalskultur ausmacht.“

Kölsch und Bützchen (Küsschen) gehörten schon immer zum Kölner Karneval. In den letzten Jahren wurde die Tradition aber scheinbar abgelöst durch Wildpinkler, vögelnde Flamingos in Hauseingängen und Alkohol-Leichen in Kotzpfützen.

„Das ist nicht unser Karneval“, liest man in den sozialen Netzwerken immer wieder. Viele Kölner beschwerten sich nach dem Auftakt im letzten November über die Eskalation des Festes: Menschen betranken sich hemmungslos, pinkelten in großer Zahl in jede freie Ecke, erbrachen sich, hinterließen Müllberge oder lagen als Schnapsleiche dazwischen. Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) mussten zeitweise den Betrieb stoppen, weil Menschen auf den Gleisen waren.

Sie sind der Meinung: So schlimm war es noch nie. Und es müsse sich ändern. So denkt auch Wirtin Wolf aus der Zülpicher Straße, einem Ausgehviertel, in dem es besonders heftig war. „Hier spielen so viele Probleme ineinander“, sagt Claudia Uerlich von der örtlichen Interessengemeinschaft „Kwartier Latäng“. Es sind zu viele Menschen, die an Karneval kommen und mit ihnen kommen Urin, Streit, Müll.

Auf der Suche nach den Gründen für die Eskalation am elften Elften gilt als Argument, dass der Tag auf einen Samstag fiel. Viele Leute hatten Zeit, viele wollten nach Köln. Aus Sicht des Psychologen Stephan Grünewald wirkte das zusammen mit einem allgemeinen Phänomen, dem Trend zum Draußenfeiern. „Draußen ist man ganz anders wild“, erklärt er. Und warum ausgerechnet Köln? Nun, sagt Grünewald, es sei auffällig, dass sich die schlimmsten Exzesse an Stellen ereigneten, die „ziemlich verwahrlost“ gewesen seien. Vom öffentlichen Raum gehe dann „keine erzieherische Wirkung aus. Nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, uriniert es sich völlig ungeniert.“

Für den Rest der Republik dürfte es gleichwohl skurril wirken, dass Köln plötzlich mit seinem Karneval hadert. Grünewald, Leiter des Marktforschungsinstituts Rheingold, wundert sich weniger. Gerade Köln sei sensibler geworden. „Vor neun Jahren stürzte das Stadtarchiv ein, dann gab es die Silvesternacht mit sexuellen Gewalt- und Diebstahlexzessen“, sagt er. „Man fragt sich heute: Ist Köln ein verlässlicher und stabiler Grund? Die Stadt will Stabilität. Und da haut es voll rein, wenn der kultivierte Überschwang, den Köln immer konnte, in das komplett Archaische abrutscht.“

Die kölsche Karnevalsdepression weist dabei weit über die Grenzen der Stadt hinaus. „Ich glaube, die Menschen haben heute einen höheren Anspruch an die öffentliche Ordnung“, sagt die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker(parteilos). Einfach laufen lassen und hoffen, dass es gut wird - für viele Menschen ist das keine Option mehr. Auch wenn Reker klarstellt: „Wir hadern nicht mit dem Karneval. Wir hadern mit denen, die ihn nicht verstehen.“

Nach dem elften Elften sprach sich die Oberbürgermeisterin für einen „Runden Tisch“ mit Vertretern von Kölner Karneval, Stadtgesellschaft und Behörden aus, um die Zustände in den Griff zu kriegen. Herausgekommen sind mehr Sicherheitsmaßnahmen, mehr Absperrungen gegen Überfüllung, mehr organisiertes Programm und neue Regeln für Bierbuden. „Unsere Analyse war: Dort, wo es außer Alkohol kein anderes Angebot gab, gab es die meisten Probleme“, sagt Reker. Die Stadt baut zudem ihr Toilettenangebot auf rund 700 aus - vorher waren es 80. „Wer nicht auf die Toilette geht, hat künftig keine Entschuldigung mehr. Keine“, gab der Leiter des Amtes für öffentliche Ordnung, Engelbert Rummel, als Parole aus.

Leere Sekt- und Bierflaschen gibt es an Karneval an jeder Ecke in Köln, obwohl es ein Glasflaschen-Verbot gibt Foto: Oliver Berg / dpa picture alliance

Es wird aber eine Gratwanderung. „Eine Art Polizeistaat können die Kölner nicht“, sagt Psychologe Grünewald. „Dafür müssten sie wieder unter preußische oder eine anders geartete Fremdherrschaft fallen.“

[Text zusammen mit DPA]

Quelle: Noizz.de