Wieso große Marken erst jetzt auf Tierversuche verzichten

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
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So sehen die neuen Dove-Flaschen mit dem „cruelity free“-Logo von PETA aus. Foto: Unilever Dove / dpa dpa Picture-Alliance

Dove-Produkte haben jetzt das Tierversuchsfrei-Siegel von Peta.

Unilever macht weltweit rund 53,7 Milliarden Euro Umsatz. Unilever ist omnipräsent. Der Konzern verkauft Nahrungsmittel, Haushalts- und Textilpflege, aber auch Beautyprodukte und Körperpflege.

Unilever vernichtet unsere Umwelt: 2008 etwa rodete es für Palmöl Sumpfwälder in der Elfenbeinküste, wodurch Dianameerkatzen, Geoffrey-Stummelaffen und Rote Stummelaffen ihr Habitat verloren. Zwischen 2002 und 2005 hielt Unilever gemeinsam mit Protector & Gamble sowie Henkel ein Preiskartell für Vollwaschmittel aufrecht

Zwischen 1986 und 2001 wurde in Indien bei der Thermometerproduktion in Indien Böden mit Quecksilber vergiftet. Und Unilever macht mit rassistischer Werbung Diskriminierung salonfähig, zuletzt gesehen in einer Kampagne der Körperpflege-Marke Dove: In einem Videoclip wurde eine Frau mit dunkler Haut zu einer Frau mit weißer Haut. Dafür musste sie nur ein T-Shirt ausziehen.

Nun scheint das britisch-niederländische Unternehmen aber doch ausnahmsweise mal wegen etwas Positivem im Rampenlicht zu stehen. Unilever hat seine Unterstützung für ein weltweites Verbot von Tierversuchen für Kosmetika im Rahmen einer neuen Zusammenarbeit mit der globalen Tierschutzorganisation Humane Society International (HSI) bekannt gegeben.

Als eines der ersten Produktreihen, sollen die Cremes, Deos, Duschgels und Shampoos von Dove das Cruelity-Free-Kaninchenlogo von PETA erhalten. Medienwirksam zum Welttag des Tierschutzes.

Ziel ist es, Gesetzesreformen in Schlüsselmärkten wie China zu erwirken, die Tierversuche für Kosmetika bislang nicht unterbinden. Zur gleichen Zeit hat die britische Handelskette The Body Shop in New York gemeinsam mit der Non-Profit-Organisation Cruelty Free International den Vereinten Nationen eine Petition mit 8,3 Millionen Unterschriften gegen Tierversuche zu kosmetischen Zwecken übergeben.

The Body Shop sammelte 8,3 Millionen Unterschriften gegen Tierversuche Foto: Stuart Ramson / dpa dpa Picture-Alliance

Mehr als 30 Jahre hat die Kosmetikkette die Kampagne aufrecht gehalten. The Body Shop war das erste internationale Beauty-Unternehmen, das sich aktiv für ein Verbot von Tierversuchen zu kosmetischen Zwecken eingesetzt hat.

Die Unterschriften wurden hingegen in der Rekordzeit von nur 15 Monaten weltweit gesammelt. Das zeigt, wie dringend das Thema für viele ist. Ziel ist es, ähnlich wie bei Unilevers neuer Initiative, ein internationales Regelwerk zu erlassen, das Tierversuchen zu kosmetischen Zwecken weltweit endgültig ein Ende setzt.

Was steckt hinter den Tierversuchen?

Bis auf die beiden Beispiele gehen große Firmen eher zurückhaltend mit dem Thema Tierversuche um. Die Gründe dafür sind vielseitig, erklärt Anne Meinert, Fachreferentin gegen Tierversuche bei PETA Deutschland. „Die Gründe, wieso Konzerne noch Tierversuche durchführen und nur schrittweise auf Alternativen umsteigen, sind vielschichtig: Zum einen spielen gesetzliche Vorgaben eine Rolle, zum anderen oft finanzielle Interessen.“

Seit 2013 ist es eigentlich in der EU verboten, Kosmetikartikel mit Tierversuchen zu verkaufen. Auch die Bundesregierung bemüht sich offiziell darum, Tierversuch ein der Forschung zu reduzieren. Aber es gibt Schlupflöcher.

Schätzungen von Cruelty Free International zufolge werden in der Kosmetikindustrie jedes Jahr immer noch 500.000 Tiere zu Versuchen herangezogen. In rund 20 deutschen und EU-Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien sind nach wie vor Tierversuche vorgeschrieben. „Darunter fallen beispielsweise das Arzneimittelgesetz oder die EU-Chemikalienverordnung REACH“, so Expertin Meinert.

[Hier haben wir mit dem Deutschen Tierschutzbund über die Aternativen von Tierversuchen gesprochen]

Diese Richtlinie ist eine der entschiedensten in der Europäischen Union. Jeder Inhaltsstoff, der nicht ausschließlich kosmetisch verwendet wird oder neuartig ist, muss auf Giftigkeit getestet werden – mit Tierversuchen. „Unternehmen, die sich auch von solchen Versuchen distanzieren wollen, verwenden ausschließlich altbewährte Inhaltsstoffe für ihre Kosmetik, die nicht mehr getestet werden müssen“, so Meinert. Und davon gibt es immerhin etwa über 8.000.

Und wieso machen das dann nicht alle?

Hier kommen finanzielle Interessen ins Spiel. „Oft werden aus Profitgründen immer neue, ,bessere‘ Inhaltsstoffe gesucht – diese müssen dann im Rahmen von REACH getestet werden und dabei nehmen Tierversuche einen nicht unerheblichen Teil der Tests ein“, sagt Meinert.

Auch unterschiedliche Gesetzeslagen und Bestimmungen in den jeweiligen Ländern sind hier von entscheidender Bedeutung. Die chinesische Regierung etwa schreibt vor der Einfuhr Tests an Tieren vor.

Genau das wollen nicht nur Unilever, sondern auch die The-Body-Shop-Petition ändern. PETA sagt, dass Unternehmen, die sich von diesen Versuchen distanzieren wollen, zumeist einfach  nicht in China verkaufen. „Anders im Fall Dove“, betont Mienert: „Die Marke produziert direkt in China und zwar ausschließlich Produkte, für die keine Tierversuche vorgeschrieben sind.“

Meinert hofft, dass Unilevers Schritt eine Signalwirkung hat: Unilever, der Mutterkonzern von Dove, hat bereits viel unternommen, um Tierversuche für seine Produkte – von Lebensmitteln bis hin zu Körperpflegeprodukten – zu beenden.“ Deshalb befände sich das Unternehmen auf der Firmenliste von PETA US mit dem Titel „Working for Regulatory Change“.

Diese Sonderkategorie umfasst Unternehmen, die keine Tierversuche durchführen, sofern sie nicht explizit gesetzlich vorgeschrieben sind, beispielsweise für Pharmazeutika.

In Bezug auf Kosmetik oder Lebensmittel hätten die Konzerne, so Meinert, ganz klar die Wahl: Tierversuche müssen nicht durchgeführt werden, insofern sie die oben erwähnten Schlupflöcher nicht nutzen würden.

Bei Pharmazeutika hingegen ist die Lage leider noch anders. „Hier sind Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben und es führt kein Weg an ihnen vorbei. Deswegen ist ein großer Erfolg, wenn ein Großkonzern wie Unilever keine Tierversuche, außer die gesetzlich vorgeschriebenen, mehr durchführt“, erklärt Meinert.

Im Bereich der gesetzlich geforderten Tierversuche gibt es bereits innovative Alternativmethoden. „Diese haben es allerdings oft schwer, da die Validierung langwierig ist und die finanzielle Förderung nur mangelhaft“, weiß Mienert aus ihrer tagtäglichen Arbeit in dem Gebiet. Laut ihr sind tierfreie Alternativen jedoch auf dem Vormarsch, „auch wenn wir noch einen langen Weg vor uns haben, um alle Tierversuche zu ersetzen.“

Und wie kannst du als Verbraucher erkennen, welche Marken auf Tierversuche verzichten?

Okay, das ist nicht ganz so einfach. Denn es gibt für kein Siegel einen einheitlichen Kriterienkatalog. Allerdings helfen dir einige Listen, den Überblick zu behalten. So hat PETA Deutschland etwa eine Datenbank für „Kosmetik ohne Tierversuche“.

Und auch die App Codecheck hat eine Zusatzfunktion, die dich darauf aufmerksam macht, ob ein Inhaltsstoff an Tieren getestet wurde oder nicht.

Das „vegan“-Siegel der großen deutschen Drogerieketten wie dm, Rossmann und Müller ist auch ein ziemlich sicheres Indiz für den Verzicht auf Tierversuchen.

Und zu guter Letzt findest du ganz offiziell eine Übersicht aller Tierversuchsvorhaben, die alleine in der Bundesrepublik Deutschland stattfinden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sammelt nämlich jeden Einzelnen in der Datenbank „AnimalTestInfo.

Quelle: Noizz.de

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