Zimmerpflanzen sind aktuell der Wohntrend schlecht hin und frischen in der Corona-Quarantäne unsere Zimmer mit etwas Natur und Leben auf. Doch wie Nachhaltig sind die Pflanzen tatsächlich? Corinna Hölzel, wissenschaftliche Mitarbeiterin des BUND klärt uns auf!

Mutter Natur zieht uns in ihren Bann und gerade Generation Greta entdeckt die Liebe zum Grün im Zimmer und auf dem Balkon. Auf den Instagram-Profilen wurden cleane Wohnungen und Kleiderstangen gegen einen rankenden Dschungel eingetauscht. Von kleinen Steingärten mit einer liebevollen Kollektion an Sukkulenten geht es rüber zur üppigen Efeutute, die sich die Bücherregale erobert, wo sich auch die ein oder andere Wasserpflanze ihren Weg entlang der Wände sucht, bis zur großen Monstera, die wundervoll auf einem dreibeinigen Tischchen arrangiert wurde.

Doch wer gerade dieser Tage in den Baumarkt geht, um sich etwas Leben in die eigenen vier Wände zu holen und in der Quarantäne dem Urban-Jungle-Trend zu verfallen, der sollte vielleicht einen Moment innehalten und sich Fragen, wie nachhaltig die ganze Geschichte denn wirklich ist. Denn wer eins und eins zusammenzählt, der kann sich schnell erschließen, dass der schöne Bogenhanf wohl kaum in der Baumarktgärtnerei aufgezogen wurden. Die Suche nach Informationen über die Herkunft von unseren grünen Freunden ist allerdings schnell am Ende und selbst Mitarbeiter*innen konnten mir nicht sagen, wo genau der hübsche Tarantelfarn herkommt.

Deshalb sprachen wir mit Corinna Hölzel, einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin des BUND. Sie arbeitet bei der deutschen Umwelt-Organisation und unterstützt Kommunen dabei Grün- und Freiflächen pestizidfrei zu gestalten und auch auf heimischen und bienenfreundlichen Anbau zu achten. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitet sie außerdem gemeinsam mit dem Agrarreferat zur Pestizidreduktion und der Pestizidpolitik.

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Pflanzen, Planzen, Pflanzen

NOIZZ: Woher kommt denn so die Vielzahl der Zimmerpflanzen, die wir im Baumarkt oder Pflanzenabteilugen bekommen?

Corinna Hölzel: Da kommen, wie so oft, die wenigsten aus Deutschland. Der Großteil kommt als Jungpflanzen oder als Steckling aus afrikanischen Ländern oder lateinamerikanischen Ländern, also daher, wo es klimatisch einfacher ist, Pflanzen das ganze Jahr über zu ziehen. Dazu gehören vor allem Ägypten Äthiopien, Costa Rica, El Salvador auch Israel, Kenia und Uganda. Das sind so die Hauptländer, wo Jungpflanzen vorgezogen werden oder Saatgut produziert wird und die dann als kleine Pflänzchen in die EU transportiert werden und dann weiter in die Gärtnereien und Gartencentern gebracht werden. Da werden sie weiter aufgezogen und dann verkauft.

Als ich mich im Baumarkt dann mal erkundigen wollte oder genau auf die Schilder geschaut habe, wo die Pflanzen herkommen, waren die Informationen ziemlich sparsam. Wieso ist die Herkunft der Pflanzen denn so schwer zu ermitteln, während bei Gemüse oder Obst das ja transparent ist?

Hölzel: Weil sie eben in der EU oder meistens direkt in den Gartencentern aufgezogen werden. Somit werden sie in Deutschland endproduziert. Das heißt, es ist keine Pflicht das als Produktionsland anzugeben, wie es bei Kleidung der Fall ist. Aber das ist bei Zimmerpflanzen genauso wie bei Balkon- und Beetpflanzen nicht der Fall und daher hat man als Verbraucher keine Chance, zu erfahren, ob die Pflanze tatsächlich vom Saatgut bis zur Pflanze in Deutschland produziert wurde oder zumindest regionaler hergestellt wurde, oder ob sie tatsächlich schon eine weite Reise hinter sich hat.

Patriarchale Zimmerpflanzen

Was bedeutet das konkret für die Regionen, in denen die Stecklinge dann angezogen werden?

Hölzel: Das Problem sind in erster Linie die Bedingungen unter denen die Pflanzen in den Produktionsländern hergestellt werden, weil dort viele Pestizide gespritzt werden, die hier schon gar nicht mehr zugelassen sind. Die sind schon vor Jahren verboten worden, weil sie sehr gesundheitsschädigend sind. In diesen afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern sind sie aber noch zugelassen. Meist sind es Arbeiterinnen, oftmals sind es tatsächlich nur Frauen, die auf den Plantagen arbeiten, die wissen meistens viel zu wenig über die Gefahr, die von diesen Stoffen ausgeht. Das heißt, sie tragen keine Schutzkleidung, werden nicht aufgeklärt und arbeiten in Gewächshäusern unter einer sehr hohen Konzentration dieser Stoffe und Gifte und haben dann auch gesundheitliche Probleme. Das unterstützen wir natürlich, wenn wir die Zimmerpflanzen hier kaufen und gleichzeitig hat man kaum eine Chance, das zu erkennen.

Rankende Wunder, wohin das Auge reicht

Designerpflanzen haben nicht mehr viel mit Natur zu tun

Würde sich eine Anzucht denn in Deutschland ökologisch und ökonomisch lohnen?

Hölzel: Es sind einige Zimmerpflanzen, aber vor allem Stauden und Freilandbepflanzung, in Bioqualität in Deutschland erzeugbar und produzierbar. Schwierig ist der Gebrauch von Pestiziden natürlich, wenn es um so hochgezüchtete Designerpflanzen geht. Mittlerweile ist das ja so, dass der Anspruch an die Ästhetik so groß ist. Da darf dann kein krummes Blatt dran sein, die Farbe muss knallen, die Blüten müssen voll, kräftig und exotisch sein – das bewegt sich ja alles sehr weit weg von der Natur. Das ist schwierig bis unmöglich ohne den Einsatz von Pestiziden, Stauchungsmitteln, Fungiziden oder Insektiziden zu bekommen. Aber klar, natürliche Pflanzen lassen sich auch hier in Bioqualität unter Verzicht von Pestiziden und den Verzicht von torfhaltiger Erde anziehen und produzieren.

Was hat es denn mit der Blumenerde auf sich, in die zum Beispiel so eine Monstera gepflanzt ist?

Hölzel: Es wird eigentlich überall torfhaltige Erde verwendet. Der meiste Torf, der hier verwendet wird, kommt aus Russland und Weißrussland. Da gibt es noch große Gebiete, wo er ausgehoben wird. Der Torfabbau zerstört ganz viele Ökosysteme für wertvolle Tier- und Pflanzenarten. Torf wird weltweit abgebaut, zum Großteil für die Verwendung im Obst und Gemüsebau und natürlich auch für die Blumenerde von jedem Hobby- oder Kleingärtner. Und auch bei Zimmerpflanzen sind es meistens torfhaltige Substrate, die verwendet werden. Aber Torf wird auch unter schwierigen Bedingungen für die Natur abgebaut. Das ist nicht nur ein Problem für die Biodiversität, also für die Ökosysteme, sondern Torf speichert eben auch ganz viel Kohlenstoff. Wenn der Torf dann abgebaut wird, dann wird klimaschädliches CO2 freigesetzt und gelangt in die Atmosphäre und treibt den Klimawandel voran.

Was macht den Torf denn so besonders?

Hölzel: Er wird genutzt, weil da keine Nährstoffe drin sind, und da kann man dann so düngen, wie es die Pflanze entsprechend verlangt. Da sind auch keine Samen drinnen, sodass keine Wildkräuter mit hochkommen, sondern ganz einzig und allein die Zimmerpflanzen und deshalb wird der Torf so weiterverbreitet eingesetzt.

Also kann ich davon ausgehen, dass meine Zimmerpflanzen schon in torfhaltiger Erde angepflanzt wurden?

Hölzel: Ja, Torf ist sehr billig und verfügbar und in den allermeisten Fällen ist gerade bei diesen Kulturpflanzen, Torf schon in den Substraten enthalten. Es sei denn, es ist eine Biopflanze. Da ist ein sehr wichtiges Kriterium der Verzicht auf Torf und torfhaltige Erden. Die verwenden dann meistens Alternativen aus Holzfasern, Humus, Komposterden. Also es gibt Alternativen, die sind aber wesentlich aufwendiger.

Monstera, Bogenhanf und Co. sind nicht so grün, wie sie scheinen

Haben wir da als Verbraucher auch einfach zu hohe Anforderungen?

Hölzel: Ja, wir sind viel mit Baumärkten und Gartencentern in Kontakt und sie sagen, dass die Anforderungen der Kunden einfach extrem sind. Es empfiehlt sich schon nicht zu exotische Pflanzen, die tatsächlich weit von der Natur weggezüchtet wurden, zu kaufen. Man sollte lieber wieder zurück zum natürlichen Vorbild. Und auch einheimische und robuste Pflanzen, sollte man auswählen, die dann vielleicht nicht so abgefahren aussehen, aber doch weitaus mehr Natur ins Zimmer bringen. Wenn sich Menschen einfach wieder mehr auf Akzeptanz von imperfekter Natur einlassen würden, wäre das wirklich hilfreich, damit die Pflanzen wieder so aussehen, wie sie in der Natur aussehen würden und nicht wie abgefahrene Designerobjekte.

Urban Jungle

Worauf sollten wir dann bei unseren Zimmerpflanzen achten?

Hölzel: Es gibt in Deutschland über 200 Biogärtnereien, die robuste, gesunde, widerstandsfähige und wunderschöne Pflanzen aufziehen und verkaufen. Dafür gibt es die ganz normalen Biosiegel und wenn man dort kauft, tut man nicht nur sich und den Menschen auf den Plantagen etwas Gutes, sondern auch der Umwelt. Denn Pestizide sind einfach unheimliche Umweltverschmutzer, weil sie in die Böden und ins Wasser gelangen, was dann hochaufwendig wieder gereinigt werden muss..

Bei vielen Zimmerpflanzen gibt es außerdem die Möglichkeit, Ableger zu ziehen und sich mit Freunden auszutauschen. Auch Tauschmärkte für Pflanzen, Samen und Ableger werden immer beliebter und sind natürlich der günstigste Weg den Urban Jungle zu vermehren und dabei tatsächlich grün zu handeln.

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  • Quelle:
  • Noizz.de