Wohnungssuche in Berlin: Sexismus, Horror-Preise und Dreistigkeit

Silvia Silko

Pop, Kultur, Lifestyle
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Über die Reise in ein Land, in dem Schufa-Einträge das Harmloseste sind.

Gentrifizierung, Urbanisierung, Überbevölkerung – Schlagworte, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Zumindest wenn man, wie ich, in der Hauptstadt lebt und gerade bewohnbare vier Wände sucht.

Denn obowhl Berlins Immobilienlandschaft noch längst nicht an das Niveau Londons oder New Yorks heranreicht, Spaß macht das Ganze trotzdem nicht: Eine Wohnung in Berlin suchen, ist, wie mit blutender Wunde in ein Haifischbecken springen.

Da, wo die Nachfrage groß und der Wohnraum knapp ist, steigen allerdings nicht nur die Mietpreise, sondern auch der Wahnsinn. Es herrscht eisige Stimmung, und einen beschleicht das Gefühl, dass man für eine Wohnung in der Größe eines Schuhkartons mit dem Komfort eines Kratzpullis nicht nur eine einwandfreien SCHUFA-Erklärung braucht. Aufwändige Bewerberbungsmappen für die Vormieter, kleine Geschenke an den Makler, dem Vermieter das Erstgeborene versprechen und die eigene Seele an die Verwaltungsfirma verkaufen? Übertrieben?! Nein – wie meine Erfahrungen nach vier Monaten Wohnungssuche in Berlin beweisen.

Einmal Sexismus zum Einpacken, bitte.

Bereits in den Inseraten markieren die sogenannten "Dokumente" die erste Barriere: Für die Bewerbung um eine Wohnung braucht es gefühlt mehr Zettel als für die Eheschließung. Die SCHUFA-Erklärung (die Unwissenden für ein paar Papiere, auf denen verdammt wenig steht, einfach mal 30 Euro abknüpft), Mietschuldenfreiheit (was ist hier eigentlich der Unterschied zur SCHUFA?!), die letzten drei Gehaltsnachweise, die Bestätigung eines festen Jobs, eine Ausweiskopie und Lebenslauf – ein Anschreiben wird auch gern gesehen.

Bewirbt man sich zu zweit, braucht es das Ganze natürlich von beiden Mietinteressenten. Ein Freund und ich dachten: Wir suchen beide eine Bleibe, verstehen uns gut, und wenn wir uns als Pärchen bewerben, sind unsere Chancen besser. Erste Kontaktaufnahme auf ein Inserat: Super! Wir wurden direkt von dem sehr netten, etwas älteren Herrn angerufen, schnell zum Besichtigungstermin eingeladen und darum gebeten, doch unsere "Dokumente" gleich mitzubringen.

Die Wohnung ist großartig: Sanierter Altbau, schöne Dielen, Lage und Größe in Ordnung, dafür ist die Miete absolut fair. Der nette Vermieter erklärt, dass er den Mietwahnsinn in Berlin nicht mitmachen will. Er möchte so freundlichen jungen Pärchen ermöglichen, auch schön zu wohnen, daher die verhältnismäßig niedrige Miete. Toller Typ, denken wir – bis er einen Blick auf die von uns ausgehändigten "Dokumente" wirft.

"Das kann ja nicht stimmen!", leitet er seinen Monolog ein. Ob wir glaubten, ihn anlügen zu können?! Was uns einfallen würde, einfach die "Dokumente" zu fälschen? Und wenn wir das schon machen würden, dann wenigstens richtig. Ob wir allen Ernstes glauben, er würde uns abnehmen, dass ich, das "junge Mädchen", fast doppelt so viel verdiene wie mein vermeintlicher Partner.

Mein Freund und ich schauen uns ungläubig an. Beteuerungen, die die Richtigkeit unserer "Dokumente" betonen, werden abgewunken, wir, unter wütendem Murmeln, hinausbegleitet. "Das ist eine Frechheit. Ich möchte normale Leute hier haben, das ist ein ordentliches Haus." Wir fragen uns auf dem Rückweg, ob wir beim nächsten Mal unsere "Dokumente" tatsächlich fälschen sollten – meinen Verdienst runtersetzen und seinen erhöhen. Zumindest würden wir dann dafür sorgen, dass das Weltbild potentieller Vermieter nicht aus den Fugen gerät.

Ist das Möbel oder kann das weg?

Der Begriff "Abschlag" gehört unbedingt in das Vokabular der Wohnungssuchenden. Abschlagzahlungen geschehen meist zwischen Vor- und Nachmietern: Hinterlässt Ersterer etwas in der Wohnung (eine Küche, Badmöbel oder Einbauschränke) kann er oder sie sich mit den Nachmietenden auf einen entsprechenden Preis einigen. Vorteile: Der Nachmieter braucht sich nicht um das Anschleppen einer Küche kümmern, häufig passen die entsprechenden Möbel bereits in die Wohnung und der Vormieter hat weniger Arbeit mit dem Ausräumen.

In der Theorie ein klasse Konzept. In der Realität wird das mit dem Abschlag jedoch gerne auch als Druckmittel genutzt.

Die kleine 1-Zimmerwohnung war etwas dunkler, als ich es mir gewünscht hätte, dafür war die Lage genial. Der Balkon ging zwar zur Straße raus – aber es gab wenigstens einen. Ein paar Kompromisse und ein Mietpreis, der wirklich hart an meiner Schmerzgrenze kratzte: Was soll's? Die Wohnung war super.

Ich verstand mich gut mit der Vormieterin. Sie hatte bereits in der Anzeige einen Abschlag erwähnt – allerdings noch keinen konkreten Betrag.

Ich schaute mich in der Wohnung um: Der Gasherd dürfte schon den ersten Weltkrieg mitgemacht haben, die Pressholz-Arbeitsplatte hat ihre besten Tage nie gehabt, und der Linoleumboden würde das erste sein, was ich in dieser Wohnung auswechseln würde. Wie viel Abschlag könnte man hier also schon verlangen?

Nach meiner Besichtigung meldete sich die Vormieterin: Sie hätte mit der Hausverwaltung gesprochen, meine Unterlagen seien durchgewunken worden, ich könne die Wohnung haben. Nur um den Abschlag müssten wir uns noch kümmern, sie würde mir dazu eine detaillierte Mail schicken.

Schriftlich erklärte mir die Vormieterin, dass sie für Herd, Arbeitsplatte und Boden gerne 9000 Euro haben würde. Ich las die Mail noch mal – und wollte glauben, dass sie sich um eine Null vertan haben musste. Aber selbst 900 Euro waren für ihre Hinterlassenschaften viel zu viel.

Ich schrieb ihr eine Mail in der ich ihr erklärte, wie schade ich es finde, dass sie ihre Position derart ausnutze. Sie antwortete nur knapp: "Es gibt genug Leute, die die Wohnung mit allen Bedinungen übernehmen würden" – und ich glaubte ihr sofort.

"Abschlag" hat zwar wenig mit Schlägen zu tun – gerne aber damit, übers Ohr gehauen zu werden.

Wie? Du willst dein eigenes Zimmer?!

Mit der Wohnungssuche ist es wie mit dem Schreiben von Hausarbeiten: Am Anfang hat man noch konkrete Ansprüche, Motivation und eine Vision – Dinge, die man früher oder später gegen die Haltung "Hauptsache, es passt irgendwie" eintauscht. Ich wollte eigentlich eine eigene Wohnung, mittlerweile gab ich mich auch mit einer WG zufrieden. Allerdings dachte ich: "Falls WG, dann eine richtig coole – so mit großer Wohnküche, Altbau und in bester Lage."

Aber auch der WG-Markt in Berlin ist hart umkämpft. Es scheint normal für eine 9 m² Abstellkammer 500 Euro verlangen zu können. Dennoch schaue ich mir einige Zimmer an – mehr oder minder erfolgreich. Besonders in Erinnerung bleibt ein Angebot, dass den Begriff "Wohngemeinschaft" ein wenig zu ernst nimmt.

Ich komme zur Besichtigung, mein potentieller Mitbewohner ist freundlich, offen. Wir verstehen uns gut, er erklärt mir, wie er sich das "lockere Zusammenwohnen" vorgestellt hat. Der Preis für das Zimmer ist zwar hoch, aber immerhin: Die Wohnküche ist schön, er ist nett, die Lage ist super. Ich gebe der Sache eine Chance.

Er würde mich dann jetzt durch die Wohnung führen, einen kleinen Haken gäbe es allerdings – den habe er nicht im Inserat erwähnt, weil er die Leute erstmal kennenlernen wolle: Die Wohnung hat nur ein Schlafzimmer und eben jene Wohnküche. Ich schaue ihn fragend an: "Und wo schläfst du dann?" Er schaut unbeeindruckt zurück.

Er habe sich das so vorgestellt, dass man sich ein Zimmer teile. Sei ja keine große Sache, man könne sich ja gut absprechen – so wegen Schlafzeiten und so. Seine Freundin komme auch manchmal vorbei, aber das sei ja alles "easy".

Ich schaue mir das Zimmer an, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll. Es ist ein kleines Zimmer, vollgestopft mit seinem Zeug und einer Matratze auf dem Boden. Er lächelt wohlwollend, meine, man könne das ja auch nett zusammen einrichten. Ich lächle zurück, wünsche ihm viel Erfolg – auch sonst im Leben – und verabschiede mich.

Eine Audienz beim Papst bekommen ist einfacher

Das einzig tröstende an der Wohnungssuche: Ich bin nicht die einzige, die verzweifelt und wohnungslos durch Berlin irrt. Mit mir tun es noch tausend andere – dabei wollen wir doch gar nicht viel. Lediglich ein kleines Plätzchen, das bewohnbar ist – das bezahlbar ist, das sich weder in einem Keller befindet, noch versteckte Klauseln bereit hält wie eine Großfamilie im selben Zimmer.

Ist das so schwer? Die Odyssee geht weiter.

Wie gestaltet sich eure Wohnungssuche?

Habt ihr auch erschreckende, lustige oder einfach verstörende Storys zu erzählen? Teilt sie uns – ganz anonym – bei Tellonym mit. Wir erzählen die besten Geschichten im nächsten Artikel über Wohnwahnsinn!

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