Wie abhängig bin ich eigentlich von Amazon?

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
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Bin ich schon ein Amazon-Mensch ... oder ... nur ein Amazon-Karton? Foto: Hello I'm Nik / unsplash.com

Und ist das überhaupt noch gut?

Erstmal beginnt dieser Text mit einer Schocker-Nachricht: In Schweden gibt es kein Amazon.

Das klingt schon paradox: In einem Land, indem man so gut wie alles bargeldlos bezahlen kann und in dem Onlinehandel aufgrund der langen Wege überaus beliebt ist, gibt es nicht den weltweit größten Anbieter auf diesem Geschäftsfeld. Genauso schockiert, wie ich über die Erkenntnis war, dass es in Schweden kein Amazon gibt, frage ich mich: Wie wäre mein Leben ohne Amazon?

Komplizierter, schätze ich. Ich brauche ein fremdsprachiges Buch? Amazon hat es. Meistens sogar noch billiger als die örtliche Buchhandlung. Ich suche ein ausgefallenes Geschenk oder irgendetwas, das sich nur schwer transportieren lässt? Amazon. Ich müsste einkaufen, hab aber keinen Bock einen Kasten Wasser zu schleppen? Zum Glück gibt es Amazon Fresh. Nichts kommt im Fernsehen und Netflix ist auch durchgeschaut? Zum Glück habe ich Amazon Prime.

Diese Liste ließe sich beliebig fortführen. In jedem Lebensbereich. Im vergangenen Quartal machte Amazon einen Gewinn von etwa 2,1 Milliarden Euro. Klingt viel, ist aber gemessen an der Größe des Konzerns gar nicht mal so viel. Also heißt die Devise: Noch mehr Kunden zum Kaufen anregen – okay, welcher Händler, der ganz bei Trost ist verfolgt schon nicht dieses Ziel?

Der neuste Streich: Als neuen Prime-Vorteil gibt es ab sofort eine Visa-Kreditkarte ohne Jahresgebühren über die Landesbank Berlin mit 70 Euro Startguthaben. Bis zu drei Prozent des Amazon-Einkaufs bekommen Kunden in Form von Amazon-Punkten zurück. Heißt: Je mehr ich bei Amazon einkaufe, umso mehr lohnt sich das. Das Prinzip kennen wir natürlich von anderen Kunden-bindungs-Programmen: Payback, Treueherzen, Deutschlandkarte, und wie sie alle heißen. Aber so tickt der Mensch: Die Aussicht auf Rabatte und etwas zurückzubekommen, ist verlockend. Und macht irgendwie süchtig.

Da können auch zum Teil fragwürdige Arbeitsbedingungen in den Logistikzentren mich nur bedingt vom Kauf über Amazon abhalten. Aber das in diesem Artikel aus zu diskutieren, ist nicht der richtige Ort und macht ein ganz anderes Fass auf (Zum Einlesen gibt es hier die Gewerkschaftsseite, die von Amazon gibt es etwas versteckt zwischen den Zeilen hier).

Oh und dann gibt es ja noch Alexa, der Amazon-eigene Smart-Assistent mit Sprachsteuerung. Seit Kurzem habe ich auch eine Hass-Freundschaft mit Alexa, weil ich mir einen Smartspeaker mit Alexa-Funktion fürs Wohnzimmer zugelegt habe – wohlgemerkt nicht aus der hauseigenen Technik-Reihe des US-Konzerns. Aber: Alexa ist da. Wenn ich über den Alexanderplatz rede. Wenn über oder mit einem Alex, Alexandra, Alexander oder Aleksej geredet wird, es macht: „Plimm“.

Alexa kann jedoch sehr nützlich sein von Zeit zu Zeit. Etwa wenn er/sie/es einen Timer stellt, oder das Internetradio anmachen kann, ohne dass ich irgendeinen Knopf drücken muss. Andererseits weiß Alexa dadurch auch verdammt viel über mich – mehr als mir vielleicht lieb ist. Alexa weiß, auf welche Art von Musik ich stehe (ganz zu schweigen davon, dass Amazon Music auch darüber verbunden ist). Oder, dass ich sehr häufig zehn bis 15 Minuten Timer stelle (Alexa ist ein sehr guter Küchenuhr-Ersatz).

Und wer sagt mir, dass Alexa nicht doch immer zuhört? Und nicht nur, wenn ich ihren Namen rufe?

Ich würde zaghaft behaupten, ich bin noch kein gläserner Kunde für Amazon, denn ich bestelle nichts über die Alexa-Funktion – aber es weiß doch ganz schön viel über mich. Dank meines Kindles weiß Amazon, dass ich auf sehr viel postmoderne Literatur aus dem anglofonen Sprachraum abfahre, so wie deutsche Klassik und auch moderne Popliteratur. Amazon Prime Video denkt, ich steh auf eine absurde Mischung aus Horror-Trash-Filmen, Rom-Coms und Historienfilme. Ich will wirklich nicht wissen, in welches Zielgruppenmarketing ich fallen würde.

Das Ding ist halt: Amazon ist zu verlockend. Es weiß ganz genau, wie es uns rumkriegt. Deswegen hat es auch als fucking zweites börsennotiertes Unternehmen weltweit einen Unternehmenswert von über einer Milliarden Dollar. Schon krass.

Aber nehmen wir als Beispiel den Kindle. In der einfachsten Ausstattung kostet der aktuell 99,99 Euro – und kann dafür eine Menge, mehr als andere vergleichbare Geräte. Zudem kann ich über den Amazon Kindle Shop kostenlose Leseproben von nahezu allen Büchern bekommen, habe Zugriff zu „Kindle Unlimited Bibliothek“ für weitere 9,99 Euro monatlich und kann dafür ziemlich viele E-Books lesen ohne weitere Kosten.

Oder ich lese nur klassische Literatur. Ist der Autor schon mehr als 70 Jahre tot, kann ich das sogar völlig umsonst haben. Außerdem ist so ein E-Reader superleicht. Ich hab meinen geschenkt bekommen, als ich Literaturwissenschaft studiert habe.

Ehrlich, man hätte mir nichts Besseres schenken können. Es hat mein Leben so viel leichter gemacht. Und als Student auch deutlich billiger. Vielleicht begann da schon eine gewisse Abhängigkeit. Oder doch noch Marken-Affinität? Apropos Student: Dafür hat Amazon ein eigenes Rabatt-Programm namens „Prime Student“. Die Prime-Mitgliedschaft, die neben dem Videostreaming auch eine kostenlose Expresslieferung beinhaltet, gibt es dann schon für 49 Euro – na, wenn da kein Schnäppchen-Herz aufgeht.

Hat Amazon mich wirklich abhängig gemacht oder bestell und regle ich vieles in meinem Leben über dieses Unternehmen einfach nur, weil  es hier wirklich am praktischsten ist? Ganz objektiv kann ich das wohl nicht herausfinden. Es ist ja am Ende des Monats auch nicht so, als würde ich jede Woche mindestens einmal bei Amazon bestellen. Es ist vielmehr so: Wenn ich etwas nicht direkt im stationären Handel finde, oder etwas wirklich dringend brauche: Dann gehe ich zu Amazon.

Andererseits bin ich jeden Tag dann doch von meinen Amazon-Produkten umgeben. Hallo Alexa! Und leider sind manche Amazon Prime Serien wie „The Marvelous Mrs. Maisel“ einfach zu großartig, um auf sie zu verzichten.

Vielleicht sollten wir in Zukunft etwas bewusster hinterfragen, wie wir etwas nutzen und was wirklich sein muss. Solange mir die bunte Konsumwelt aber keine Alternative bietet, werde ich wohl weiter munter Amazon shoppen. Blame me for that …

Ich weiß nicht, ob es gut ist, sich so sehr auf eine Firma zu verlassen. Aber Gleiches werfen wir in unregelmäßigen Abständen auch Apple, Facebook, und Google vor – zum Teil auch noch Microsoft. Die Frage ist hier aber auch, ob es nicht einfach so ist, dass diese Unternehmen nicht einfach auch die besten Lösungen für unser super-modernes Leben anbieten.

Klar heißt das nicht, dass diese Unternehmen nicht auch eine Verantwortung ihren Kunden gegenüber haben. Ob sie dafür alles tun? Dafür müsste ich aber erstmal eine Investigativrecherche anleiern, bei der wir uns frühestens in einem Jahr wieder sehen. Solange diese Zukunftsvisionen noch nicht so krass sind wie in Marc-Uwe Klings Roman „Qualityland“ (unbedingte Leseempfehlung an dieser Stelle), kann ich noch den Kindle zur Hand nehmen, bevor ich schlafen gehe.

P.S.: Ich weiß jeder Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftsjournalist würde mich für diese durchaus subjektive und oberflächliche Betrachtung kritisieren – aber: Ich bin willig dazu zu lernen. Also nur her mit dem Input!

Quelle: Noizz.de

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