Von der Body-Positivity-Bewegung hast du bestimmt schon mal gehört. Sie ruft dazu auf, unseren Körper mit all seinen vermeintlichen Makeln zu feiern und zu lieben. Aber kennst du auch schon die Body-Neutrality-Bewegung? Sie ist so etwas wie die unbekanntere, wenig eitlere Schwester von Body Positivity, die möchte, dass wir unser Aussehen nicht mehr in den Mittelpunkt stellen.

Wenn du im Lockdown-November nicht komplett durchdrehen möchtest, dann starre stundenlang auf dein Handybildschirm und scrolle willenlos durch deinen Feed – said no one ever. Denn was dir wahrscheinlich selbst schon aufgefallen ist, legen immer mehr Studien nahe: Instagram, Facebook und Co. wirken sich schlecht auf unsere mentale Gesundheit aus. Das eigene Selbstbewusstsein aufrechtzuerhalten, während Influencer*innen uns täglich mit Fotos ihres kuratierten Ichs bombardieren, ist eben gar nicht so einfach. Natürlich wissen wir, dass diese Influencer*innen für das perfekte Selfie manchmal Stunden brauchen und ihre Fotos mit Photoshop und Filtern optimieren. Wir vergleichen uns nicht mit echten Menschen, sondern mit einer digitalen Version dieser Personen. Dennoch rütteln diese Fotos oft an unserem Selbstwertgefühl.

Der längst bekannte Gegenentwurf zu dieser Weichzeichner-Welt heißt Body Positivity. Das Credo dieser Bewegung lautet: Vermeintliche Schönheitsfehler nicht verdecken, sondern zelebrieren – so zum Beispiel auf dem Instagram-Account we.definebeauty, dem bereits über 174.000 User*innen folgen. Die Betreiber*innen rufen dazu auf, Fotos von sich und den eigenen, unkaschierten Makeln zu schicken. Über 670 Beiträge versammeln sich bereits unter dem Account.

So sehen die Nutzer*innen auf einem Foto eine Person, deren Gesicht rot und geschwollen ist. In der Caption erklärt sie, woher die Schwellungen kommen: "Mein ganzes Leben leide ich bereits unter undiagnostizierbaren Hautausschlägen." Weiter schreibt sie: "Ich weiß, dass es kein dauerhaftes Ding ist, aber es ist nicht leicht für mich als superunsichere Person." Auf einem anderen Foto ist ein Mann zu sehen, der wegen seines Krebsleidens Narben im Gesicht und am Hals trägt. Er schreibt: "Ich habe endlich jemanden gefunden, der mich mit meinen Narben und meinen ‘Fehlern’ akzeptiert." Es sind ehrliche Texte, die zeigen, wie schwer es manchmal sein kann, sich und seine vermeintlichen Schönheitsfehler zu akzeptieren.

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Macht Body-Positivity Content glücklicher?

Doch fühlen wir uns tatsächlich besser, wenn wir Body-Positivity-Content konsumieren? Die Antwort lautet: Jein. Erste Studien belegen zwar, dass sich solche Fotos tatsächlich positiv auf unser Selbstbild auswirken können. Forschende haben 195 Studien-Teilnehmerinnen Body-Positivity-Content gezeigt. Das Ergebnis: Die Frauen waren hinterher zufriedener mit ihrem eigenen Körper. Zwar ist die Studie nicht repräsentativ, gibt aber erste einen Hinweis auf die wohltuende Wirkung solcher Fotos. Doch gleichzeitig hatten die Bilder auch einen Haken. Nachdem sich die Teilnehmerinnen den Body-Positivity-Content angeschaut haben, neigten sie eher dazu, sich zu objektifizieren, also auf ihr Äußeres zu reduzieren. Denn selbst bei solchen Fotos steht letztendlich nicht der Charakter oder die Fähigkeiten der Person im Fokus – sondern das Aussehen.

Wir müssen unsern Körper nicht ständig abfeiern

Das bedeutet nicht, dass Body Positivity verteufelt gehört. Diese Bewegung hat die viel zu engen Schönheitsideale erweitert. Sie hat mehr Diversität in die Werbelandschaft gebracht, auch wenn diese immer noch von weißen und schlanken Models dominiert wird. Zudem ist nichts dagegen einzuwenden, seinen Körper so zu lieben, wie er ist. An einer Hyperfokussierung auf unser Äußeres wird Body Positivity allerdings nichts ändern. Wie wäre es also, wenn uns unser Körper einfach ein Stück weit egaler würde? Wenn wir in den Spiegel schauen könnten, ohne uns geil zu finden?

An diesen Gedanken knüpft die Body-Neutrality-Bewegung an. Sie ruft dazu auf, unser Aussehen nicht mehr in den Fokus zu rücken, sondern als Nebensächlichkeit zu betrachten; Schönheitsideale und Schönheitsmakel einfach mal zu vergessen und sich auf andere Dinge zu konzentrieren.

Anuschka Rees, Sozialpsychologin und Autorin des Ratgebers "Beyond Beautiful" bringt es in einem Interview mit "Zeit Online" auf den Punkt:

Ein Psychotherapeut würde eine Person, die Probleme mit dem eigenen Körperbild hat, auch nicht versuchen, davon zu überzeugen, dass sie total schön ist. Sondern er würde ihr helfen, die Einstellung zu entwickeln: Ich habe Wert, ganz egal, wie ich gerade aussehe.

Body Neutrality gibt es übrigens auch nicht erst seit gestern. Bereits 2015 hatte die Fitnesstrainerin Anne Poirier Body-Neutrality-Workshops in Vermont gegeben. 2019 sprach sich die Schauspielerin Jameela Jamil für die Bewegung aus. Also wieso ist Body Neutrality noch immer nicht in aller Munde? Wahrscheinlich weil sich damit nicht so viel Kohle verdienen lässt. Ganze Industrien sind davon abhängig, dass wir unser Aussehen in den Mittelpunkt stellen. Deshalb lässt sich selbst Body Positivity vermarkten. Mit einer Egal-Haltung gegenüber unserem Aussehen lässt sich aber weder in der Beauty- noch in der Modeindustrie wirklich Geld verdienen.

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  • Quelle:
  • NOIZZ.de