Und: Nein, andere Drogen konsumier' ich auch nicht.

Silvester. Ich will zur Party eines Freundes fahren, suche in der Car2Go-App schnell nach einem Auto. Erwartungsgemäß blinken um meinen Standort an diesem Abend dutzende blaue Punkte auf, kaum ein Fahrzeug ist in Benutzung. Bevor ich losfahren kann, kommt eine Gruppe halbstarker Jungs angerannt, reißt ungefragt die Türen auf, grölt Unverständliches in meine Richtung und knallt sie wieder zu. Mit ein bisschen Herzrasen starte ich in den Abend.

Ich hole eine Freundin ab, die zu sehr Angst hat, alleine rauszugehen. Auf dem Weg zu ihr fahren mir etliche Polizei- und Krankenwagenautos entgegen.

Wir wollen auf eine Homeparty. Dort angekommen würden wir gerne die Toilette benutzen. Dieser simple Wunsch bleibt uns leider verwährt, weil das Klo von sechs Koksern blockiert wird. [Mehr dazu: Im Koks-Taxi durch Berlin]

Eine andere Freundin schreibt mir, dass sie auf der geilsten Party ihres Lebens ist und wir kommen können. Nach 90 Minuten Fahrt stehen wir vor der Tür. Nach dem 5. Anruf geht endlich irgendjemand ans Handy, leider erst mal nur eine lallende Männer-Stimme.

Als endlich meine Freundin dran ist, fällt ihr plötzlich auf, dass wir nicht mehr reinkommen. Benebelt versucht sie sich zu rechtfertigen: „Ups sorry! Tut mir so so leid, ich hab einfach voll vergessen dir Bescheid zu sagen! Tut mir soooo leid!“ Genervt lege ich auf. Sie wusste, dass wir kommen.

Auch andere sonst so zuverlässige Freunde verkacken an diesem Abend so ziemlich alles; schreiben nur noch kaum zu entschlüssende WhatsApp-Nachrichten und kriegen es nicht auf die Reihe, sich an jene Abmachungen zu halten, die man drei Stunden zuvor noch zivilisiert vereinbart hat.

Kürzlich habe ich einen VICE-Artikel gelesen, in der die Autorin davon erzählt, wie ihre Kaffee-Abstinenz sie zum Außenseiter macht:

„Beim Cocktail-Trinken wollen viele Leute auch keine Alkohol-Abstinenzler dabei haben. Kaffee ist die akzeptierte Büro-Entsprechung von Alkohol, mit der dazugehörigen Geselligkeitskultur. Meine Kolleginnen und Kollegen hatten nichts gegen mich persönlich, aber sie wollten keinen Kaffee mit jemandem trinken, der selbst keinen trinkt. Die Kaffeetrinker kommen sich dabei ein bisschen so vor wie jemand, der auf einem Date zwei Martinis leert, während die andere Person nur Limo bestellt.“

Wenn schon der Verzicht auf Kaffee solch enorme Auswirkungen auf soziale Beziehungen hat, kann man sich vorstellen, wie es sich mit der Volksdroge Nummer 1 verhält: Alkohol.

Den Kommentaren war zwar zu entnehmen, dass der Artikel vom Großteil als überzogen empfunden wurde, ich hingegen kann ihre Erfahrungen gut nachempfinden:

Ich trinke weder Kaffee, Alkohol, noch konsumiere ich Drogen.

Dass jemand, der keinen Alkohol trinkt, Außenseiter ist und in Bars eher als lästig empfunden wird, wurde in dem Text schon als völlig selbstverständlich angenommen.

Als in der 7. Klasse alle angefangen haben zu trinken, kiffen und rauchen, habe ich mich nie aus moralischen Gründen dagegen entschieden. Ich habe mich einfach nicht danach gefühlt. Ich finde es zudem bis heute unangenehm, wenn in großer Runde darauf aufmerksam gemacht wird, dass ich nicht trinke.

Das war nie etwas, worauf ich stolz war. Aber zunehmend entwickle ich eine Abneigung gegenüber Drogen (inklusive beziehungsweise vor allem Alkohol). Nicht weil mich angeheiterte Menschen und kindisches Verhalten stören. Sondern weil ich Unlogik und Unzuverlässigkeit hasse.

Mit 14 habe ich ein paar Mal gekifft, und es hat Spaß gemacht - bis zu dem Zeitpunkt, an dem mein bester Freund einen Horrortrip hatte. Manche werden jetzt sagen, dass bei Gras so etwas nicht passiert - aber ich habe selten so viel Angst und Panik in den Augen eines Menschen gesehen.

Natürlich konnte ich mich um ihn kümmern und versuchen zu helfen. Trotzdem fand ich das Gefühl schrecklich, in einem Moment, in dem ich es nicht mehr wollte, high zu sein. Und dieses Gefühl nicht einfach mit einem Knopf ausschalten zu können.

Ich möchte auf den Punkt bestimmen können, wann ich 100 Prozent klar sein will - und das geht nicht, wenn man konsumiert. Das war für mich ein so prägendes Erlebnis, dass ich nie wieder irgendeine bewusstseinsverändernde Substanz zu mir genommen habe.

Ich will Kontrolle.

Ich bin jetzt 20 Jahre alt und war noch nie auch nur angetrunken. Warum ich damals gekifft habe und nie Alkohol probiert habe? Wahrscheinlich weil mich die Erlebnisse im Freundeskreis zu sehr abgeschreckt haben.

Ich fand es immer befremdlich, wenn Freundinnen oder Freunde Filmrisse hatten und sich nicht einmal daran erinnern konnten, wem sie mit 13 auf der Party einen geblasen haben. Natürlich sind das Extrembeispiele, und mit steigendem Alter haben sich die meisten besser unter Kontrolle. Aber Unzuverlässigkeit bleibt.

Früher fand ich Drogenpräventionen immer übertrieben, den Begriff „Gruppenzwang“ nahezu albern. Aber er existiert, und das Wort ist wahrscheinlich noch zu glimpflich formuliert.

Alkoholkonsum ist gesellschaftlicher Zwang und gehört zum Normalzustand. Obwohl mein Umfeld weiß, dass ich nicht trinke, verbringe ich bis heute keinen Abend ohne Aufforderungen, doch endlich mal mitzumachen: „Komm, mit mir kannst du es doch mal ausprobieren, ich verrate es auch niemandem!“ Als ob es darum ginge.

Natürlich denke ich, dass ich etwas verpassen könnte. Trotzdem hatte ich selten das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Eigentlich wird man erst anders behandelt, wenn die Personen wissen, dass man keinen Alkohol trinkt oder keine Drogen konsumiert - sonst würden sie es überhaupt nicht merken.

Was ich auch immer wieder interessant finde, dass viele Menschen trinken, weil sie betrunkene Menschen nicht ertragen können. So gehen sie lieber gar nicht erst mit, wenn sie - zum Beispiel aufgrund einer Medikamenteneinnahme - nicht trinken können. Oder sie trinken überhaupt nur mit, weil ihnen alkoholisierte Gruppen zu anstrengend sind. Schon absurd, oder?

Ich kann betrunkene Menschen besser ertragen, als die meisten Trinker. Ich verbringe die besten Abende mit betrunkenen Menschen!

Ich hasse nur zwei Sachen:

1. Wenn mir implizit vermittelt wird, dass ich gar nicht genauso viel Spaß haben kann und meine nüchterne Anwesenheit als Störfaktor empfunden wird (denn das ist ein konstruiertes Phänomen der anderen Seite, die automatisch denkt, die eigene Abstinenz würde bedeuten, betrunkene Menschen zu verachten)

2. Wenn betrunkene Menschen extrem unzuverlässig werden. Ich habe überhaupt kein Problem mit trunkener Naivität und lauter Heiterkeit - aber bitte kommt noch klar und vernachlässigt nicht alle Prinzipien, die ihr im nüchternen Zustand verfolgt.

Quelle: Noizz.de