„Dann bekommst du eben Pute!“: Vegetarische Weihnachten bei polnischer Familie

Silvia Silko

Pop, Kultur, Lifestyle
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Das ist kein Fleisch! Das ist ähhh..Rind! Foto: José Ignacio Pompé / unsplash.com

Alle Jahre wieder – dieselbe Diskussion.

Ich glaube mit gutem Gewissen sagen zu können, dass ich meinen Eltern nie großen Kummer bereitet habe. Es gab keine Teenieschwangerschaften, keine Drogeneskapaden, keine Totalausfälle. Jahrelang wähnten sich meine Eltern in der Sicherheit, dass ihre erwachsene Tochter aus dem Gröbsten raus sei, dass eigentlich nichts mehr schief gehen kann. Bis ich ihnen vor einigen Jahren eröffnete, dass ich Vegetarierin bin.

Und wie lebst du jetzt?

Für meine polnischen Eltern kam ein solches Bekenntnis einem Hochverrat gleich – ich hätte die beiden auch auf dem Schwarzmarkt beim Pokern verhökern können. Der Grad des Entsetzens dürfte so ziemlich derselbe gewesen sein. Nach dem ersten Schock, dem theatralischen Hände-über-den-Kopf-Zusammenschlagen und einem erschütterten „Oh Jesus!“, fragte meine Mutter schließlich: „Und wie lebst du jetzt?“ Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich aus ethischen Gründen nun mal kein Fleisch mehr esse und es doch genug andere Möglichkeiten gäbe, sich zu ernähren. Für meine Eltern muss das geklungen haben, als wäre ich in eine gefährliche Sekte übergetreten – aus der es mich seither zu retten gilt.

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Weihnachten – das Fest der vergeblichen Versuche, mich zurück auf den rechten Weg zu bringen

Vor allem Weihnachten ist alljährlich eine Herausforderung für sämtliche Nervenkostüme. Meine Mutter fragt bereits Wochen vorher jedes Jahr aufs Neue: „Was soll ich denn bloß kochen? Du isst ja nichts! NICHTS!“ – ich weiß nicht, ob es Einbildung ist, aber ich bin mir sicher, dass ihre Stimme dabei jedes Jahr leidender wird. Dabei bin ich gar nicht anspruchsvoll, möchte keine vegetarische Extrawurst. Ich esse liebend gerne die Beilagen oder koche mir ohne zu murren selbst etwas. In der Rechnung meiner Eltern zählt das aber nicht.

Die ersten Jahre versuchten sie noch, mir mit den abenteuerlichsten Erklärungen Fleisch unterzujubeln. Als meine Mutter mir etwa stolz helles, dick aufgeschnittes Fleisch auf den Teller packte und ich sie (nach tiefem Durchatmen und noch tieferem Blick in mein Weinglas) darauf hinwies, dass ich kein Fleisch esse, zuckte sie mit den Schultern „Das ist doch kein richtiges Tier – das ist Pute!“

Ein paar Jahre später gab meine Mutter dann das ihrer Meinung nach tierfreie Geflügel auf und schmiß einen Rinderbraten in den Ofen. Mein Vater packte mir diesen wiederum neben die Knödel, garniert mit wohlgemeintem Augenzwinkern und den Worten „Iss ruhig, wir erzählen das auch Keinem!“ – als würde ich insgeheim jede Nacht davon träumen, durch ein Metzgerei-Schlaraffenland zu tanzen – aber leider Angst haben muss, von der Veggie-Polizei geschnappt zu werden.

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Die traditionellen Sauerkraut-Teigtaschen, Pierogi genannt, sind das vermeintlich Vegetarischste, was das Repertoire meiner Mutter zu bieten hat. Mitten im Einpackstress und mit einem Bein schon aus der Tür auf dem Weg zum Bahnhof, um meine Eltern über die Feiertage zu besuchen, erzählen sie mir wohlwollend am Handy, dass sie dieses Jahr besagtes Gericht machen würden. „Ganz vegetarisch. Nur für dich. Das müssen wir dann alle essen. Deinetwegen!“ verkündet meine Mutter. Als osteuropäische Frau versprüht sie Vorwürfe wie andere Haarspray. Ich versuche es zu überhören und versichere ihr, dass ich mich sehr freue und dankbar bin. Am heiligen Abend genügt ein Bissen, um zu schmecken, dass sich neben den Steinpilzen und der großzügigen Menge Pfeffer vor allem auch sehr fein geschnittener Speck in den Teigtaschen befindet. „Wie soll ich die denn sonst machen? Ich muss die doch würzen! Das ist Gewürz – kein Fleisch! Gewürz! Das würde sonst nicht schmecken!“

Familienfeste: Das ist immer auch Kompromiss.

Ich habe es irgendwann aufgegeben, meinen Eltern zu erklären, dass mein Vegetarismus sich auch auf Geflügel und vermeintlich fleischige Gewürze bezieht. Ich habe meine Mutter außerdem wahnsinnig glücklich gemacht, als ich zugestand, Fisch aus strikt tierfreundlicher Zucht zu essen. Seither gibt es für mich alljährlich ein schier unbekämpfbares Überangebot an allem, was der Fischhändler ihres Vertrauens im Laden hat. Und so sitze ich dann an Weihnachten am Tisch zwischen Räucherlachs, 3 Kilo Krabben, gebratenen Thunfisch-Steaks und dem pochierten Kabeljau-Filet und denke, dass es schön ist, dass wir es über die Jahre geschafft haben, einen Kompromiss zu finden, den alle gut finden: Vodka. Ist sogar polnisch und vegetarisch.

Quelle: Noizz.de