... und die Antwort war etwas komplexer, als wir gedacht haben.

Kaum zu glauben, aber wenn die 365 Tage des Jahres 2019 vorüber sind, dann geht nicht nur einfach so ein Jahr zu Ende. Es beginnt ein neues Jahrzehnt. 2020 – also die Schnapspraline unter den Jahreszahlen mit Zwanzig-Zwanzig wird eine neue Ära einleiten. Mit jede Menge neuen Trends und überhaupt ... aber Moment mal, was ist eigentlich genau trendy und was eher nicht so?

Und schon mal darüber nachgedacht, wer sowas überhaupt festlegt?! Klar, wir schreiben euch hier auf NOIZZ jeden Tag, was gerade angesagt und was eigentlich ein totaler Fail ist. Aber das schon im Vorhinein abzuschätzen, damit beschäftigen sich manche Menschen hauptberuflich. So wie Lena Papasabbas. Die Kulturanthropologin arbeitet in Frankfurt am Zukunftsinstitut, das, wie der Name schon sagt, sich mit dem, was noch so kommen wird, auseinandersetzt – ganz wissenschaftlich.

Lena Papasabbas

Zu einer Hellseherin macht sie das aber noch lange nicht. “Natürlich können wir auch nicht hundertprozentig sicher sein, was in der Zukunft passiert”, sagt Papasabbas. Und so muss ich erst einmal lernen, dass es nicht nur den einen, kurzlebigen Trend gibt. “Klar, wenn ich mir jetzt angucke, was gerade im Food-Bereich oder in der Mode angesagt ist, kann man da recht präzise Auskunft geben”, sagt mir die Forscherin.

Trends funktionieren nur mit dem großen Ganzem

Um abzuschätzen, was uns in den kommenden Jahren wohl mehr oder weniger beschäftigen wird schauen sich Zukunftsforscher daher eher das große Ganze an und versuchen Verbindungen möglichst frühzeitig zu erkennen. "Dafür schauen wir uns vor allem Nischen an – welche Start-ups gründen sich, wo sind die unterwegs – das spielt sich alles eher auf einer Mikroebene ab und würde man auf den ersten Blick vielleicht als nicht ganz so wichtig beurteilen", erklärt sie mir.

Dafür haben man am Zukunfsinstitut insgesamt 12 Megatrends in den vergangenen Jahren erkennen können: Individualisierung, Gendershift, Silver Society, Wissenskultur, New Work, Gesundheit, Neo-Ökologie, Konnektivität, Globalisierung, Urbanisierung, Mobilität und Sicherheit. All diese Themenfelder beeinflussen sich natürlich gegenseitig und hängen von vielen Faktoren ab – und manche sind für die jüngere Generation spürbarer als für andere.

Wenn ich jetzt also platt frage, “Was wird 2020 für uns in der Generation Y und Z wichtig?”, lässt sich das also gar nicht so einfach beantworten. Zumindest aber, kann Lena Papasabbas uns einen kleinen Einblick geben, wohin unsere Reise gehen könnte.

Wir werden weiter Greta-Jünger sein

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Eins ist sicher: Nachhaltigkeit und Klima werden uns auch 2020 noch beschäftigen. Vor allem für die Generation Z, also alle, die Ende der 90er Jahre und Anfang 2000 geboren sind, ist das ein essenzielles Thema. “So etwas gab es schon lange nicht mehr. Mit ‘Fridays for Future’ hat sich eine ganze Generation eine Bewegung geschaffen und mit Greta Thunberg auch so etwas wie eine Art Ikone mit globaler Wirkung”, ordnet mir Papasabbas das Ganze etwas mehr ein.

Das beeinflusse auch die Identitätsbildung einer ganzen Generation. “Sie merken, dass sie ernst genommen werden können und sich etwas verändert.” Dieses neue Selbstbewusstsein spiele in viele weitere Lebensbereiche der Gesellschaft rein. So sei vor allem bei den etwas älteren Millennials ein Trend zu eher minimalistischen Lebensentwürfen zu sehen. “Das ist natürlich keine neue Entwicklung, aber sie verstärkt sich”, so die Zukunftsforscherin. Ist das also der Grund, wieso wir so krass auf Marie Kondo abfahren? Vielleicht.

Die Frugalisten kommen!

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In seiner Extremform zeigten sich diese Lebensentwürfe in einem Trend, der schon länger in den USA präsent ist, nun aber auch zu uns nach Europa schwappe: Frugalismus. Die Kurzfassung: Du lebst sehr minimalistisch, arbeitest und sparst so viel, dass du mit 30 oder 40 in die Rente gehen kannst – und so dein restliches Leben eher genießen kannst. Klingt verlockend.

Das wichtige dabei ist aber, dass diese Bewegung ihren Lebensstil nicht als Verzicht ansieht, sondern als eine bewusste Entscheidung besser und befreiter von Konsumzwängen leben zu können”, sagt Papasabbas. Frugalisten versuchen zum Beispiel auch, kaum Müll zu erzeugen und insgesamt nachhaltiger für alle zu leben. “Viele Gruppen vernetzen sich auch im Internet und agieren auch hier global”, erklärt die Expertin weiter. Hmm, aber müssten wir nicht eigentlich viel eher regionaler denken, als uns über alle Grenzen hinweg zu vernetzen?

Beides schließe sich nicht aus, sondern sei im Gegenteil auch ein Trend. Viele neue Start-ups, gerade auch in Deutschland, spezialisieren sich auf den Nachhaltigkeitsgedanken. Indem sie etwa altes Brot vom Bäcker aufkaufen, um daraus Bier zu produzieren. “Global denken, lokal handeln, ist hier der Grundgedanke”, fasst es Papasabbas zusammen.

Vom Ich zum kollektivem Wir

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Das wir immer mehr den Wunsch haben, uns zu vernetzen, sei es auch nur digital, kommt nicht aus dem heiteren Himmel. Dahinter steckt eine Entwicklung, die uns im nächsten Jahrzehnt, dass uns noch bevorsteht, wohl noch weiter beschäftigen wird. Nach Jahrzehnten der Individualisierung sehnen wir uns wieder nach Gruppen.

“Vor allem in den Städten galt lange die Devise ‘Jeder macht sein Ding’”, sagt Papasabbas. Laut ihr befinden wir uns quasi in einer Phase der Post-Individualisierung. Auf der anderen Seite spielen Massenereignisse wie die Olympischen Spiele, die 2020 in Tokio stattfinden werden, lange nicht mehr so eine große Rolle wie früher. Durch Streamingdienste wie etwa Netflix orientieren wir uns eher an unseren eigenen Interessen und Nischen statt an einem Massengeschmack.

Wir streben zwar nach Selbstverwirklichung und bewahren uns unsere Freiräume, wollen uns aber zunehmend mit Gleichgesinnten vernetzen. “Durch die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung wird das ja auch alles viel einfacher für uns”, fügt sie hinzu.

Rebellion der Maschinen?

Dieser Roboter funktioniert mit KI.

Wo wir schon bei Technologien sind, immer wieder liest man, dass künstliche Intelligenz (KI) das nächste große Ding sein wird. Vielleicht schon im kommenden Jahr? “Ganz ehrlich: Das ist schon ein kleiner Hype. Alle sagen das sei der krasseste Umbruch – aber so ist das nicht wirklich”, sagt Papasannas. Egal ob die persönliche Playlist bei Spotify, Empfehlungen bei Netflix oder Amazons Sprachsteuerung Alexa, überall stecke bereits KI drin. Wir stecken schon mitten drin im Zeitalter der KI.

Klar ist das eine mächtige Technologie”, sagt die Zukunftsforscherin, aber auch: “Wir werden in der nahen Zukunft keine humanoiden Roboter rumlaufen haben.” Mit der neuen Technologie seien eben große Ängste, aber auch große Hoffnungen verbunden, beides müsse man etwas herunterschrauben.

Es wurde aber auch Zeit: Die Gendergrenzen fließen

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Innerhalb der vergangen fünf Jahren hat sich ziemlich viel getan in der Art und Weise, wie wir unsere Geschlechterrollen in der Gesellschaft sehen – und das wird es auch in Zukunft. “Das ist ein Trend, der sich sehr langsam entwickelt hatte, aber gerade in der jüngsten Vergangenheit hat sich hier sehr viel verändert”, sagt Papasabbas.

Auch hier spiegelt sich der Wandel vor allem in der Generation Z wider. Wenn man die jetzt Anfang 20-Jährigen fragt, wie sie ihr Geschlecht oder ihre sexuelle Orientierung definieren würden, bekomme man inzwischen sehr viel diversere Antworten. “Die sind da sehr viel progressiver. Es ist eben nicht mehr stigmatisiert”, so die Forscherin.

#MeToo war erst der Anfang

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Dabei spiele es auch eine Rolle, dass es immer mehr weibliche Vorbilder gibt. “Wenn man eine Greta Thunberg sieht oder Angela Merkel seit 14 Jahren als Bundeskanzlerin hat, dann hinterfragt man vielleicht auch mehr, wieso das vorher nicht auch schon so war – und auch, wieso es immer noch verhältnismäßig wenige Frauen in Führungspositionen sind”, meint Papasabbas.

Gerade bei feministischen Themen merke man, dass viel in Bewegung sei. Ein gutes Beispiel sei da auch die Diskussion um den höheren Mehrwertsteuersatz für Menstruationsprodukte. “Früher haben Frauen das einfach hingenommen”, sagt sie. Inzwischen sei das Thema Menstruation aber sogar Teil der Popkultur geworden.

Wir machen nicht mehr mit beim Konsumterror

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Mit Ende 20 hatten meine Eltern schon ein Haus. Ich kann davon nur träumen – und so geht es vielen in meinem Alter. Auch hier verschieben sich die Denkmuster, sagt Papasabbas. Der Trend ginge eher zu immateriellen Statussymbolen wie Reisen und andere Erlebnisse. Dafür machen wir uns keine Gedanken um Altersfürsorge. “Das ist in gewisser Weise der Luxus einer Generation, die sich keine Sorgen machen musste – bis jetzt”, sagt Papasabbas.

Wenn wir sehen, dass unsere Eltern, obwohl sie alles Materielle hatten, dann doch vielleicht nicht ganz so glücklich waren, dann hinterfragen wir diese Muster natürlich und ändern unseren Lebensstil. Das führe auch dazu, dass die jüngeren Generationen immer schwerer mit klassischem Marketing zu erreichen sein werden. “Die einfachen Botschaften funktionieren nicht mehr so gut. Weil wir wissen, dass das nicht zwingend stimmt.” Das sei sowas wie eine Art “kollektives Erwachen”.

Städter sind zusammen allein

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Es klingt paradox: Obwohl wir insgesamt eher kollektivistischer denken und handeln, fühlen wir uns vor allem in der Stadt zunehmend einsamer – und damit steigt die Zahl psychischer Erkrankungen. Ein “Trend”, der zum zukünftigen Problem werden könnte. “Das geht weit über den Faktor hinaus, dass es uns nur so vorkommt, als ob es zu nimmt, weil wir mehr darüber reden”, gibt Papasabbas zu denken.

Auf der einen Seite sei es zwar gut, dass darüber offener gesprochen werde, weil es uns aufmerksam macht. Auf der anderen Seite zeige sich aber, dass eben gerade auch Menschen in Großstädten, die auch viele Dates und Freunde haben, trotzdem irgendwie einsam fühlen. “Auch psychische Probleme sind Teil der Popkultur geworden”, sagt die Zukunftsforscherin. Das zeigt sich bei Rappern wie Lil Peep, ist ein Thema bei Songs von Popikone Billie Eilish und auch Capital Bra rappt über "Tilidin".

Aber was kann man dagegen tun? Tja, da wären wir irgendwie wieder am Anfang unserer Trendsuche. Indem alle Bereiche sich mehr austauschen. Und wir Wege suchen, unser Leben auch in den neuen Zwanzigern mit nicht allzu düsteren Trendprognosen zu füllen.

Also: Prost Neujahr!

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  • Quelle:
  • Noizz.de