Tindert es sich in Berlin wirklich besser als im Uni-Kaff?

Laura Wolfert

HipHop. Popkultur.
Teilen
49
Twittern
Symbolbild: Wo tindert es sich besser? Großstadt vs. Kleinstadt Foto: Kevin Laminto / Unsplash

Als Dorfkind wusste ich eben nicht, was „BBC“ bedeutet. 

„Tinder in Berlin ist ein Traum!“, haben sie gesagt. „Dort leben nur heiße Typen und die Auswahl ist riesig!“, hieß es. Alles gelogen. Ich wurde als „typische Tinder-Fotze“ beleidigt und habe unerwünscht Dick-Pics bekommen – weil ich den Nachrichtensender „BBC“ mit „Big Black Cock“ verwechselt habe. Und ich habe gelernt, was „Ghosting“ bedeutet. Aber ist tindern in einer kleinen Stadt so viel geiler? Ein Vergleich.

Zu wenig Auswahl. Jeder kennt jeden. Freiburg.

Ich komme aus Freiburg im Breisgau. Zugegeben kein Dorf – trotzdem kennt hier jeder jeden. An sich ist das sehr schön – für Familien. Für Datingapps ist das aber scheiße. Tinder ist schnell mal durchgespielt. Denn die Auswahl, die man nach rechts swipen kann, ist nicht sonderlich groß. Nach Familienmitgliedern, Arbeitskollegen, Ex-Freunden, oder Ex-Freunden von Freundinnen bleibt nicht mehr viel übrig. Doch wenn der Radius weiter gestellt wird, ist man schnell in der Schweiz und Frankreich. Grüezi? Au revoir!

Hinzu kommt die Scham, selbst von Bekannten auf Tinder entdeckt zu werden. Schöne Datingplätze gibt es – doch mal jemanden ganz privat zu treffen ist fast unmöglich. Denn man kennt sich. Man sieht sich. Man redet. Gerade bei Tinder ist das ein großes Problem. Schließlich ist die App auch bekannt für „ne schnelle Nummer“. In Freiburg ist das allerdings unmöglich. Es sei denn, du stehst auf unangenehme Situationen. Du wirst mit Sicherheit deinen One-Night-Stand irgendwann wiedersehen. Wenn nicht auf der Straße, oder in der Mensa, dann in der Universitätsbibliothek. Garantiert.

Doch wie sich rausstellt, sind die Nachteile an einer kleinen Stadt eigentlich Vorteile.

Zu viel des Guten. Man wird geghostet. Berlin.

Ich bin frisch in Berlin. Der Umkreis von knapp 15 Kilometer aus Freiburg kann auf fünf runter gestellt werden. Zuerst bin ich begeistert, denn – ja, zugegeben – die Auswahl ist riesig! Ich swipe und swipe und swipe. Alles interessante Männer. Viele Schriftsteller, Schauspieler, Künstler. Das Problem: Die meisten sind Zugereiste. Kaum einer wohnt wirklich in Berlin. In der Biografie wird meist schon der Zeitraum angegeben, wann sie in der Großstadt sind. Willst du Mike aus Australien schnell mal treffen? Save the date! Dabei will ich doch niemanden wie ein Hotel buchen, sondern einen Mann richtig kennenlernen.

Ich merke schnell, dass die große Auswahl viele Nachteile hat. Bis es zu einem Match kommt, kann es eine Weile dauern. Und dann? Passiert nichts. Denn wie das eben bei einer großen Auswahl ist: Man kann sich nicht entscheiden – und auch ich bin nur eine von vielen.

Und wenn man doch ein Match hat und angeschrieben wird, ist man gleich sehr direkt. „Gib mal deine Nummer. Was suchst du? Wo bist du? Was machst du jetzt?“ In Freiburg hat man erstmal ein wenig Smalltalk gemacht. Sich angeschnuppert. Man ist vorsichtiger gewesen. Auf Tinder in Berlin fühlt man sich hingegen wie auf dem Jahrmarkt: Groß, schlank, nur ein Kilometer entfernt? Zack, gekauft, jetzt oder nie!

Das Problem: Wenn man dann nicht schnell genug antwortet, bist du eine „typische Tinder-Fotze“. So hat mich zumindest einer bezeichnet, weil ich wohl nicht schnell genug auf ihn eingegangen bin. Er dachte wohl, ich bekomme nicht genug und hätte gar kein wirkliches Interesse jemanden kennenzulernen. Er hatte die Sorge, ich „ghoste“ ihn.

Ghosten bedeuetet, dass man wie ein Geist verschwindet. Er hat dir unentwegt geschrieben und plötzlich meldet er sich nicht mehr? Tja, du wurdest „geghostet“! Ein Begriff, den es in Freiburg nicht gibt. Nicht mehr melden geht nicht – das Risiko, demjenigen wieder zu begegnen ist zu groß. In Großstädten wie Berlin sieht man sich hingegen einmal und dann vermutlich nie wieder.

Doch dann die Hoffnung! Ein nettes Match. Er scheint charmant, macht Smalltalk. Irgendwann tauschen wir die Nummern aus. „Wie hat dir eigentlich meine Biografie gefallen?“, schreibt er via WhatsApp und sendet dazu einen anzüglichen Smiley. Er beschreibt sich selbst mit: „1,90. Sportlich. BBC.“

Mein Journalisten-Ich freut sich. Ich frage, wie er dazu kommt, bei dem Nachrichtensender BBC zu arbeiten. Ich werde eines Besseren belehrt, was BBC eigentlich bedeutet und bekomme ungefragt ein Dick Pic. BBC? Big Black Cock. Auch das wäre in Freiburg nicht möglich. Keiner schickt einfach so sein Penis in der Gegend rum – oder protzt damit in der Bio. Dann kann man sein gutes Stück direkt groß ausdrucken und in die Stadtmitte hängen. Ich erinnere: Hier kennt jeder jeden!

Großstadt gegen Dorf: Traumprinz, wo findet man dich?

Zusammengefasst: kleine Stadt, kleine Auswahl. Doch dafür ist man eher bemüht, sich angemessen zu verhalten. In Berlin hingegen braucht man sehr viel Geduld und ist nur eine von vielen. Doch im Endeffekt ist es egal. Es geht nicht darum, wo man besser tindern kann. Sondern wo man „den einen“ trifft: der eine gute Macker – oder den einen, in den man sich verliebt. Ob der gerade da wohnt, wo du tinderst, ist reine Glückssache. Klein,- oder Großstadt ist völlig egal. Doch manchmal hat man dieses Glück. Tinder bietet nur eine weitere Möglichkeit, ihn doch noch zu treffen. 

Quelle: Noizz.de